Kerker liegen voll. Wir haben Eile." – "Ei, ehrsamer Herr," sprach hierauf der Predigermönch, der sich in das Gespräch mischte: "Frommt denn die Eile im Blut- und Königszwang? Gibt es denn Fürchterlicheres als einen Richterstuhl, vor welchem die Sandkörner ängstlich gezählt werden, weil das Urteil nach dem Falle einer gewissen Zahl derselben gefällt werden muss? – O, mein edler Herr! Gedenkt der traurigen geschichte die sich beim Halsgericht zu Friedberg ereignet hat. Ein Jude war auch dort der Angeschuldigte, Zauberei mit einem kind getrieben zu haben, und während hier durch Gottes Zulassen die Wahrheit an den Tag kam, hatten die Friedberger dort bereits den Armen verbrannt." – "Das geschah nicht minder mit der Zulassung des Herrn;" antwortete der Oberstrichter kalt: "Jedem das Seinige, hochwürdiger Herr. Ihr seid ein Held auf der Kanzel, wie an dem Arbeitstische; lasst mich auf dem Richterstuhle gewähren. Euch mag ein Sünder, der aus seiner Verstockheit zurückkehrt zum Heil, angenehmer sein als tausend Gerechte, die nie gestrauchelt sind; denn die göttliche Milde spricht durch Euern Mund zu uns. Wir aber sind die Diener weltlicher Macht, und das Schwert ist in unsre Hand gegeben, – nicht, dass wir damit spielen, sondern dass wir es gebrauchen, und besser ist's, wenn zehn Unschuldige fallen, als dass ein Schuldiger aufrecht stehen bleibe." – "Grässlicher Grundsatz," seufzte Johannes, während die Juden sich bekümmert ansahen: "Eine Vorschrift, die der heimlichen Acht würdig wäre, welche den Stab ohne Unterschied über jeden bricht, der einen feindlichen Kläger gefunden hat." – "Wisst Ihr das so genau?" fragte der Oberstrichter mit feinem Lächeln: "Ein Glück ist's dass Euer Gewand Euch sicher stellt vor der Vehme, sonst möchtet Ihr doch ob solchen Reden Ungelegenheit erfahren. – Hier ist übrigens ein offen Gedinge, und über Zwang und Hinterlist dürfen sich die Beklagten nicht beschweren." – "So lasst, um ehrlich und redlich zu verfahren," – fiel Johannes ein, – "zum Nutzen und Frommen dieser armen Leute, die, wenn gleich Verirrte und in bösem Wahne befangen, dennoch Menschen sind, jetzt alsobald, um wenigstens den Handel über diesen Knaben in Ordnung zu bringen, die Ankläger vorfordern und mit dem kind zusammenstellen, damit sie aussagen, ob es dasjenige wirklich sei, das damals in des Juden Haus erschien. Auf das zeugnis der stummen Grete wäre noch am ersten zu bauen, denn der getaufte Jude soll Zorn und Hass gegen seinen ehemaligen Meister hegen, und diess macht seine Klage verdächtig."
"Ei, das hebt sich auf;" antwortete der Oberstrichter: "diese Juden haben sich nicht entblödet, Abscheuliches von ihrem ehemaligen Glaubensbruder zu berichten. Die Magd, von der Ihr redet, ist während der Zeit gestorben, und Friedrich steht allein gegen die Juden, aber um so gewichtiger und bestimmter ist seine Klage, die durch ihre Umständlichkeit jeden Zweifel niederschlägt, und dann verdient sein Wort ein unbedingteres Vertrauen, weil ihn der Himmel so sichtbarlich erleuchtet hat durch seine Gnade, und er gleich und den Erlöser verehrt, den diese Hunde läugnen." – "Ach!" seufzte der Mönch, mit einem Blicke der tiefsten Wehmut auf die Unglücklichen, die i h r e Augen niederschlugen zur Erde, um der bittern D e h m ü t h i g u n g nicht in die Augen zu schauen: "gestrenger Herr! Der Buchstabe nicht und nicht das Wort macht lebendig, denn beide sind nur ein leerer Schall, wenn sie der Geist nicht belebt. Eben so wenig, guter Herr, als unsre Psalmen, an der Bahre eines toten gesungen, wieder Atem hauchen in dessen Brust, – eben weil sie tot und starr ist, – eben so wenig wird im Glauben derjenige leben, welcher nie im Glauben wandelte. – Indessen" – setzte er mit einem leichten Übergange hinzu, – "will ich nicht an der Bekehrung dieser Beiden hier zweifeln, da der eifrige Vater Reinhold sein Werk mit ihnen begonnen, und schon die vorige Nacht im Kerker mit ihnen zugebracht." –
Jochai schauderte zusammen bei dieser Vermutung, und Ben David schüttelte unwillkührlich und fast unmerklich den Kopf. Indem ging die tür auf, und der abgeschickte Ratsknecht kam eilig herein, und ging verstört auf den Oberstrichter zu, den er geschäftig auf die Seite zog. – Ben David bückte sich mittlerweile vor dem gelehrten Johannes, und küsste den Ärmel seines Gewandes, obgleich ihn Jochai von dieser, eines eifrigen Juden unwürdigen Handlung zurückzuhalten versuchte. "Ihr seid ein Mensch;" – sprach er bewegt, mit nassen Augen: "Der hochgelobte Gott lohne Euch Euer mildes Mitleid, denn ihr geht einher, wie der Fürst der Barmherzigkeit. Euch sind wir keine Fremdlinge, wie unser Name uns nennt1, und Ihr seid es nicht für uns, weil Ihr achtet unser menschlich Angesicht, und versteht unsre Sprache; denn wir wissen gar wohl, dass Ihr das Buch Hiob entbunden habt aus den Ketten fremder Zunge, und es gelegt habt auf die Lippen der Deutschen2; und auch wir kennen den Mann aus dem land Uz, und auch über unserm haupt hat geleuchtet die Leuchte des Herrn, und gleich ihm ist sie uns ausgegangen in der tiefen Finsterniss, wo wir denn hülflos tappen, wenn nicht eine Freundeshand uns führt, wie die Eure