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gekommen. Die Hunde, die sich bisher nicht geregt hatten, fuhren auf einmal mit wütendem Toben aus ihren Hütten, und an ihrem kurz darauf folgenden erbärmlichen Geschrei war bald zu merken, dass einige derbe Schläge sie zur Ruhe verwiesen. Zugleich polterten mehrere Stösse gegen die Haustüre, und barsche Stimmen, verlangten Einlass. – "Herrgott! schütze Deine Magd!" stöhnte Crescenz, und löschte schnell die Lampe aus, die sie mit in die kammer gebracht hatte. "Halte Dich ganz ruhig und still, Esterchen," flüsterte sie derselben zu, die sich, an allen Gliedern bebend, in eine Ecke des Stübleins verkroch: "bis ich hinunterkomme und Licht mache, und dem Gesindel die tür öffne, fällt mir vielleicht ein Notbehelf ein, und ich rette Dich vor der Nase dieser Spürhunde." – Rasch, wie ein Mann im rüstigsten Alter, tappte die Alte die Treppen hinab, und begann durch das Schlüsselloch mit den Bewaffneten vor dem haus zu unterhandeln. Diese waren jedoch keineswegs gelaunt, Scherz oder Zögerung mit sich treiben zu lassen, und drohten, Tür und Fenster in Stücken zu hauen, wofern nicht alsogleich aufgetan würde. Da sich nun Crescenz entschuldigte mit Mangel an Licht, so erboten sich die Belagerer, ihre eignen Laternen herzugeben, um das Haus zu durchsuchen. Wie sie dann nun immer heftiger wurden, und ohne Aufhören im Namen des Oberstrichters die Öffnung begehrten, auch indessen das Gesinde zusammengelaufen war, und sich wunderte über den mutwilligen Verzug der Schaffnerin, so blieb der letzteren nichts übrig, als in Gottesnamen dem rohen Söldnerhaufen Einlass zu geben. Der Anführer der grimmigen Schaar fuhr sogleich mit Donnerstimme über die Alte her: "Den Judenbalg gib heraus, den Du in Deinem haus versteckt hältst! heraus! ohne Widerstand und Ausflucht. Du bist des Todes, wenn Du nicht blitzschnell tust, was wir begehren!" – Crescenz spielte die Überraschte, die Unwissende, aber ihr linkisches Läugnen machte die Herren noch dringender, die gar nicht übel unterrichtet zu sein schienen. – "Lüge, dass Du erstickst!" schrie der Führer: "Wir werden doch wissen, welch Nestlein wir hier auszuheben haben! Spare also Deine Winkelzüge, und freue Dich auf den Pranger, alte Kupplerin, welche Söhne von ehrlichen Bürgern verführt zur Gemeinschaft mit nichtswürdigen Jüdinnen. Mach' Dich fertig, und steige voran. Wir wollen schon finden, was unser ist." – Je näher die Gefahr rückte, je trotziger wurde indessen die Alte, und hätte sich beinahe verleiten lassen, eine Beteuerung darauf abzulegen, dass die gesuchte Jüdin sich nicht im hof befinde. Indem drängte sich eine neue Figur in den Kreis, und der hässliche Zodick stand wieder frech und leibhaftig wie vor einer halben Stunde vor dem zankenden weib. "Glaubt nicht der Hexe!" rief er den Söldnern zu: "Die Dirne ist nicht gekommen aus dem haus. Ganz Mokum1 will sie an der Nase führen, dass sie selbst komme davon mit ganzen Ohren. Doch ich will Euch sagen, was sie nicht will schmusen. Das Vögelein steckt oben im Nest. So Ihr erklimmt die Stiege, hört Ihr's schon piepen und flattern." – "Der Jude hat eine Nase wie der Teufel!" schwor der Anführer der Häscher, welche lärmend, gegen die Treppe vordrangen. Vergebens suchte Crescenz den grinsenden Zodick Lügen zu strafen, vergebens gegen ihn selbst eine schwerere Anklage zu richten; sie wurde nicht gehört, ihr Geschrei übertäubt, und der andrängende Haufe riss sie in seinem Wirbel mit fort. Den schlagendsten Beweis, dass sie mit Ränken umgehe, schien obendrein das erscheinen einer Dirne zu liefern, die oben auf dem ersten Treppenabsatz sich sehen liess, gehüllt in unordentlich übergeworfene Nachtkleider, und mit ängstlicher stimme herunterschrie: "Aber Frau, Frau, um Alles in der Welt! was soll das Getöse? was gibt es denn?" –

"Das ist sie!" rief Zodick dem Häscheranführer in's Ohr. "Das ist sie!" donnerte der ganze Haufe, und zwanzig hände streckten sich nach der Dirne aus dieersehend, dass es auf sie gemünzt sei, mit jämmerlichem Geschrei: "Mein Kind! mein Kind! hülfe! hülfe!" zurücksprang, und eine schwere tür hinter sich in's Schloss warf. – "Siehst Du, alte Vettel!" donnerte der bestürzten Schaffnerin, die vergebens eine Erklärung versuchte, der Anführer zu, und gab ihr einen groben Rippenstoss: "da ist das geschöpf, das wir suchen. Nicht die Dirne, noch ihr Junges soll uns entkommen, und brennen sollen sie beide! Sperr' auf die tür." – Crescenz, von tödtlichem Schreck erkältet, suchte zähneklappernd einen Schlüssel nach dem andern in das Schlüsselloch zu passen; da jedoch die Angst den rechten ihr nicht finden liess, so machten die Bewaffneten kürzere Wirtschaft, und rannten die tür ein. Wie ein Knaul von Wahnsinnigen stürzte der helle Haufe in das Gemach, und erwischte die schreiende Dirne, da sie eben, besinnungslos vor Entsetzen, mit einem kind im arme, zum hohen Fenster hinausspringen wollte. Während nun Crescenz in der Mitte des Getümmels umsonst ihre Lunge anstrengte, um zu beweisen, dass die Gefangene nicht diejenige sei, die man suchte, während die Gefangene selbst in Tränen zerfloss, und das Kind jammerte, – während die Häscher Stricke und Riemen hervorsuchten, um nicht nur allein die mutmassliche Ester