Frucht, aber den gifttragenden sollte man abhauen. Tue Busse, Mutter, da es noch nicht an der Stunde ist, dahinzugehen in das Dunkel drüben."
"Du wirst mich noch aufbringen durch Dein abgeschmackt Gewäsch;" versetzte die Alte, deren Geduld auszugehen begann: "Schweige, ungeratnes Kind, deren Torheit wir unbegreiflich lange nachgegeben haben. Schweige." – "Das kann ich," entgegnete Judit aufstehend: "Ich bin nicht die einzige stimme in der Welt, welche erstickt wird im Unrecht, Ich will hinausgehen an das Moor, wo mich das Schilf versteht, nur Einer mit mir betet aus der kalten Tiefe. Denn auch aus Schlamm und Röhrig dringt der toten Gebet zum lieben Gott." – "Nicht von der Stelle!" eiferte die Frau, sie zurückhaltend: "Du sollst mich nicht allein lassen in dieser Nacht. Du hörst's, über die Berge kommt ein Wetter daher, und es donnert dumpf und gräulich. Du sollst dableiben, sage ich Dir." – Judit besann sich eine Weile, kehrte dann ruhig um, kauerte sich zu den Füssen der Mutter am Heerde, und sagte weich: "Ich will bei Dir bleiben, Mutter. Ich will Dir noch gehorsam sein, und erfüllen, was ich Dir gelobte, bis an's Ende. Denn bald wird sie vorüber sein, die Zeit des Gehorsams, denke ich. Deine Zeit, unglückliche Mutter." – "Sprich doch nicht so frevelhaft;" schalt die Alte: "Mich schauert vor Deiner Liebe, wie vor Deiner Busspredigt."
"Fühlst Du das," – fragte Judit langsam, – "fühlst Du das bei m e i n e r Liebe, was soll ich fühlen, wenn Du mich Deine liebe Tochter nennst? – Doch, sieh, die Fremde ist entweder im Kummer dahingegangen, oder sie ist entschlummert vor Ermattung. Sie scheint von uns die unglücklichste zu sein, und ist doch viel, viel reicher, als wir. Sie hat ein gut Gewissen, und einen Vater, der unschuldig im Kerker leidet. Unschuldig, Mutter. Aber, nicht wahr, Du kennst das Wort nicht mehr? Gib mir die Hand, armes Weib; ich will Dir vergeben im Namen des Herrn, der über uns gebietet, wenn nur ein Funken von Reue in Deiner rauhen Brust aufschlägt." – Die Alte schlug erbittert die dargebotene Hand aus, und stand ergrimmt auf. Judit seufzte aus tiefer Brust, und liess, ruhig sitzen bleibend, geduldig geschehen, dass die Mutter die arme Ester ziemlich derb und roh aus ihrer Betäubung aufschüttelte, und ihr befahl, sich in die kammer zu begeben, wo sie bis zu Zodick's Rückkehr eingeschlossen verbleiben sollte. Ester warf scheue Blicke um sich her, als befürchte sie, den grässlichen Bräutigam zu schauen; dann schlug sie die Augen noch einmal mit bitterm Vorwurf gegen Himmel, und liess sich halb bewusstlos von der Alten an die tür der elenden, ringsum dunkeln kammer gleiten. Judit war indessen aufgestanden, und fasste auf der Schwelle ihre Hand. "Tue nicht vorschnell!" ermahnte sie das leidende Mädchen: "Der Mensch kann sich aus dem Leben reissen, wann und wo er will, aber nicht zu rasch beginne er das traurige Werk. Bete in dem Dunkel dieser kammer, aber tödte Dich nicht, und kämpfe gegen die Verzweiflung. Wahrlich, ich sage Dir, Du wirst leben, und Dein Frühling wird nicht in dieser Sturmnacht untergehen, denn schon rollt über Himmel und Gebirge der Wagen desjenigen, der Dich retten wird, so gewiss als sein Sohn Mensch geworden ist."
Die Alte stiess Judit unwillig zurück: "Blödsinnige!" schalt sie: "Deine Tollheit steigt. Lass die Dirne im Frieden. Nicht jeder bringt sich um, der damit droht, und was gilts. Ehe es Morgen wird hat die Spröde hier in des Buhlen Arm den abgeschmackten Vorsatz vergessen, und begehrt nichts besseres, denn zu leben." – Mit einem Blicke der tiefsten Verachtung wendete sich Ester von der Unverschämten, und ging stolz in die kammer, deren tür die Alte hinter ihr verriegelte. Judit zuckte die Achseln mit finsterm Gesicht, und ging zum Fensterlein; während Marten's Weib still und verdrossen an den Herd schlich, und sich auf seinen gewohnten Platz niederliess. Mutter und Tochter sprachen kein Wörtlein, und eine angstvolle Stille lagerte sich in der stube, nur unterbrochen von dem Schluchzen Esters, das manchmal laut wurde, und von dem näher und näher rauschenden Hochgewitter. Die Kienspäne flackerten traurig, und der Blitz der Wolken welcher von Zeit zu Zeit einen Strahl seines blendenden Lichtes in die Hütte warf, schien der armseligen Fichtenflamme zu spotten. Mit der Heftigkeit des Gewitters stieg die Beklommenheit des alten Weibes, das alle Überreste von Bussseufzern und Wettergebeten aus seinem Gedächtnisse hervorsuchte, um dieselben gedankenlos mit bebender Lippe abzuplärren. Die Alte sang bald, bald betete sie mit lauter stimme ein Stücklein eines andern Betspruchs, bald grommelte sie zwischen den Zähnen Worte ohne Verstand und Zusammenhang. Dabei wurde ihre Angst immer mächtiger, und Judit, die das verzweiflungsvolle Treiben der Mutter ersah, trat endlich wieder zu ihr. – "Mutter;" sagte sie zu ihr: "Nicht tuts Not, Euern Leib zu peinigen, da doch die Seele nimmer gesunden will. Was sollen die Worte der Angst aus Eurem mund, da doch das Herz nichts von