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Sie setzte sich hierauf in den Sorgenstuhl, und dachte im unruhigen Geist nach über die begebenheiten des Abends. Nach allem Überlegen schien ihr endlich nichts klarer und gewisser zu sein, als dass der angehäufte Gram und Unmut Margaretens Verstand in Unordnung gebracht habe, und sie begann, sich die bittersten Vorwürfe zu machen, dass sie die Sinnverwirrte hinausgelassen in die einsame Finsterniss, wo ihr unstäter Fuss gar leicht in des Wassers Flut geraten, oder ein Blitz ihr Haupt zerschmettern konnte. Sie schalt sich einfältig, dass sie gar nicht bedacht, wie ungnädig Herr Dieter ihr Betragen, – kam's zu Tageaufnehmen würde, und bedauerte abwechselnd die arme Frau, sich selbst, und den guten Junker Dagobert, den die Botschaft, die Margarete seinem Knechte aufgegeben, unbedingt zum tod erschrekken müsse. – "Der biedre Junker!" sagte sie vor sich hin, während sie ihr Nachtkleid überwarf: "Wie er Alles liebt, das ihm vertraut. Wie dankbar, gedenkt nicht sein die Stiefmutter, die ihn hasste? Wie zart denkt er nicht Aller, deren er sich angenommen! Wie werde ich das gute Judendirnlein morgen mit der Nachricht erquicken, dass er gesund und wohl ist. Der lange Knecht liess sich's gewiss nicht träumen, dass der Gruss an die alte Crescenz auch noch jemand Anderm galt! Wie aber in aller Welt, kommt es, dass der biedre junge Herr vor die Vehme geraten ist, von der ihm nur der Kaiser loshelfen mag?" – "Ei!" unterbrach sie sich, gegen das Fenster lauschend: "war mir's doch, als ob die Hunde sich wieder bewegten, und leise knurrten. 'sist aber wieder Alles stille. – Und dennoch," setzte sie nach einer Pause hinzu: "dennoch regt sich draussen etwas, und ich höre die Hunde schnaufen und schmatzen, als ob sie etwas köstliches zu fressen erhalten, hätten." – Schon griff die herzhafte Frau nach der Lampe, als eine behutsame Faust einigemal leise an den Laden klopfte. – "Da haben mir's!" flüsterte die Alte vor sich: "Das ist ein frecher Dieb, der meinen Hunden mit Gift das Maul gestopft hat, und nun herein möchte." – Sie erfasste schnell eine Haue, die in der Ecke stand, öffnete das Fensterlein, und sprach durch die Ritze des Ladens hinaus: "Du diebischer, ungeschlachter Gesell, wer du auch seist, – packe Dich fort, denn meine Leute sind beim ersten Schrei wach und hellmunter. Auch halte ich eine Haue in der Hand, die dir den Kopf zerschmettert, wenn Du in's Fenster einzubrechen wagst. Zieh darum ab. Ich bin 'ne arme Frau, und hier ist nichts zu holen, als ein blutiger Kopf." – "Macht keinen Lärm!" flüsterte es von draussen herein: "Ich bin kein Dieb, sondern ein ehrlicher Mann. Ich komme doch nur, um Euch zu warnen, Mütterlein." – "Wofür? Du Schalksgesell?" fragte Crescenz, noch immer ungläubig. Der Fremde vor dem Fenster fuhr aber fort: "Man ist Ben David's Esterchen gekommen auf die Spur; Du gutes Weiblein. Sie werden kommen, ehe vergeht eine Stunde, mit Spiessen und Stangen, um die Jüdin zu fangen, und um Dich, als Hehlerin, zu setzen auf den Turm bei wasser und Brod." – Crescentia's Herz klopfte heftig, – denn sie konnte nicht an dem guten Wissen des Klopfenden zweifeln. Sie öffnete scheu den Laden, obgleich nur halb, und beleuchtete vorsichtig Zodick's hässliches Antlitz, das sich herein bog. "Wer bist denn Du, Nachtläufer?" fragte sie halb erschrocken. – "Kennst Du mich denn nicht, Mämme!" sagte Zodick entgegen: "Bin ich doch gewesen der Knecht, der Dir so oft gebracht hat mildtätige Beisteuern von David, dem Sohne Jochai. Du musst Dich noch besinnen auf meine Gestalt." – "Ach! Du bist's?" rief die Alte erschreckt: "Weiche von dannen, Du Lügner, der seinen Herrn zum tod bringt, durch seine blutige Bosheit!" – "Ich bin nicht derselbe;" hiess es entgegen: "Jener Zodick, der geklagt hat in Edom, ist nicht mehr, sondern ein reuiger Zodick lebt noch, und darum will er retten, die Tochter seines Herrn, die Einer aus Israel verraten hat an den wollüstigen Schulteiss." – "Um Gotteswillen!" fiel die Alte kläglich ein: "Der Schulteiss? das arme Kind ... wer war der Verräter?" – "Joseph der Arzt;" erwiderte Zodick leise: "Um die elfte Stunde kommen des Oberstrichters Trabanten heraus, und wehe Dir, wenn man die Dirne findet. Mir hat's gesagt der kleine Finger, und ich will holen das Esterchen, und es bringen zum Vater." – "Zum Vater?" fragte Crescentia misstrauisch: "Faule Fische, rotköpfiger Jude." – "Ich will sprudeln Gift und Galle ein Jahr lang," beteuerte Zodick, "wenn es nicht ist wahr. Ich habe herausgebracht den Alten aus dem Turm, und ihm versprochen, weil er selber ist krank und schwach, die Tochter zu retten aus den Klauen der haarigen Böcke."

"Ei, Du unverschämtes Lügenmaul!" eiferte die Alte: