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Oberstrichter schiebt die Schuld auf Euch, und Ihr wälzt alle Verantwortlichkeit auf den Richter." – "Hagel, Blitz und Strahl!" fuhr der Schulteiss auf: "Wahnwitziger Mann! treibt mich nicht aufs Äusserste. Eurer groben Tücke bin ich schon längst herzlich müde. Solch Verfahren steht Eurem Greisenalter wenig an, schier so wenig als es sich für Euch schickt, eine fahrende Tochter sammt ihrem Bankert auf Euerm hof zu halten. Ihr gebt das Beispiel der Unsitte und schlechten Zucht, und es ist gar kein Wunder, dass Sohn und Frau nicht aus der Art schlagen. Schämt Euch und schreibt es Euch selbst zu, wenn die Gerichte Euch auf dem Halse liegen. Es gehen unerbauliche Dinge in Euerm haus vor, und Ihr selbst habt Rat und Bürgerschaft in Eure missliche Händel gezogen. Auf allen Gassen spricht man von der Historie Eurer Ehewirtschaft: Auf allen Strassen laufen Spärer umher, nach Eurer Tochter zu forschen, die, – wer weiss, in welchem Waldneste, mit einem Buschklepper Buhlerei treibt, mit dem sie willig entlaufen? Euer Argwohn hat ja nicht geruht, bis ich dem Stadtauptmann erlaubte, gestern einen Tross seiner laufenden Gesellen nach dem Sprünglin zu senden. Wie ich vernommen, hat sich die kaiserlich freie und heimliche Acht nicht minder in die Untaten Eures Sohns gemischt. Donner und Teufel! was soll nach solcher Menge von Ärgerniss, die Euer Haus gegeben, die stolze verletzende Rede, welche Euer Mund so freigiebig führt? Ich weiss sehr gut, dass Ihr wünscht, jetzt ein Basilisk zu sein, um mich mit einem Blicke zu erstechen, weil Ihr noch immer so töricht seid, zu glauben, ich hätte Euerm weib nachgestellt. Allein ich lache Eures possierlichen Grimms, und wenn Ihr's noch ärger macht." – Dieter stand wort- und bewegungslos da, so gewaltig hatte ihn des Schulteissen Rede zerschmettert, weil sie eine Masse von Unrecht auf ihn warf, die er nicht mit e i n e m heftigen Worte abzuschütteln die Macht besass. – Der Schulteiss dagegen freute sich, den überaus verhassten Schöffen, so recht in's Leben treffen zu können, und sprach mit boshaftem Lächeln weiter: "Wie steht's mit Euerm weib, Dieter? Ich hörte schon in aller frühe, Margarete sei entlaufen. Läugnet nicht, denn ich weiss es von guter Hand, wie es schon die Stadt weiss, und mich wundert nur, dass Ihr mir nicht auf den Kopf zusagt, ich hätte sie Euch gestohlen. Wie es aber auch damit gegangen sein mag, ... ich kann ihr nicht Unrecht geben. Einmal ist es hart für eine Frau von lockern Sitten, bei einem mürrischen mann auszuhalten, der den strengen unerträglichen Sittenrichter spielt, ob er gleich unfern der Stadt sein eigen Lieb in stiller kammer hält; zum Andern ist sie wahrscheinlich von ihrem Buhler Dagobert, der seine Ursachen hat, nicht nach der Stadt zurückzukommen, beschieden worden, – und endlich, denke ich, hat sie gerade die rechte Zeit gewählt, zu gehen, um dem weltlichen Gerichtsarm zu entlaufen." – Dieter staunte den Ritter finster an .... "Ich vergebe Euch die Schmächungen, mit denen Ihr mich überhäuft," ... sagte er, kaum vernehmbar vor innrer Bewegung; ... "aber ... habt die Gnade, mir zu erklären, wie meine Hauswirtin Margarete dem Gericht verfallen sein kann, da ich noch nicht als Kläger vor die Schranken trat?" – "O, mein lieber Herr," entgegnete der Schulteiss: "Das soll Euch nicht vorentalten bleiben, und gewiss wird Euch's noch diesen Morgen kund." – Der Ratsknecht meldete: der Stadtauptmann und ein Rottmeister der Stadt forderten Gehör bei dem strengen Herrn, um zu berichten, was bei'm Sprünglin vorgefallen. – "Recht;" erwiderte der Schulteiss: "Herr Frosch: Ihr seid ja am meisten bei der Sache im Spiele. Verharrt, und hört mit an, was uns die Leute sagen werden. Ihr mögt hören, dass Alles, Euerm Wunsch gemäss und in strengstem geheimnis ausgerichtet worden." Die Gemeldeten erschienen, und der Stadtauptmann fragte den Schulteiss, ob es ihm gefällig wäre, zu vernehmen, was der Rottmeister Sebald erzählen werde. "Ich habe ihn," sprach er, "als einen geschickten Mann auserwählt, mit zehn laufenden Söldnern den Zug nach dem Bannsteine von Bergen, das Sprünglin genannt, zu verrichten, und er ist gestern um die neunte Stunde der Nacht von dannen gegangen, und heute, als die Toren wieder geöffnet wurden, hereingekommen." – Der Schulteiss gebot dem Rottmeister kund zu tun, was ihm und seinen Leuten begegnet sei, und getreulich begann dieser Folgendes zu berichten: "Wie der edle Hauptmann Euch eröffnet," sagte er, "so bin ich mit meinem Häuflein von dannen gezogen, da es gerade neun Uhr am Abend sein mochte, und das Wetter drohte, nicht das Allerbeste zu werden. Deshalb liess ich meinen Bieber frisch drauf los treten, und wir waren auf Feld- und Hohlwegen in die Gemarkung von Bergen gelangt, ehe wir es nur merkten, und kehrten ein in dem einzelnen Gehöft, das man gewöhnlich im Tannicht nennt. Versteckter hätten wir allerdings in der Martenschenke gelegen, die am Sandgübel steht, und wo man gemeiniglich bessern Trunk erhält, obschon nicht immer die besten Kunden sich da zusammen finden. Aber vom