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Die durch Dich elend Gemachten werden nicht sterben, ... – Deine Bosheit wird entüllt, und verfällt dem Schwerte. Verzweifle, ich gehe gegen Frankfurt!" –

Sie warf sich entschlossen aus der tür, und rannte wie eine Gemse davon über Hügel und Sandstürze, das Keuchen und Schnauben des sie verfolgenden Mörders hinter ihr. Ihrem kräftigen Vertrauen, dem Bewusstsein ihrer, wie von Gott selbst auferlegten Pflicht gelang es, den Vorsprung im gewaltigen Laufe zu vermehren, statt eingeholt zu werden. Zodick's Flüche wurden dumpfer, das Keuchen seiner Brust, wie seine Schritte verhallten hinter ihr, und da sie, unfern vom Schellenhofe inne hielt, um von dem gewaltigen Rennen sich zu erholen, war der Nachsetzende ganz zurückgeblieben. Sie zog sich hinter einen Versteck von Schlehensträuchen zurück, um ruhig sich zu erholen, und nach dem Aufgange, wo schon der Tag bleichte, lenkte sich ihr Auge, in welchem jetzt die Tränen ausbrachen, die der Schmerz über den fürchterlichen Tod ihrer Erzeuger darin angehäuft hatte. Feierlich betete sie ein De profundis für die des himmlischen Lichts unwürdigen Seelen, und eine gewisse Freudigkeit entstand in ihr, da sie dieser letzten Kindespflicht genügt hatte, und an die schönere Pflicht dachte, die sie jetzt zu erfüllen sich vorgenommen. Diese Freudigkeit verliess sie auch nicht, als blutrote Flammen in der Ferne aufstiegen, und Hütte und Scheuer emporloderten im gefrässigen Feuer. "Dort feiert der Mörder sein fest!" sagte sie ruhig und betrachtend: "Seine ohnmächtige Rache zerstört das Haus des Meineids und des Mords. Fahrt wohl, arme verirrte Eltern! Besser ist's, das Feuer verzehrt Euer Gebein, als der unehrliche Stöcker müsste es auf dem Anger begraben. Euerm unsterblichen teil sei aber der Herr der Himmel gnädig, wie auch mir, dass meine stimme nicht verhalle in der Wüste, und Segen entspriesse aus dem grab der Meinigen!"

Fussnoten

1 die Stadt 2 Jüdischer Gebrauch nach dem tod eines Hausgenossen.

Vierzehntes Kapitel.

Fasset Mut im Sturm der Wellen,

Euern Mast hält Gottes Hand;

Nimmer wird der Kiel zerschellen,

Der euch führt in's freie Land!

Nur, wenn das Vertrauen bricht,

Geht ihr unter, eher nicht!

Moore.

Der Altbürger Dieter Frosch betrat mit zornflammendem gesicht und heftiger Geberde das Vorzimmer des Schöffensaals im rataus, und fragte auffahrend und rauh nach dem Schulteiss. Der Ratsknecht wies ihn in das Verhörgemach, in welchem der Ritter, die hände auf den rücken gelegt, und finster simulirend auf und nieder ging. Es war noch früh am Tage; darum war der edle Herr noch völlig allein. Als er den Schöffen hereinkommen sah, blieb er stutzig in der Mitte des Zimmers stehen, und nahm eine drohende Haltung an, da er um des ganzen Wesens des Alten willen auf einen stürmischen Angriff rechnen konnte. Dieter rechtfertigte diese Vermutung, und fing mit übelverhaltnem Groll an: "Mir ist's lieb, dass ich Euch allein treffe, Schulteiss, – oder auch nicht lieb, denn ich hätte Euch auch gerne vor Zeugen gesagt, was ich nicht auf dem Herzen behalten kann. Ihr seid ein frecher unritterlicher Mann, der viel zu kurz kommen möchte, würde ihm Rechenschaft von seinem Handeln abgefordert." – "Herr! ..." entgegnete der Schulteiss empört; der Schöffe liess ihn jedoch nicht vollenden, sondern fuhr fort: "Es ist ein Unglück, das öffentliche Wohl in den Händen eines Mannes zu wissen, der; im Innersten verderbt, seinen Leidenschaften jeden Zügel schiessen lässt, das Beispiel der Unsittlichkeit gibt, und in jedem Dirnengesicht einen Stachel für seine Wollust findet." – "Seid ihr toll geworden, Schöff?" fragte der Schulteiss trotzig: "oder plagt Euch der Teufel der Eifersucht abermals?" – "Keine Ausflüchte!" fuhr Dieter heftig fort: "Was soll die geschichte vergangener Nacht bedeuten? Warum habt Ihr mein Eigentum, den Schellenhof, verletzt durch unziemlichen und verbotnen Angriff? Warum habt Ihr Leute, die ich dortin gesetzt, gefangen wegführen lassen? Ist ein ehrlicher Mann nicht mehr hinter seiner Gränze und Feldmark sicher? Oder ist mein Haus ein Sammelplatz, eine Herberge lüderlichen Gesindels? Ich verlange, dass Ihr Abbitte leistet, und die unschuldig Gefangenen losgebt." – "Ihr redet irre, guter Mann," erwiderte spöttisch und kalt der Ritter: "Von dem Auftritte verwichner Nacht weiss ich wohl, doch ging er nicht auf mein Geheiss vor sich. Was hätte ich auch auf Euerm Schellenhof zu suchen? Der Oberstrichter jedoch hatte Fug und Recht, Kraft seines Amtes, den Versuch zu machen, ein gefährliches Weib, dem man lange schon auf der Spur gewesen, aus dem Nest zu heben, das ihm sicherlich Euer Sohn auf Euerm Eigentum bereitet. Man hat statt dieser Dirne, die wohl, früher gewarnt, die Flucht nahm, eine Andre ergriffen, die Euch ziemlich nahe angehen mag, und die, sammt ihrem kind, wenn sie das übliche Verhör ausgehalten, Euch wieder zurückgegeben werden wird. Das ist der Zusammenhang der Sache, und ich finde es frech von E u c h , Schöff, dass Ihr Euch herausnehmt, mich bei jedem Anlass zu verunglimpfen. Für meine Würde ziemt sich indessen Vergebung besser, denn Rache, und ich behalte mir vor, einmal später mit Euch die ganze Rechnung abzutun auf einmal."

"Ihr seid eine glatte Schlange;" entgegnete der gereizte Dieter: "Der