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kann Alles. Wo seine Kräuter nicht ausreichen, da h e x t er die Krankheit weg."

"Einfältiges Geschwätz!" eiferte die Gebieterin "Ich werde doch wissen, ob ich krank bin oder nicht. Das Ganze wird meines Bedenkens nichts anders sein, als die Folge der Unruhe, die meinen Schlaf stört, und mir böse Träume verursacht."

"Die bösen Träume wie die guten kommen von Gott;" meinte Else mit einem frommen Seufzer. – "Darum hat er auch zugelassen, dass gewisse Menschen die Träume auszulegen vermögen, als läsen sie deren Bedeutung aus einem offenen buch. Meiner Mutter Schwester konnte fürtrefflich damit umgehen, und bei ihren Lebzeiten hat man sie oft zu den vornehmsten Geschlechtern berufen, um Träume zu deuten. Ich habe ihr viel abgelernt, als ich bei ihr wohnte, aber freilich zu ihrer ganzen Kunst hab ich's nie gebracht." –

"So?" fragte Margarete neugierig werdend: "Da Du so geschickt bist, hätte ich beinahe Lust, Dir das Gesicht mitzuteilen, das ich erst verwichne Nacht hatte, und dessen Andenken noch jetzt mit einem seltsamen Schmerz meine Seele foltert, obgleich ich wieder Lust hätte darüber zu lachen."

"Nur nicht lachen!" warnte die gläubige Else. "Ein Traum ist gar ein ernstaft Ding. Aber nicht jedes böse Traumgesicht bedeutet darum eine böse Wirklichkeit. Oftmals verkehrt sich des Schlummers Leid in wachende Freude. Wer im Schlafe Särge sieht, macht gewöhnlich bald eine fröhliche Hochzeit, und wer hinwiederum geträumt, er werde in der Kirche mit der Braut eingesegnet, braucht gar häufig kurz nachher sein Todtenhemd."

"Nun!" versetzte die Frau etwas aufgeheitert: "In dem gesicht, das ich Dir mitteilen werde, kommt nichts von Särgen vor, und nichts von einer fröhlichen Trauung. Es wird daher wohl nichts Schlimmes auf sich haben. – Höre mir zu, gute Else. Sieh! ich schlummerte ein vor Mitternacht, und sah mich, nach manchen Traumbegebenheiten, auf die ich mich nicht mehr besinnen kann, in einen herrlichen, zu einem lustigen Bankett geschmückten Saal versetzt. Es war alles spiegelblank geputzt. Blumensträusse wehten über allen mit Gold- und Silberstück gedeckten Tafeln, und ich war, gleichsam als die Königin des Festes, auf einem Tronsitz erhöht, der ganz von Rosen eingefangen war."

"Ach! das ist herrlich!" rief Else: "Rote Rosen bedeuten Glück und Jugend."

"Höre weiter!" fuhr Frau Margarete fort: "Da ich nun also gefeiert da sass, von vielen köstiglich angelegten Herren und Frauen umgeben, die mir dienten, so fiel mein blick auf einen Spiegel, der mir gegenüber hing, ... von einer Grösse, wie ich mich nicht entsinnen kann jemals gesehen zu haben. Von dem Anblick überrascht, lächelte ich freundlich meinem Spiegelbilde zu, und gewahre, indem ich die Lippen öffne, in der Reihe meiner Zähne einen weitblinkenden vom feinsten Golde gestalteten, wunderbar und zaubrisch mir entgegenleuchtend. Und wie ich nun, entzückt davon, aus den Händen eines Pagen einen Becher empfange, geschnitten aus purem Edelstein, und angefüllt mit hispanischem Weine, und ihn an den Mund setze, so berührt kaum der erste Tropfen meine Zunge, als plötzlich mit einem schrillenden Klange, dem gleich, den ein zerschmettertes Kelchglas von sich gibt, der goldne Zahn gewaltsam losspringt von den Übrigen, und klingend zur Erde fällt. Ich bücke mich schnell nach dem Entwurzelten, aber zu meinen Füssen war der glatte Boden des Saals zu wüstem Schlamm geworden, der, wie ein Strudel gährend, das goldne Kleinod immer tiefer hinabschlürfte in den schwarzen Mund. Mein Jammer war nicht zu beschreiben, bis eine Hand aus dem neblichten Dufte um mich her, sich herausstreckte, mit einem blütenweissen Zahne zwischen den Fingern, und ihn an die Stelle des Verlornen setzte. – Aber, Kind, Du bist bleich geworden, ... rede ... was hältst Du von diesem Traume?"

Frau Margarete blickte ängstlich zagend in die Augen der Magd, die, eine bangende Zuhörerin, sich vor ihr niedergekauert hatte, und endlich, die hände der Gebieterin an ihre Brust drückend, ausrief: "O, das ist ein bös gesicht, liebe Frau! Ach, welch Unheil mag es Euch verkündet haben ..."

"Also doch?" fragte Margarete, von einem leichten Frost geschüttelt: "Unbarmherzige, Du hörtest noch nicht Alles, und beinahe sollte ich Dir Schonungslosen das Ende verschweigen. Doch m u ss t Du jetzt Alles wissen, da ich Dir so viel verraten. So wisse denn, dass, während mein Auge hoffnungslos dem goldnen Punkte folgte, der, immer tiefer sinkend, nur wie ein ferner Stern noch in dem gährenden Dunkel sichtbar war, sein neugepflanzter Stellvertreter in meinem mund lebendig wurde, sich, in eine graue Schlange verwandelt, auf meine Brust herabringelte, und mit heissem Schmerze sich da einbohrte, wo das Herz schlägt ..."

"O haltet ein, liebe Frau!" seufzte Else unter ängstlichem Zittern: "das ist des Entsetzlichen zu Viel! Eilt, durch Gebet und fromme Gaben des himmels Zorn zu wenden, der Euch ein liebes Kleinod rauben will, aus dessen Verlust ein immer nagender Wurm entspringen und Euer Herz verzehren wird. Betet zu der heiligen Mutter, zu den Märtyrern, dass sie Euer Wort führen vor dem Trone, wo der Vater sitzt