1827_Spindler_093_214.txt

... wenn der Jude jener Schatten wäre! stiess wie ein scharfes Schwert in ihr Gehirn, und die Erinnerung an seine entsetzliche Verheissung schlich fröstelnd durch ihre Adern. – "Wenn er wirklich zurückgekehrt wäre aus dem gelogenen tod!" murmelte sie zwischen den Zähnen, und sah vor sich hin in das Dunkel: "O, welch ein Ende würde das Elend nehmen? Aber nur auf Gott vertraut! Er kann binden, er kann lösen!" – Noch eine Weile horchte sie, dann drang ein entsetzliches Geschrei aus der Hütte. – "Herrgott! die Mutter!" stotterte die heftig Zusammenfahrende: "Weh mir! Der blutige Mann bringt sie um, und fort wollte sie, um dem Mörder die eigne Brust zu bieten, statt des Mutterherzens." Aber ihre Füsse konnten nicht von der Stelle. Riesenkräftig strebte sie vorwärts, aber wie eingewurzelt hielt sie der Boden. In erbärmlicher Angst arbeitete ihr Busen; der Mund versuchte zu schreien, doch seine stimme war erloschen; alle Sinne und Kräfte schienen allmählich von ihr zu entweichen; nur das Ohr blieb in grausamem Gehorsam, denn sie musste hören, hören, wie nach und nach das Geschrei zum Gejammer, die Klage zum Gewimmer wurde, wild unterbrochen von Zodick's fluchender Wolfsstimme. Und schwächer wurde das Gestöhne, und endlich gelang es der gefolterten Tochter, sich zu ermannen, und loszureissen von dem platz des Entsetzens. Allein, nicht hinweg von dem Orte des Schrekkens, – h i n drängte sie der schwarze Geist des Augenblicks. Sehensehen wollte sie, und dem Wütrich in's Auge schauen. Wie eine wutentflammte Löwin, die Züge bald in bleiche Angst, bald in roten Zorn getaucht stürzte sie in die Hütte, und vernahm in der stube das Ächzen der Mutterstimme, die Verwünschungen des Unholden, der Türen zu sprengen, Kisten und Kasten zu zerschlagen im Begriff zu sein schien. Welch ein Anblick, da Judit in das Gemach drang? Umgestürzt die Rohrwand, und blutend darauf ausgestreckt die Wirtin des Hauses ... das Messer in der Brust. Des Vaters starrer Leichnam halb aus dem Lager geschleudert, in welchem die gierigen hände des Räubers gewühlt hatten. Schrank und Truhen erbrochen; der Raub von manchem Jahre hervorgezerrt an's Licht der Herdesflamme, und zerstreut auf dem Boden liegend. Und mitten in dem Gräul dieser Umgebung der schändliche Zodick selbst stehend, durchnässt von Regenfluten und Blut, plündernd, wählend, verwerfend, und Gotteslästerungen und gräuliche Flüche aus dem giftigen mund sprudelnd. Das schauderhafte Bild entlockte der eintretenden Judit einen lauten Schrei. Die endende Mutter hörte ihn noch, faltete bittend die Hand gegen die Tochter, und verschied. Aber auch dem Mordbuben war die Gegenwart der verhassten Judit nicht entgangen. Sein grässliches Auge blitzte ihr Verderben entgegen, sein schäumender Mund stammelte: "Verflucht seist Du, hässliche Brut, und während die Linke den Sack sinken liess, in welchem er das Kostbarste von Marten's Habe geworfen hatte, um es fortzuschleppen, suchte die wutzitternde Rechte das Messer an der Hüfte." Judit verstand die unglücksschwangere Bewegung, und kam ihr zuvor, denn das Eisen, das der von Raub und Mord zerstreute Bube am Gürtel wähnte, riss sie aus der Brust der Hingeschlachteten, und zückte es schreiend gegen Zodick selbst. Dem Meuchelmörder fehlte die Faust, was sie nicht mit Stahl bewaffnet, und der feige Verbrecher erstarrte vor dem beherzten weib. "Komm an!" rief ihm das Letztere entgegen: "Jude! gottesmörderischer Jude! erwürge mich jetzt, wie Du meine Mutter erwürgt hast." – "Ich hatte' ihr's geschworen!" erwiderte Zodick frech, indem er sich gegen die Wand zurückzog: "Ihr habt davon geholfen meinem Lieb, und dafür hat die alte Kehle bezahlt." – "Niederträchtiger!" schrie Judit unter heissen Tränen schmerzlichen Grimms; "wär' ich ein Mann, Du kämst nicht lebend über diese Schwelle; aber ich bin ein Weib, gerade noch stark genug, Dir das Messer in den Hals zu rennen, so Du mir nahst. Doch spricht der Herr zu Dir, aus meinem Mund: 'D e i n Weg auch naht sich seinem Ende. Vier Augen, die ich schonen musste, sind geschlossen auf ewig, aber die Deinen, die ich hasse, dürfen nicht allein offen bleiben. Raube hier, und stehle, was Dir gefällt. Mir würde grauen, von dieser blutgetränkten Habe ein Stück zu nehmen. Doch Dir sei sie Verderben. Ich habe nicht mehr den Vater, nicht die Mutter zu verschonen; und jetzt noch, – heutevon diesen Leichen weg gehe ich nach Frankfurt.'" – "Gott soll mir helfen!" rief der überraschte Zodick, wie zusammensinkend: "Das tätst Du, Ungeheuer? Drache des Amalek?" – "Der Himmel will's!" antwortete Judit gehoben: "Versuch's, mich aufzuhalten, da der Herr mir befiehlt, zu gehen!" – "Eher sollst Du verschwarzen!" brüllte der Jude, auf sie losfahrend. Da stürzte die Leiche des alten Räubers vollends herab vom Lager, vor die Füsse Zodick's, und dieser Sturz hemmte seinen Lauf, dass er erbebend stille stand. – Judit riss die tür auf: "Siehst Du, wem ich vertraue?" rief sie siegreich: "der Gott der Welt ist mit mir.