1827_Spindler_093_213.txt

Du jetzt, Betschwester hilf!" – "Lasst ihn doch vergehen!" antwortete diese eintönig: "Ich sagte es ja, ich würde heute ein Todtenlied singen müssen; und ... ach Herrgott! wäre doch die Nacht schon vorbei, Mutter. Mein Herz ist noch nicht ruhig geworden, und meine Ahnung ist noch lebendig. Weint über Euch, Mutter, nicht um den verlornen Mann." – Die Alte drohte ihr mit Wutgeberde, warf sich jedoch wieder über den Sterbenden, und überliess sich allen Ausschweifungen eines im wildesten Gramm auflodernden Herzens. Judit ersah den Augenblick, wo die Alte ihr Gesicht in die rauhe Decke des Lagers gedrückt hatte, und stille verschnaufte. Sie hob den Schlüssel auf, der dem weib entfallen war, und schlich leise zu Ester's Kammertüre. "Komm heraus!" flüsterte sie, das Schloss behutsam öffnend: "Der Jude ist tot: der Vater stirbt. Entfliehe!" – Wie auf den Flügeln der Hoffnung stürzte ihr das Mägdlein in die arme, und beide schlüpften an der Rohrwand vorbei aus der stube, ohne von der Alten bemerkt zu sein. "Ach, wohin in diesem tobenden Sturme?" fragte zitternd Ester, da vor der tür der pfeifende Zugwind die Flechten ihres schönen Haars durcheinander peitschte: "Ich sterbe, stössest Du mich hinaus in das Brausen des Wetters." – "Komm" – erwiderte Judit ... "komm zur Scheuer! Unter den wilden Kriegsknechten bist du sichrer, denn unter uns. O, diese Nacht ist noch nicht vorüber, sagt mir ein finstrer Geist. Komm, dass ich Deine Unschuld rette aus dem Neste des Verbrechens." – Am Brunnen und dem wüsten Gärtlein vorüber, vorbei am Moore, das selbst unter dem Rauschen des Windes und des Regens still und bleiern zu liegen schien, umfangen von traurig öden Ufern, leitete Judit die Zitternde zu der Scheuer leichtem Bau. Rosse stampfend darinnen, und da Judit die breite Tür öffnete, sahen die Eintretenden zwei Männer bei einer verhüllten Leiche sitzend, und wachend beim Schimmer einer dem Verlöschen nahen Leuchte. Die Männer fuhren beim Geräusch auf, und nach den Waffen, aber mächtiger denn Waffe und Wehr war Ester's staunender blick. Denn vor seinem Leuchten sank des einen Mannes Schwert zur Erde, ein himmlisches Lächeln streifte über sein verstörtes Antlitz, und mit dem Rufe: Ester! geliebte Ester! wo kommst Du her bei dunkler Nacht? stürzte er dem aufschreienden Mädchen um den Hals. Die Erschütterte, die sich in Dagobert's Armen, an seiner Brust fühlte, dachte nicht daran, seiner plötzlich, allen Fesseln zum Trotz, hervorbrechenden Liebe zu widerstehen, und überliess sich mit Freude und erneutem Vertrauen seinen Liebkosungen. – Während hundert und wieder hundert fragen von ihrem und seinem mund flogen, und keine beantwortet wurde, und doch eine jede auf Antwort drang, rieb sich Judit verwirrt die Stirne, und sah bald betroffen auf die Gruppe der Neuvereinten, bald auf den Knecht Vollbrecht, welcher, ohne viel mehr zu begreifen, regungslos dabei stand. –

"Verblendete Welt!" rief sie endlich, zwischen Dagobert und Ester tretend: "Ist es an der Zeit, im Rachen des Todes sündliche Flammen zu schüren? Mann! seid Ihr ein Christ? und umarmt eine ungläubige Jüdin? Weib, willst Du also das Bad der Taufe verdienen? Flieht, rettet Euch. Hier ist Eures Bleibens nicht. Mörder sind um die Wege. Fort, ohne Säumen, denn ich weiss ... ich weiss ... die Zeit die ich fürchte, ist da." –

Ohne weiter ein Wort zu verlieren, eilte Judit davon, um zu den Eltern wiederzukehren. Aber am Sumpfe hielt sie ihre Schritte an, und lauschte scheu nach dem flirrenden Röhricht, auf welchem die Tropfen des langsam fallenden Regens knisterten, und aus dessen grund Schatten zu nicken schienen, mit glühenden Augen und verzerrten Gesichtern. Hier, an dem Ufer warf sich die Dirne auf die Knie, und breitete ihre hände aus über das stille Moor, und sprach, wie eine beschwörende Hexenfrau: "Unschuldig Gestorbner auf dem grund und im Schilf! Zürne nicht mehr der Seele meines Vaters, denn sie verlässt den Leib gerade jetzt mit Angst und Seufzen. Zwei Augen haben sich zugetan, die den Herrn nimmer erkannt haben. Vergib den beiden, die noch offen stehen, um des Erlösers Willen, und ruhe fürder im Frieden. Und Du, barmherziger Gott! entsündige die, die mich zeugten, und sollten ihre Laster alle auf mein Haupt fallen; lass aber auch die schmachtende Unschuld nicht verderben, wenn es in Deinem Ratschlusse ist, und schone dann mein Herz nicht." – Ihrer aufgeregten Einbildungskraft war es just, als ob aus dem bleischwarzen Sumpf eine weisse Hand sich herausstreckte, lang und hager, die Ihrige zu fassen, wie zum Pfande Ihres Gelöbnisses, und sie riss sich entsetzt von der unheimlichen Stätte. Indem sie mit Befriedigung dem Hufschlage der Pferde lauschte, die aus der Scheune heraustrabten, und sich jenseits gegen Bergen hin verloren, – indem sie Gott dankte, dass er die fremde Jungfrau in seinen Schutz genommen, – hörte der Regen auf, und die zerreissenden Wolken liessen schwaches Licht hernieder. Es leuchtete grässlich für Judit, denn sie erblickte den Schatten eines Mannes durch das Dunkel nach der Hütte eilen und darin verschwinden. Der Gedanke: Wenn Zodick nicht tot,