es leid," – fügte er aufstehend, und gegen Dieter gewendet, hinzu, – "dass Ihr um nichts gelehrter seid, nach diesem zug, und lade Euch ein, von diesem Handel abzubrechen, da ich Leute nahen sehe, die unsre Aufmerksamkeit anderweitig in Anspruch nehmen werden." – "Sogleich;" entgegnete Dieter finster grollend: "Was ist aber aus dem Leuenberger geworden, und dem weib, das zu ihm sich gefunden?" – "Traun, lieber Herr," antwortete der Rottmeister verdutzt: "Das mögen die Beiden am Besten wissen. Hat sie nicht der Blitz erschlagen, werden sie wohl mit heiler Haut davon gekommen sein." – "Dummkopf!" murrte Dieter dem Fortgehenden nach, und sprach dann vor sich hin: "Bleibt mir denn eine Wahl der Gedanken und Vermutungen? Margarete war das Weib ... und ihr bös Gewissen hat sie von mir gejagt. O, ich stehe allein unter entmenschten Geschöpfen, gezwungen zu hassen, die ich liebe, ein verlassener, betrogener, misshandelter Greis!" –
"Macht Euch auf Weiteres noch gefasst;" sprach der Oberstrichter sanft zu ihm, und Dieter gewahrte beim Aufschauen das Gemach von Leuten angefüllt, in deren Kreise sich zu finden er sehr betroffen war. Da waren eingetreten, ausser dem Richter in der Amtstracht, der Barfüssermönch Reinhold, der Predigermönch Johannes, berühmt durch seine Gelehrsamkeit und seines herrlichen Gemüts Vorzüge, der Edelknecht Gerhard von Hülshofen, welcher, blass und abgefallen, kaum mehr zu erkennen war; und im Hintergrunde verweilten noch zwei langbärtige, schattenähnliche Gestalten, Jochai und sein Sohn David. Frei ging der hundertjährige Vater einher, aber schwere Ketten belasteten die hände des Sohns, dessen blick indessen furchtlos war, obschon die Glieder bebten, vor Schwäche teils, teils vor Angst. Ganz zuletzt bemerkte Herr Dieter an der Hand des Bettelmönchs einen Knaben, seinen Sohn. – "Hochwürdiger Herr," sprach er bestürzt zu Reinhold: "wie kommt der Knabe hieher, und was soll er in dieser Versammlung?" – "Ihr werdet's sehen," antwortete der Mönch mit finsterm blick, und auch der Predigermönch schwieg mit missbilligenden Mienen, da der Schöffe an ihn sich wandte. Der Knabe schien an des Beichtvaters Hand nicht furchtsam zu sein; aber den Hülshofen betrachtete er mit aufmerksamem gesicht und unverwandt. – Nachdem der Knecht die tür verschlossen hatte, vor dem Andrange des volkes, das in dem Wahne stand, die Juden müssten heute zum Flammentode verdammt werden, begann der Oberstrichter, nachdem er Platz genommen, und dem Schulteiss, dem Schöffen und den Ordensmännern Sitze angeboten, mit feierlichem Tone: "Es sind oft Dinge vor den Schranken des peinlichen Rechts anhängig, die es nötig machen, dass man abgehe von der Weise des Herkommens und der geschriebenen Satzungen. So haben wir denn beschlossen, heute, anstatt des geheimen und stillen Verhörs der angeklagten Juden, wobei dieselben doch immer auf ihrem Läugnen beharren würden, ein offen Verhör anzustellen, wobei alle diejenigen erscheinen mochten, die schon in der Klage verwickelt sind, oder zur Aufklärung des Geheimnisses teil daran zu nehmen wünschen. Jochai und David sind angeklagt auf Haut und Haar, ein Christenkind gemartert und ermordet zu haben. Der Edelknecht von Hülshofen ist mit reuigem Mute geständig, einen Knaben an den Juden David verkauft zu haben, um wenige Turnosen; doch läugnete es der Jude ab, und sollte heute, nach langen leeren Drohungen wirklich auf die Folter gesetzt werden, als sich gestern plötzlich ein Umstand ergeben, der die Sache verwickelter, die Klage trügerisch, und dennoch den Gegenbeweis nicht leichter macht. Der Junker von Hülshofen hat auf seinen Eid geschworen, in diesem Knaben den erkannt zu haben, welchen er am Tage nach dem des heiligen Martin im verwichnen Jahre an den Juden David verhandelt hat. Dieser Knabe ist Herrn Dieter Frosch, des Schöffen Söhnlein, oder wird dafür gehalten. Um in's Klare zu kommen, soll der Kleine in seines Vaters Gegenwart befragt werden." – Mit vieler Milde richtete der Oberstrichter viele fragen an den Knaben, die er in seiner Einfalt und kindlichen Erinnerung so beantwortete, dass kein Zweifel übrig blieb, dass e r es wirklich gewesen, welchen Gerhard gefunden. – "Mit Verlaub, gestrenge Herren," beteuerte der Edelknecht nach ergangner Aufforderung: "der Henker soll mein Wappen unterm Galgen zerbrechen, wenn das nicht der Bube ist, von dem ich sprach. Nicht wahr, mein Junge? In meinem Mantel hast Du geruht, ... vor meinem Barte bist Du erschrocken, ... Malvasier hast Du bei mir gekostet, und mit dem schäbigen Juden dort, dem zerfetzten Haman, bist Du gegangen? Sag's frisch heraus, und Ihr, meine Herren, könnt Ihr noch an der Wahrheit deuteln, da der Bube bejaht? Glühte ich nicht wie die lustige Sommersonne mitten im November zu Worms? und bin ich nicht jetzt von Kummer, Reue, betrübter Haft und schmaler Kost ein rechtes Charfreitaggesicht geworden? Und dennoch kennt mich der Bube, und entsinnt sich meiner. Nicht wahr, mein kleiner Hans?" – Der Knabe bekräftigte so gut er's vermochte, des Edelknechts Behauptung, und Dieter's funkelnde Augen zeugten von einer ungewöhnlichen sehnsucht, auf den Grund dieser Verwirrung zu kommen. Gerhard suchte von dem Augenblicke Nutzen zu ziehen, und sagte demütig: "Nun, Ihr Herren, wäre