." – Der Mönch wollte so eben die Lobrede des Juden unterbrechen, als der Oberstrichter mit lauter stimme durch das Gemach rief: "Der Türmer muss in's Wasserloch. Bei den Wunden des Heilands. Die Dirne entwischen zu lassen. Lieber Freund! Die Zofe des Fräuleins von Baldergrün, wie der ehrsame Schöffe hier die Dirne nennt, ist entsprungen samt ihrem kind. Ein neuer Beweis für des hochwürdigen Vaters Reinhold; die Magd hat dem Wetter nicht getraut, und das böse Gewissen hat ihre Fersen leicht gemacht."
"So komm denn, mein Sohn!" sprach Dieter zu dem Kleinen, den er liebreich auf den Arm nahm, indem er dem Pater Reinhold die Hand reichte: "Habt Dank, wackrer Mann, für Euern Zuspruch. Ich will alles aufbieten, die Verlorne wieder zu finden, und bewährt sich ihre Unschuld, wie Ihr sie verbürgt, so soll sie wieder die Meine sein, wie ehedem." – "Lieber Herr," flüsterte Gerhard dem Lehrer Dagoberts zu: "Sprecht doch ein Wörtlein zu dem Richter, dass er mich mindestens in Stadtgewahrsam versetze. Ich will zur Stechlanze werden, wenn ich länger die verdammte einsame Haft aushalte." – "Sohn, Sohn," sprach indessen Jochai schmerzlich zu Ben David: "Du wirst sehen, sie geben ihn los, der Schuld ist am ganzen Handel, und uns sperren sie ein in härtere Gefangenschaft." –
Noch hatte Johannes keine Zeit gefunden, das erbetne gute Wort zum Oberstrichter zu reden, als der ganze Schauplatz mit einemmale eine andere Gestalt gewann. Denn wie Sturmes Brausen tobten Menschenstimmen und Menschentritte über die Gänge, und der Türsteher meldete atemlos, dass ein Volksmeer das geräumige Haus überschwemme. An der Spitze der anstürmenden Haufen ziehe eine hässliche aber rüstige Dirne heran, über deren Haupt ein schwarzes Tuch herabhänge, und welche wie begeistert zu dem volk rede, und dasselbe auffordere, unverzagt voran zu gehen. – Der Schulteiss, durch diese Nachricht seiner finstern Grillen entoben, und seiner Würde zurückgegeben, ging vornehm und schnell dem tobenden Menschenstrudel entgegen, vor welchem so eben die mit Mühe von den Knechten zugehaltnen Flügelpforten des Gemachs aufgehen mussten. In die stube quollen die ersten des Haufens; in ihrer Mitte Judit, aus deren Zügen, gang und Geberden ein heftiger Schmerz und eine wilde Entschlossenheit sprach, welche vor der unnachahmlichen Hoheit des Schulteissen nicht verstummte! – "Richter und Herren dieser Stadt!" rief sie mit starker stimme: "Da Ihr zu hören vermögt, so hört, hört, was der Herr von mir begehrt hat, Euch wissen zu lassen!" – Die auffallende Erscheinung des Mädchens fesselte jede Zunge, und Judit fuhr fort: "Lasset los, die Ihr gebunden, und fanget diejenigen, so Ihr frei gelassen, denn ich will das Gewebe der Lüge zerreissen, da es noch Zeit ist, und keine Seele desshalb gestorben. Also spricht der Herr, unser Gott: Ich will nicht, dass Verirrte den Tod leiden sollen, da sie doch nichts Todeswürdiges verschuldet haben. Ich begehre aber, dass das Blut gerächt werde an dem Blute des Schuldbewussten. Lasset darum los diese Juden, denn es ist kein Fehl an ihnen, und ihr Ankläger allein ist der Frevel voll, ein gerüttelt Maass." –
"Ist das Weib wahnsinnig?" fragte der Oberstrichter heftig, da der Schulteiss nur Blicke des Staunens hatte, welche aber die entschlossene Judit nicht aus der Fassung brachten. – "Lüge ist Wahnsinn;" erwiderte diese Letztere stark: "aber Wahrheit ist gesunder Sinn. Der ewige Lügner hat Euch angesteckt: hört mich jedoch an, und Ihr werdet genesen." – Das umstehende Volk, welches schon durch die Gassen der Stadt der Rednerin gefolgt war, und an jeder Kirchtüre aus ihrem mund Worte vernommen hatte, deren Sinn und Zusammenhang es sich nicht zu deuten wusste, gewann nun Ehrfurcht vor der Kühnen, welche mit den Vätern der Stadt eben ohne Scheu und Zurückhaltung redete, wie zu ihm, und die Ratsherren, die nach und nach in dem Gedränge sich einfanden, Bürgermeister und Schulteiss an der Spitze, achteten bald die Überspannung der melancholischen Dirne für keine Tollheit mehr, und forderten sie auf, endlich herauszusagen, was sie auf dem Herzen trage. – Diese Aufforderung klang wie Himmelsmusik in Judit's Ohr, und sie begann freudig: "Euer Wille, edle Herren, ist mir Gottes stimme. Derjenige, der mich errettet hat aus den Klauen des unversöhnlichen Feindes, beweisst sich wieder stark und kräftig in dieser Mahnung, und wird die Saat zur Frucht aufgehen lassen durch sein himmlisch Wort. So hört denn zu, wie ich beginne vor allem volk, im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes!"
Langsam beginnend, aber immer schneller vorschreitend, – immer beredsamer werdend durch die Anspannung seiner Gedanken und Kräfte entwickelte das mutige Mädchen vor den Augen derer, zu welchen es redete, eine lange Reihe von Gräuelbildern, deren Wiege ihr väterlich Haus gewesen war, eine traurige Kette von Freveln, deren Schauplatz die berüchtigte Schenke, deren Grab das dunkle Moor geworden. Die Zuhörer bebten bei dieser furchtbaren Rechnung, und schauderten, als sie erfuhren, dass in jenem abgelegenen Winkel die Herberge jener entsetzlichen Mörder gewesen, unter deren Dolchen seit langen Jahren die ganze Umgegend gezittert hatte. Noch höher stieg ihr Abscheu, da endlich aus diesem Gewirr von grässlichen Taten eine Gestalt aufdämmerte, deren