Dieter. – Also ist die Gewalt eines liebevollen Herzens, das gleichsam wider Willen von Groll umsponnen wurde, dass der geringste Anlass den Geist der Liebe wieder darinnen mächtig weckt. Dieter erfuhr es in diesem Augenblicke. Die scheue, – man möchte sagen – sclavische Geberde des Kleinen gewann ihm plötzlich die Zärtlichkeit des Alten, weil es demselben schmeichelte, dadurch vor der Welt sein Recht, das er selbst beinahe im Argwohn aufgegeben, behauptet zu sehen. Er zog den Buben an seine Brust, küsste ihn, und rief: "Ja, ja, du armer kleiner Hans! Du sollst den Vater nicht länger missen. Bitte nur den Himmel, dass er völliges Licht in diese Wildniss von Zweifeln sende." – "Das ist Dein Vater also;" fiel der Schulteiss ein, welcher gar zu gerne den Knaben auf einem Fehlwort ertappt hätte: "Wer aber ist Dagobert?" ... "Mein lieber Bruder!" erwiderte Hans vergnügt und munter. – "Und Frau Margarete? ..." fuhr der Versucher fort. – "Mein liebes, liebes Mütterlein!" hiess die unbefangene Antwort, und der Schulteiss sprang auf mit den Worten: "In Gottes Namen denn! Selig sind die da glauben, und nicht sehen!" Dieter sah gehässig auf den Unmutigen, der zum Fenster trat, und wandte sich dann zu dem Oberstrichter und den geistlichen Herren. "Gewisse Vorfälle," sprach er, "die sich während meiner Tochter Anwesenheit zwischen ihr und dem Knaben ereignet, so wie die Aussagen des Kleinen bestimmen mich schier, an die Gewissheit der Aufklärung, die Ihr gegeben, würdiger Pater Reinhold, zu glauben. Ich danke Euch auch mit zerknirschtem Herzen dafür, denn ich beginne mein Unrecht einzusehen, und verzeihe sowohl dem Junker von Hülshofen, als auch dem elenden Juden hier, dass sie mit meinem Blute einen Handel getrieben. In diesem Augenblicke schmerzt mich nichts mehr, als dass meine Wirtin einen Schritt getan, der ihr nicht erlaubt, selbst hier das Gesagte zu bekräftigen. Willhild, welche um die Sache vollkommen wissen muss, hat sich am zweiten Tage nach Wallradens unbegreiflichem Raube, auf eine weite Wallfahrt begeben, und ich habe nichts von ihr gehört; allein Wallradens Zofe, unstreitig eine Vertraute des Frevels, ist in diesen Mauern, und sie ist es, die Ihr gefangen haltet, Herr Schulteiss, weil sie das Unglück hatte, von Euern Häschern für eine Andre gehalten zu werden." – "Weder ein Unglück für sie," entgegnete der Ritter stolz, "noch eine Sünde von mir. Der Oberstrichter hat über die Magd sammt ihrem kind zu verfügen, und wird sich nicht weigern, sie vorführen zu lassen."
Der Oberstrichter zog die Schelle, und befahl, die Magd aus dem Gefängnisse zu holen. Während nun Dieter mit dem Bettelmönche und seinem Buben in freundlicherm gespräche verkehrte, der Predigermönch von dem von Hülshofen sich den Hergang des Abenteuers zu Worms berichten liess, und der Schulteiss voll stillen Grimms die Fensterscheiben einsam und verdrossen zählte, nahten sich die beiden Juden dem Oberstrichter ehrfurchtsvoll, und küssten den Saum seines Gewandes, und Jochai hob an: "Gestrenger Herr! grosser Richter über uns. Die Zeit hat angefangen zu werden gut, nachdem sie lange ist gewesen böse. Werdet auch Ihr gut wie die Zeit, und hasst nicht meinen Sohn, und haltet ihn nicht länger wie einen Mörder, denn er ist ja keiner, und ihm wird einst sein das Paradies der Gerechten, und auf seinem Andenken Friede. Ihr habt mich gewürdigt einer grossen Barmherzigkeit, für die Euch des gepriesenen Gottes Herrlichkeit wird segnen mit vielen Gütern und vielen Jahren in der Zeitlichkeit; denn Ihr habt seit geraumer Frist geschont mein weisses Haar, gespeist meinen Leib, und das Öl der Gnade gegossen in die Wundmale, die ich an mir trug von den Ketten der Gefangenschaft. Lasst Ausgehen diese Barmherzigkeit nicht minder über meinen Einzigen, weil er auch schuldlos ist, damit er nicht verkümmre und verkrumme im Elend." – "Was soll das Gewäsch?" fuhr der Oberstrichter mit Härte auf: "Soll ich ihn auf Teppiche betten, und in Prunkgemächern wandeln lassen? Mit Deinem Alter hatte ich Mitleid, und weil ...." der Oberstrichter verschluckte was er sagen wollte. Kurz darauf fuhr er indessen mit der obigen Härte fort: "Ein für allemal, Ihr seid ein zudringliches Volk. Reicht man Euch den Zaum, wollt Ihr gleich das Pferd nicht minder. Was wollt Ihr denn? Ihr seid nicht gerechtfertigt, nicht frei. Eine Anklage wie die Eurige auf Haut und Haar wird nicht aus der Luft gegriffen sein. Einen Buben mögt Ihr verkauft, einen andern gemartert haben, und Euer Anteil an der Blutzapfer entsetzlichem Gräuel, ist unläugbar. Gesteht darum lieber, denn der Folter werdet ihr nicht entgehen, ich schwöre es Euch." – "Peinigt uns doch nicht!" bat Ben David: "Mein Vater ist rein wie der Schnee, und ich nicht weniger schuldlos an den Grässlichkeiten, die man mir aufgebürdet. Aber wir würden beide bekennen das, was nie geschehen, unter den Martern der Folter. Sollen wir denn verwirken das Leben durch ein gezwungen falsches geständnis?" – "Ausflüchte," schalt der Oberstrichter: "Schon zu lange hat die Untersuchung gedauert, und der Rat zürnt meiner zögernden Nachsicht. Es muss zu Ende gehen; so oder so. Die