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ich im Reinen. Reu und Leid tue ich von Herzen, und will auch die Armen reichlich bedenken, so ihr mich von hinnen lasst. Ihr seht, der Bube ist ein Christenbube geblieben und in reiche Sippschaft geraten. Ich wasche meine hände in Unschuld. Der verdammte Jude, der von meiner Trübsal Nutzen zog, mag es entgelten. Spart nur die Folter nicht an dem Hunde, bis er bekennt, was er mit dem Knaben vorgenommen, bis er ihn so weit gebracht. Mich jedoch lasst ziehen mit Verlaub." – Ein ernster blick des Schulteissen brachte mit einemmale den Schwätzer zum Schweigen, und der aufgerufene Jochai bezeugte mit zitternder stimme: "Dieser sei wirklich der Knabe, den einst David in sein Haus gebracht, aber auch wieder von dannen geschafft habe, ohne zu sagen, wohin."

Ben David trat nach ihm vor, und sagte bescheiden und ruhig: "Mir soll Gott helfen ... Das ist das Jüngelchen, leibhaftig, und ich will nicht läugnen fürder." – "Aber bei den Wunden des Herrn!" fuhr Dieter auf: "wie verwickelt sich denn plötzlich meines Hauses Ehre mit diesem ekelhaften Judengesindel? Was ist da vorgegangen? Wer ist der Knabe? Ist dieser Bube mein Sohn ... ist er's nicht? Rede, verruchter Menschenkäufer!" – Der Schulteiss lächelte tückisch, und hing mit den Blicken an Ben David's Antlitz, welcher sich ruhig neigte und laut erwiderte: "Bei der Hoffnung Israels! Euer Sohn ist's, Herr; Ihr mögt's glauben!" – "Gelobt sei doch der Herr, unser Gott, und gepriesen, dass er endlich aufgetan den Mund des Stummen!" betete Jochai aus dem grund seines Herzens, und umarmte den Sohn, welcher die weitern fragen des Richters, wie des Schöffen erwartete. – "Aber, ... bei den Märtyrern!" begann der Letztere mit unruhig pochender Brust: ... "ist der Bube mein ... wie kam er nach Worms, wie in Deine hände, Jude? Hast Du begonnen, die Wahrheit zu reden, so vollende auch, oder bekenne, dass Du in diesem Augenblicke gelogen. An Deinen Worten hängt Schuld oder Unschuld meines Eheweibes." – "Das Frau Margarete rein in dieser Sache war, wie der Abendstern, bekräftige ich mit meinem priesterlichen Worte;" entgegnete Reinhold wichtig und vernehmlich, ohne sich durch des Schulteissen drohendes Antlitz ausser Fassung bringen zu lassen: "es ist an der Zeit, dass Ihr endlich von Euern verderblichen Irrtümern wiederkehrt zum Vertrauen, Herr Dieter. Gerade nicht die, die Ihr hasst, wollte Euern Gram und Verderben, sondern die, die Ihr unverdient geliebt. Es tut mir weh, dass ich hier das Vergehen einer unnatürlichen Tochter aufzudecken habe; allein ich r e d e vor Männern, und die Wahrheit soll man sagen ohne Menschenfurcht. Eure Tochter Wallrade, von Hass entbrannt gegen eine Stiefmutter, die ihr Erbe und Vaterliebe zu schmälern schien, hat Euer Kind aus Willhild's, der Pflegerin Hütte gestohlen, und mit sich gegen Worms geführt auf ihrer Fahrt gegen Costnitz. Dort hat sie den Knaben ausgesetzt dem Mangel und der Hülflosigkeit, ihn schlafend auf der Strasse verlassen. Gott wollte, dass dieser Mann das Kind finden musste, und sich dessen annahm, und der Jude, der den wohlbekannten Sohn einer Frau, die ihn im Handel günstig stets bedacht hatte, in dem Buben entdeckte, säumte nicht, ihn zu erkaufen, und der zum Tod betrübten Mutter heimzubringen. Zu den Füssen derselben hatte sich indessen die trostlose Willhild geworfen, und sie angefleht, ihre Sorglosigkeit nicht dem Zorne des Vaters Preis zu geben. Um der Verzweifelnden zu schonen, und des Vaters Herz nicht zu brechen, schwieg die barmherzige Mutter, und verbarg ihren Gram in sich. Allein ihr Gebet war eifrig, und blieb nicht unerhört. Aus den Händen eines verworfenen Hebräers liess er für Euer Haus das Heil erwachsen, und den Knaben wieder hervorgehen. Und als endlich durch Wallradens erscheinen im Vaterhause der leise genährte Verdacht, dass sie des Knaben Räuberin gewesen, bestätigt wurde durch ihr Erschrecken bei seinem unverhofften Anblick, durch des Kindes Sträuben gegen sie, die ihn misshandelt hatte, und durch dessen eigne kindliche Geständnisse, ... da zeigte sich dafür die Tugend Margaretens in ihrem schönsten Lichte. Sie verbot der eifrigen Willhild, die Euch, edler Schöffe, in's geheimnis ziehen wollte, jede Einmischung: sie verzieh grossmütig der bittenden Feindin nach den Worten des Heilands: 'Segnet, die Euch fluchen! tuet denen liebes, die Euch Böses getan!' – Sie schwieg um nicht des Vaters Herz von der Tochter zu reissen, und ahnte nicht, dass der unseligste Argwohn so bald ihren Frieden trüben würde. Verkannt duldete sie jede Kränkung und schwieg, und floh lieber das Haus ihres Eheherrn, um nicht vor den Schranken des Gerichts eine Tochter anklagen zu müssen, die sie lieben möchte. Da aber nun plötzlich die Dinge und der böse Handel dieser Juden eine solche bedauerliche Wendung nehmen, und das ehrliche Haus eines wackern Altbürgers mit in den Strudel der Verworfenheit hinab zu reissen drohten, konnte und mochte ich nicht länger schweigen, und entdecke, um die Abwesende zu verteidigen, lieber frei und offen, was sie mir, nicht unter dem Siegel der beichte, wohl aber im engsten Vertrauen längst geoffenbart."