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, sondern auch die Schaffnerin und ihr Hausgesinde zu binden, hatte Zodick, seinen Vorteil ersehend, einem gaffenden Knechte die Leuchte aus der Hand gerissen, und war damit unter dem allgemeinen Getöse verschwunden, um den obern teil des Hauses zu durchsuchen. wild klopfte sein Herz, als er die Stufen zum Giebelstübchen erstieg, denn er dachte an die Möglichkeit, dass Ester bereits seiner Wut entgangen sein möchte; aber, so wie er die kammer öffnete, und mit gierigem Auge in das Dunkel leuchtete, so machte sein ahnender Zorn, hohnlachender Freude Platz. Die arme Ester hatte in ihrer Unruhe, gequält von banger Furcht, nicht an die Flucht gedacht, und sich wie ein Opferlamm in das grässliche Schicksal ergeben. Nicht die tür hatte sie verriegelt, und lag betend, aber ohne zu wissen, was die Lippen beteten, in dem Winkel auf ihren Knien. Hier ergriff sie die Faust des siegenden Feindes; hier raunte ihr seine entsetzliche stimme in die Ohren: "Du bist mein, Esterchen! Gedenkst Du meiner Worte? Der Vollmond ist da, und ich komme, Dich zu holen heim. Zögre nicht, zaudre nicht, kleine Spinne! Komm, dass ich Dich führe vom Berge Seir!" – "Abscheulicher!" versetzte Ester, mit verachtender Würde sich erhebend: "Hier sind meine hände, fessle sie, aber höre auf zu misshandeln die Frau, die mich hat gepflegt wie der Rabe der Wüste. Ihr Geschrei dringt herauf zu mir, Unhold. Lass es verstummen." – "Alles verstummt unter den Füssen des Herrn!" entgegnete Zodick höhnisch: "Auch Deine Schmähung wird verstummen, Weib. Mag ich Dir sein wie Gabriel, der Fürst der Barmherzigkeit, oder wie Sammael, der Fürst der finstern Wildniss; gleichviel. Folge mir, und schweige wie in der Neumondnacht, die unsers Lebens Dauer uns kund tut." – Behutsam löschte er die Leuchte aus; packte Ester's rechte Hand fest in die seinige, und stieg vorsichtig mit ihr die Treppe hinab. Noch dauerte das Getöse in der stube des ersten Stockwerks; da der Bösewicht dieses hörte, zwang er auf einmal seine Beute, geschwinder zu entlaufen, stülpte ihr seine weite Mütze über Kopf und Augen, und entführte sie also hinaus in's Weite, trotz den heulenden Hunden. Der Regen floss rieselig und kalt hernieder. Ester schauderte am Arm ihres grässlichen Führers, und liess sich eine gute Weile durch Sand und Moor mit fortziehen im schweigenden Dunkel, bis sie endlich so viel Besinnung gewann, die lederne Mütze vom haupt zu reissen, plötzlich stille zu stehen, und mit der stimme der Verzweiflung zu fragen: "Was ist das, Zodick? Warum rissest Du mich denn weg aus dem haus? warum hast du mich nicht übergeben den tobenden Häschern, dass sie mich bänden und fortschleppten? und wohin führst Du mich? nicht gegen Frankfurt? was soll ich in diesem Gestrüpp oder in den Furchen des Feldes? wohin schleppst Du mich, unsaubrer Geist?" – "Nach der Hochzeitkammer, Liebchen?" antwortete grinsend der Schurke: "Nach dem Hochzeitsbette, und von dannen in's Paradies." – "Ach!" schrie Ester: "Du willst mich tödten in Schmach?" – "Nicht doch, Schickselchen;" versetzte Zodick kalt: "Du wirst leben im Überfluss, so Du tust meinen Willen. Doch ist nicht hier der Ort, wo zu reden ist von der Zukunft. Komm, komm, Esterchen? 's ist nimmer weit!" – Die Überzeugung, ohne Rettung verloren zu sein, gibt dem Menschen öfters übermenschlichen Mut, und ungewöhnliche Kräfte. Ester empfand tief, dass der Augenblick gekommen sei, diese Kräfte zu wecken mit dem verzweifelnden Willen. Mit einer Heftigkeit, die nur dem aus brennender Zone stammenden Blute eigen ist, warf sie sich wild und kreischend auf den Niederträchtigen; der sie weiter nach seiner Höhlen schleppen wollte. Weiblichkeit und die zarte Sanftmut abstreifend, welche sonst ihre Zierde waren, gestaltete sich Ester aus einem duldenden Lamme zu einem kühnen Tiger um, und griff den Feind mit offner Tat an. Der Überraschte wehrte sich im Anbeginn nur schwach; da es aber Ester zu gelingen schien ihn zurückzudrängen und von seiner Klaue sich losszureissen, da ergrimmte der fürchterliche Mensch. Vom Sturme des Zorns und der leidenschaft hingerissen, bot er alle Kräfte gegen die Widerstrebende auf; seine riesigen arme wurden länger, seine Fäuste stärker, und die Ärmste, deren Kräfte endlich in dem ungleichen Kampfe erlagen, sank keuchend und wimmernd auf den nassen Sand zu den Füssen des Schrecklichen, dessen eherne Hand sie beinahe zermalmte, während er nach seinem Gürtel griff, um die Bezwungene damit zu binden. Der entsetzlichsten Misshandlung Preis gegeben, änderte Ester ihre Handlungsweise. Die Schlauheit ihres Geschlechts in das Treffen führend, liess sie ab von dem fruchtlosen Kampfe, faltete die hände wie eine Flehende, und beschwor unter Schluchzen und Tränen den übermächtigen Feind ihrer zu schonen. Sie wolle die Seine werden, sobald er ihr Zeit gönnen würde, sich zu fassen, zu erholen von dem grässlichen Sturme in ihrer Seele. – Befriedigt lächelnd horchte Zodick auf die seinem Ohre willkommenen Worte, und zog die Bittende unsanft vom Boden in die Höhe. – "So gefällst Du mir, Esterchen!" sprach er, tief Atem holend: "Du hast mir warm gemacht; aber Du kennst nun auch, was