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"Du hälst mich für eine Schnattergans, dass Du solch Possenzeug mir weiss machen willst. Ester ist nicht hier, ist noch nie hier gewesen, magst Du wissen, Du schleichender Spürhund. Hier hausst eine andre Jungfer, die mit Euch Juden nichts gemein hat: weisst Du das? Deine Mährlein von dem Oberstrichter und seinen Knechten trage nur anderwärts hin, hörst Du?" –

"Lasst doch das lächerliche Gedibber;" versetzte Zodick unwillig: "Wer im Giebelstübchen wohnt, weiss ich gar wohl, so gut als der Prophet Elias. Ruf' mir das Schickselchen herab, und ich führe sie zum Ärte, ehe noch die Gewalt kommt über Euch." – "Wenn Du nicht alsobald gehst," erwiderte die Alte derb, "so kommt die Gewalt meiner Haue und meiner Hunde über Dich; wenn Du nicht die letzteren vergiftet hast, da ich keinen laut von ihnen höre." – "Ohne Sorgen, Mütterlein;" sagte Zodick schmeichelnd: "sie leben, die Tiere; aber tun werden sie mir nichts, denn ich verstehe das Handwerk, und habe ihnen gegeben Kuchen, besser als der Kuchen Levi in der Nacht des Passah. Du, lass mich aber hinein, dass nicht Unglück einzieht bei Dir und Esterchen frei werde, von Amaleks sündigen Richtern." – "Nimmermehr!" wiederholte Crescenz: "Ich traue Dir nicht, ich glaube Dir nicht, Du abtrünniger Mensch, dem's mit dem wahren Glauben eben so wenig Ernst ist, als mit dem falschen. Du bist ein Gezeichneter. Mache, dass Du von hinnen kömmst!" –

Ein blitzendes Messer züngelte wie ein Strahl durch die Öffnung des Ladens; Creszens gewahrte jedoch noch zu rechter Zeit des meuchelmörderischen Versuchs, sprang zurück, und riss den Laden mit einer Gewalt zu, dass die Klinge zerbrach. – Der Mordbube fluchte draussen halblaut über des Weibes Klugheit, und den Verlust seines Gewehrs. Crescenz belferte ihm aber zu: "Rotaariger Schuft! wo Du nicht gleich Reissaus nimmst, rufe ich meine Leute, und Dein letztes Brod ist gebacken, Du Schurke." – Eilig, wie ein rollender Kiesel, entsprang der Bösewicht, und die Hunde, wie von einem Zauberspruch betäubt, rührten sich nicht in ihren Hütten.

Dreizehntes Kapitel.

O, höret doch, wie sein Donner zürnet, und

welch eherne Rede von seinem mund ausgeht!

Er siehet unter allen Himmeln, und sein Blitz

scheinet auf die Enden der Erde!

Hiob.

Die gute Crescenz hatte nichts Eiligeres zu tun, als den Weg nach der Giebelkammer zu suchen, um die holde Ester, die kaum, von Tränen und Leid erschöpft, entschlummert gewesen, aus der süssen Ruhe zu wecken. Das Mädchen fuhr erschrocken empor, und ihr Schrecken verdoppelte sich, als ihre Pflegerin ihr in's Ohr rief: "Du bist verraten, Mägdlein! auf! Dein Heil ist nur die schnellste Flucht!" – "Verraten?" stammelte Ester: "woher wisst Ihr ....? wer hat das getan?" – Crescenz säumte nicht, so schnell als ihre Zunge es gestattete, den Auftritt mit Zodick der staunenden Zühörerin zu berichten, die sich hierauf in Danksagungen gegen sie erschöpfte. – "Ei, so lass Dank und glatte Worte bei Seite!" schalt endlich die Alte: "was ich dabei getan, ist gar keines Lobes würdig. Welcher Mensch in der Welt wird solch ein Galgengesicht gutwillig in's Haus und sich die Gurgel abschneiden lassen? darauf hatte es der Schurke doch doch nicht vorbei, sondern sie kommt erst heran. Entweder ist es wahr, was der Bursche behauptete, und der Judenarzt hat Dich an den Schulteiss verschwatzt, und in diesem Falle musst Du schleunig fort; oder, es ist nicht wahr, und der Schandbube gibt selber Dich an; dann musst Du auch fort. Darum kleide Dich, und laufe; es blutet mir das Herz, dass ich Dich vor die tür stossen muss, – aber überall wirst Du besser sein, als in den Händen des lustgierigen Schulteissen." – "Hochgelobter gepriesener Gott!" seufzte Ester trostlos: "Kann Dein Vaterauge sehen solche Bedrängniss ohne zu helfen? O, dass er fern sein muss, auf den ich baute, wie auf einen Engel." –

Crescenz hätte gerne der Klagenden den Trost gegeben, dass Dagobert nicht mehr ferne sei, allein sie bedachte noch zu rechter Zeit, dass diese Kunde den Schmerz des Mädchens, und ihren Widerwillen gegen die plötzliche Trennung vom Schellenhof vermehren würde, und dennoch war, ihrer Meinung nach, kein bessres Mittel vorhanden, dem nahenden Unheil zu entgehen. Sie begnügte sich daher, der trauernden Ester aufzutragen, sich in Wald und Busch so lange verborgen zu halten, bis der nächste Abend herangekommen sein würde, und alsdann fein vorsichtig auf dem hof sich wieder zu melden. Unnachsichtlich drängte sie indessen jetzt zum Abschiede, denn neben der Furcht, das Mädchen selbst in der Feinde Schlingen fallen zu sehen, beunruhigte sie das los gar sehr, das ihrer warten dürfte, ward ihre Teilnahme an dem heimlichen Handel bekannt. – Aber so sehr sie auch drängte und trieb, so sehr Ester sich beeilte, ihrem Willen folgsam zu sein, und kaum sich die Zeit nahm, die schönen Locken mit Crescentia's eignem Miedertuche vor dem gegen die Fenster schwirrenden Regen zu schützen, – so waren doch Warnung und Vorsicht zu spät