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Tannicht aus hatten wir den Sprünglinstein, so zu sagen im gesicht, wenn man also reden darf in der Nacht um die zehnte Stunde, wo der Mond gerade ausgegangen war, und es stockdunkel wurde, dass man die Hand nicht vor Augen sehen konnte, geschweige das Sprünglin, das vierhundert Gänge weit vom Tannicht liegt. Ferner ist zu merken, dass in der Martenschenke es nicht geheuer ist, und um dieselbe am Moor Gespenster zu gehen pflegen, die auch den herzhaftesten Kriegsknecht erschrecken können. Denn wie Ew. Gestrenger weiss, so ist dorten die Abdeckerei gestanden, und des Marten's Grossvater ist selbst 'mal Stöcker gewesen." – "Du wirst allzuweitläuftig, Freund;" versicherte der Schulteiss gähnend: "Spute Dich. Wir haben noch mehr zu verrichten, als Dich anzuhören." – Der Rottmeister machte ein verdrüsslich Gesicht, verschluckte aber den Ärger: und fuhr rascher fort: "Wie Ihr befehlt. Kurz, wir steckten im Tannicht, und ein Knecht stand unfern vom Bannsteine auf der Wacht und Lauer. Die eilfte Stunde kam heran, und wir alle waren noch recht wohl nüchtern, als der Wächter in das Gehöft sprang, und meldete: es sei gerade jetzt von Bergen her ein Mann zu Gaule gezogen, der am Sprünglin abgesessen sei, und dabei lustwandle, trotz dem aufziehenden Wetter und dem Sturme, der sich zu erheben begann." – "Passt auf," sagte ich: "Passt auf. Das wird unser Mann sein. Jetzt reibt die Ohren rechtschaffen, damit Ihr mein erstes Wort versteht." – Denn, beiläufig zu bemerken, ich hatte, sintemal mir das geheimnis auf die Seele gebunden gewesen, noch bis jetzt keinem von den Leuten gesagt, was eigentlich hier im Schilde geführt würde. Wir demnach hinaus, und umzingeln fein leise den Platz, und schleichen uns näher um den verdächtigen Mann heran, und sehen, dass er, den Gaul am Zügel mit ihm hin und her geht, als ob's im schönsten Sonnenschein wäre, und er hätte einen guten Freund am arme. Da ist uns schier schauerlich geworden, allen sammt und gar, und haben uns in der Ferne zusammengetan, und mit einander gewispert, und etliche von uns haben gemeint, der Mann möchte am Ende wohl nicht ein Mann von Fleisch und Bein sein, sondern ein Verstorbner, der zur Nachtzeit mit Sporn und Gaul herausmüsse aus dem grab, um Wacht zu halten bis um Zwölfe. Ich habe den Burschen jedoch die Ammenfurcht verwiesen, und zumal, da ich vernahm, wie der Fremde vernehmlich niesste, was ein Gespenst nicht tut, so machte ich mich auf, und ging wieder leise an ihn heran. Da wurde es mir bald klar, dass er ein rechter Mensch sei, denn er fluchte recht verständlich: "Gott verdamme das vertrackte Zögern, und den vermaledeiten Regen!" – Ein guter Geist redet nicht von der Verdammniss, ein Böser nicht von dem lieben Herrgott, und aus dem bischen Regen machen sie sich Beide nichts; also war der Mann ein rechter Mann, und ich ging strack und beherzt auf ihn zu. Er sass just auf dem Bannsteine, den Zügel seines Gauls um den Arm, und in seinem gesicht konnte' ich nichts erkennen, als eine grosse Nase und einen Schnauzbart. Er fuhr in die Höhe, da er mich endlich gewahrte, und antwortete auf mein barsches: "Wer da?" mit einem drohenden: "Der Teufel, Kerl, wenn Du Dich nicht packst!" – Er machte eine sehr auffallende Bewegung, und ich denke, er hätte nach mir geschlagen, hätte ich nicht die Hellebarde blitzen lassen, und gesagt: "er solle ja das Schlagen unterlassen, denn ich sei Rottmeister der edlen Stadt Frankfurt, und ein Rudel meiner Knechte, sei nicht fern." Da besann er sich freilich, setzte sich wieder auf den Bannstein, und fragte was wir von ihm zu begehren hätten. Ich sagte ihm nun für's Erste fein höflich, um keinen Verstoss zu machen, er möchte mir melden, was er um diese Stunde hier zu schaffen habe. – "Ich treibe Sternguckerei," antwortete er, und sah steif und fest nach dem Himmel, auf welchem wohl zu merken, Wetterwolken genug zu schauen waren, aber um tausend Goldgulden kein Stern. Da ich ihm dieses nun bemerkte, so lachte er laut auf, und sagte: "Wann Ihr blind seid, kümmerts mich nicht. Ich sehe einen Wald von Sternen, und lasst mich jetzt ungeschoren." Es versteht sich, dass ich ging, denn mir war nicht aufgetragen, Einem zu verwehren, sich am Sprünglin nach Sternen umzusehen. Doch schickte ich nach einer Weile einen Knecht an ihn mit derselben Frage, die ich getan, und demselben erwiderte er, "er sei um frische Luft zu schöpfen, vom Hanauer Schloss herübergeritten; und bedrohte den Frager mit einer Tracht Prügel, wenn er noch einmal käme." Dieser kam auch nicht wieder, aber ich schickte einen Zweiten, welchem der Nachtwandler den Bescheid gab: "Er warte hier auf seine Maid, die ihm ein Minnestündlein versprochen habe." Zugleich aber fing er an, dem Knechte die Tracht Prügel zu geben, die er dem Andern versprochen hatte. Ich traute nicht, mich darein zu mischen, weil mir in den Kopf gekommen war, der Mann möchte wohl einer von den jungen Herren von