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Der Mönch hielt inne mit seiner Rede, die er mit stürmischem Eifer vorgetragen hatte, und alle Anwesende schwiegen eine Weile. Dieter sah starr auf den Knaben, der sich an die grobe Kutte des Mönchs schmiegte, der Oberstrichter kaute an den Nägeln, der Schulteiss lehnte sich mit vornehmer Geberde, ein ungläubiges Lächeln auf dem Antlitze, in den Sessel zurück. – "Und was sagst Du, Jude?" fragte der Oberstrichter endlich den harrenden Ben David. Dieser zuckte die Achseln, und entgegnete: "Was fragt Ihr doch nach m e i n e m Gezeugnisse, gestrenger Herr, da schon der gelehrte und heilige Mann dort gezeugt hat, und geredet? Ich bin nur ein schlechter Jud; aber auch unsre Leute glauben alle an die vom Stamme Levi." – "Welche Widersprüche!" rief der Schulteiss: "Mit erlaubnis, hochwürdiger Herr; allein wie mag's geschehen, dass der Jude geschwiegen bis jetzt?" – "Das möge er selbst verantworten;" versetzte Reinhold mit scharfem Seitenblicke auf Ben David. Der Letztere nahm auch alsobald das Wort: "Ich habe gehandelt recht, da ich den Buben zurückgab der Mutter, und das Recht ist ein gut Kopfkissen im Turme sogar. Ich habe auch immer gehofft, wir würden sein gerettet durch der ehrsamen Frau Margarete Beistand, und nicht verlassen hätte uns diese Zuversicht bis zum Ende. Darum habe ich nicht genannt ihren Namen vor dem Gericht, weil ein edler Name nicht gehört davor." – "Schurke!" murmelte Gerhard zwischen den Zähnen: "ich wollte, mein Name wäre auch hier nicht genannt worden." – "Ihr habt freilich nicht am Vorteilhaftesten Euch ausgezeichnet," meinte der Oberstrichter: "allein ohne Euer zeugnis wäre das Ganze nicht entüllt worden, denn niemand, auch Frau Margarete nicht, konnte ahnen, dass von diesem Knaben gerade die Rede sei, in der Anklage gegen die Juden. Aber, erklärt uns lieber, Junker voll Hülshofen, wie es wohl geschehen sein mag, dass der Sohn des ehrsamen Schöffen, der junge Dagobert, den kleinen Stiefbruder nicht erkannte, da er doch bei dem Funde gegenwärtig gewesen, wie Ihr behauptet habt." – "Ei Herr," antwortete Gerhard, begierig, sich so schnell als möglich aus dem Handel zu wickeln, der einen überraschend guten Ausgang für ihn darzubieten schien: "das geschah am Martinsabend, wo wir alle nicht recht im stand gewesen wären, unsre Väter und Mütter zu erkennen, geschweige denn unsre Brüder. Dass der Jude den Buben erkannte, – am folgenden Tag nämlich, – das glaube ich recht gern; er war betroffen; aber die Hoffnung, Gewinn zu ziehen, machte ihn schweigen, damit ich ihm nicht etwa zuvorkäme; ich begreife das." –

"Der Herr weiss, wie wir handeln;" fügte Ben David schlau lächelnd bei. – "Mich ergötzt es ungemein," hob hier der Predigermönch Johannes an, der bis jetzt keine Sylbe zu dem Gespräch gegeben hatte, "dass durch des Junkers Aussage mein guter Dagobert von jeder Mitwissenschaft an dem dunkeln Gewebe dieses seltnen Menschenkaufs freigesprochen wird. Mich hat es tief betrübt, da ich hörte, dass auch in dieser gräulichen Judensache meines Zöglings Name vorgekommen. Ein teuflischer Unhold scheint sich seit kurzer Frist Mühe gegeben zu haben, alles Unheil über dem haupt Dagoberts, des Schuldlosesten aller Menschen, zusammenzublasen, und sein eigner Vater sogar hat an die Lügen der leidenschaft und des Zufalls geglaubt. Desshalb habe ich mich aufgemacht von meiner Zelle, um hier ein Wort der Sühne für den Zögling zu sprechen, derabwesendnicht selbst seine Sache zu führen vermag; denn ich kenne sein Herz, – ich habe es gebildet; ich darfich kannich muss mich für ihn verbürgen." – Reinhold schaute, während Dieter vor der Hoheit des beredten Priesters die Augen niederschlug, den Mann eines verhassten Ordens, scharf von der Seite an, und sprach: "Das mögt Ihr allerdings, gelehrter Herr; allein lasst uns im Geleise bleiben. Dagobert findet seinen Richter in und ausser sich. Hier handelt sich's jedoch um andre Dinge: um dieses Knaben Wohlfahrt, um die Unschuld seiner Mutter." – "Rede, Hans!" hob nun mit einem tiefen Atemzuge Dieter an, und nahm den Buben freundlich bei der Hand: "Sage uns selbst, mit eignem mund, wer Dich davon geführt hat, von Willhild." – Der Knabe sah ihn fragend an. – "Wer verliess Dich zu Worms?" fügte der Oberstrichter bei. – "Ei, die schwarze Mutter!" antwortete das Kind: "sie hat mich erbärmlich geschlagen, und dann auf der Gasse liegen lassen, da ich schlief. Der Mann hier hat mich darauf zu sich genommen." – "Ganz recht, Knabe;" versetzte Reinhold: "wer ist aber die, die Du eine schwarze Mutter nennst?" – "Schwester Wallrade ist's," entgegnete Hans nach kurzem Besinnen: "Da sie wieder kam und mich küssen wollte, hatte sie ein rot Röcklein an; ich habe sie aber doch wieder erkannt."

"Wer ist Dein Vater, Knabe?" – fragte der Schulteiss plötzlich und scharf. Der Knabe stutzte ob der heftigen Anrede; aber ein ermunternder Händedruck des Paters an seiner Seite gab ihm Mut, und er deutete scheu und verzagt auf