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ihnen weiss? Warum zerschlagt Ihr die Brust, da doch nicht der Heiland darinnen seinen Tempel erbaut? Ach Mutter, so Ihr nicht Euer Elend erkennt, wird Euch die Bitte auch nur zum Fluch. Aber auch nur e i n Gedanke kann hinwiederum Euch retten; ich besorge jedoch, er wird sich nicht einfinden in Euerm verstockten Gehirne, der Gedanke Eures entsetzlichen Jammers, erzeugt durch die Ruchlosigkeit Eures Wandels. Verdreht nicht die Augen, seufzt nicht, als ob ein Berg auf Eurer Brust läge, denn nicht Eure Schuld belastet Euch, sondern die Mahnung an das Ende. Stosst mich nicht von Euch, denn wie bald werden nicht Eure zitternden hände nach mir langen? O Mutter, .. Mutter, die mich gesäugt hat zum elenden Dasein! Warum ist Dein Haar schon grau vom Schimmel des Alters? Warum ist Dein Leib vertrocknet, und darinnen nicht minder Dein Herz? Dass Du zum kind werden könntest, mit offenen Ohren und vertrauender Seele, und weichem Gefühl. Du würdest dann in jenem Donner der Höhe nicht den Schritt des zornigen Gottes vernehmen, sondern die Siegesklänge seiner Liebe ... Du würdest Dich sehnen hinaufzugehen zu ihm auf der Leiter seiner flammenden Blitze; – aber nicht dem h i m m l i s c h e n Feuer ist Dein Leben verfallen, Unglückliche." – Das Wort auffahrenden Zornes auf der Zunge der mitten in ihrer Angst erbitterten Mutter erstarb unter dem krachenden Gebrüll eines fürchterlichen Donnerschlags, welcher die Erde beben machte. Der Blitz, der mit ihm zugleich vom Himmel fiel, schien die Umgegend rings in Feuer zu setzen; er war indessen schon lange erloschen, als seine falbe Helle noch von den geblendeten Augen der Weiber flatterte, die nun langsam sich weiter auftaten. Ihre Ohren summten aber noch lange den gräulichen Wetterschlag nach, der noch jetzt dumpf und langsam fortdröhnte, und sich wie in einen jammernden Schmerzruf aus der Ferne auflöste. Judit, die der armen Ester klagende stimme zu vernehmen dachte, lehnte lauschend das Haupt an der kammer Tür. Das Mädchen darinnen betete laut in hebräischer Sprache, eifrig und stark. Durch das Fenster jedoch, das Sturm und Wettergewalt aufgerissen hatte, drang durch den heftig niederströmenden Regen der vorige Schmerzruf in die stube, und wollte nimmer verstummen, und erneute sich immer wieder, und wurde grässlicher, je länger er währte, und schien der Hütte näher zu kommen. –– Judit's Haar sträubte sich, und die Mutter rief mit frostig klappernden Zähnen: "Horch! Horch! O mein Herrgott! Judit! das ist der tote aus dem Sumpfe, und verlangt nach seiner Habe!" – "O nein! o nein! Mutter!" entgegnete langsam und hohl die sehr ergriffene Tochter: "Den toten singt der Donner das Schlaflied, aber, der jetzt heraufkriecht zur Hütte, und dessen Stöhnen unterm Fenster klingt, will erst ein Todter werden, und sich hinunterlegen, von wannen wir zum Gerichte gehen." – "Um des Heilands willen! was redest Du denn?" jammerte die Mutter: "Mich überläuft eine Gänsehaut. Es wird doch nicht Einer von unserm haus sterben?" – "Ja!" erwiderte Judit mit gebrochener stimme, da ein leichenblasses Gesicht zum Fenster auftauchte: "Vor s e i n e m haus ... der Vater ist's." – "Jesus!" kreischte die Mutter, herzuspringend mit dem brennenden Span: "Christus! Marten! Ach wie bist du voll Blut." – "Lass mich ein!" stammelte der am Kopf auf's Entsetzlichste Verwundete, – sich mit den schwachen Händen an das Fenster klammernd: "Mach auf ... ich will drinnen ein Ende machen." – Er sank trotz aller Anstrengung, wieder zum Boden nieder, und wurde ohne Sinnen von Weib und Tochter hereingebracht, und auf Judit's dürftiges Lager gebracht, das hinter einer elenden Scheidewand von Rohr hergerichtet war. Die Alte geberdete sich wie eine Verzweifelnde, warf sich über den Körper des röchelnden Mannes, und zerraufte sich das spärliche graue Haar. Indessen schaffte Judit, besonnen und klaglos Alles herbei, was zur Erleichterung des Verwundeten gereichen konnte. Aber nicht wasser, nicht Wein konnte das Blut stillen, das aus der grässlichen Todeswunde floss, und der Verlorne dankte es nicht den Bemühungen der Tochter, die seine Lebensgeister wieder erregte: "Der Tanz ist aus!" lallte er in wildem Sterbekampfe: "heute holt mich der Schwarze, und morgen den verdammten Edelmann, der mich zusammenhieb." – "Wo ist der Jude?" schrie ihm Judit in's Ohr. – Marten machte mit der Rechten eine Bewegung zur Erde, als ob er auf einen zu Boden Gestreckten deutete. – "Halleluja!" betete die Tochter mit heiterm gesicht bei diesen Worten, obgleich sich die Züge des Vaters fürchterlich verzerrten, und die Mutter wütend rief: "Schlange! Du preisest den Himmel an Deines Vaters Sterbelager?" – Die Dirne schob dem Vater den Polster zurecht, und verliess dann sein Bett, um in einen Winkel zu knieen. Die Alte badete den erstarrenden Mann mit siedenden Tränen, ballte die Fäuste gegen Himmel, und spie Gebete aus, die wie Lästerungen klangen. Marten erwiderte hierauf unverständliche Worte, und vermochte bald nur stumm die Lippen zu bewegen. "Judit! Judit!" krächzte die Heulende: "Er stirbt! Hilf! Hilf,