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denn Alles sei gegen ihn verschworen. Und nun mache Dich zur Stelle auf, und eile von dannen. Vielleicht ist jetzt schon Rüdiger des Todes, oder genesen. Vielleicht geht jetzt schon der Sorglose, Unbefangne seinem Untergange entgegen, ohne Warnung, ohne Ahnung! Geh! geh! guter Vollbrecht!" –

Um den schwankenden Entschluss des zögernden Burschen zu beschleunigen, drückte sie ihm ein Geldstück in die Hand, und diese Freigebigkeit, verbunden mit der aufrichtigsten anhänglichkeit an seinen Herrn bestimmte den Knecht, sich alsobald auf zu machen. Frau Margareten für ihr Geschenk das Kleid küssend, Crescenzien für das Nachtmahl dankbar die Hand schüttelnd, sprang er hinaus, warf sich auf den harrenden Gaul, und suchte auf gut Glück in dunkler Nacht den Weg, den er gekommen. Die Schaffnerin hatte kaum ihren Ohren getraut, als sie die Reden vernommen, die Margaretens Mund, wie vom Sturme beflügelt, gesprochen hatte. Es schien ihr noch immer, wie ein Traum, das ihre Meisterin jetzt, zu dieser Stunde in ihrem Gemache stehe, und eine ängstliche Neugierde bemächtigte sich ihrer, zu erfahren, was der seltne und verstörte Gast eigentlich hier begehre. Die Altbürgerin liess diese Neugier nicht zu Worte kommen, denn auch sie wurde von der vorrückenden Nacht gemahnt, ihr Gewerbe hier zu Ende zu bringen. – "Das Morgen wird kommen," sagte sie ernst zu der Dienerin: "Ich werde vielleicht nicht wiederkehren, denn meines Lebens bin ich nicht sicher auf dem Wege, den ich heute gehen muss. Versprich mir aber, Crescenz, dass, wofern ich morgen in des Tages frühe nicht zurückkehrte, Du meinen Herrn aufsuchen wollest, und ihm melden: Ich hätte es nicht ferner tragen können, meine Unschuld für böse Schuld abgewogen zu sehen. Ich sei ihm immer treu gewesen und hold, – Dagobert sei rein, wie das Sonnenlicht, – ich hätte weder meinen Herrn und zu Ehewirt zu morden begehrt; noch sein Herz zu zerreissen durch Wallradens Raub, den er mir ebenfalls zugeschrieben. Um ihn zu überzeugen, dass ich wahr und redlich gehandelt, sei ich heute hinausgegangen zum Sprünglinsteine, um dort zu verrichten, was Herr Dieter, von Argwohn und Misstrauen befangen, nicht unternehmen wollte. Er möchte mir daher vergeben, was ich vielleicht im Leichtsinn der Jugend an ihm gefrevelt. Böses habe mein Herz dabei nie im Schilde geführt. Er möge mir auch verzeihen, was ich Schwereres begangen, und mir nicht als Sünde zurechnen, was ein irre geleitetes Gefühl verbrach. Er möge endlich meiner in Frieden gedenken, und von dem kleinen Hans seine Hand nicht abziehen, wie auch die Dinge kommen sollten. Verstehst Du mich, gute Crescenz?"

Die Alte hatte zugehört, und immer aufmerksamer Auge wie Ohr geöffnet. Nun aber, da Margarete zu reden aufgehört, starrte sie dieselbe unbeweglich an. "Ich werde ausrichten, was Ihr befehlt, ehrsame Frau," sagte sie, in ihrer Bestürzung verharrend, – "aber ich will nicht getauft sein, wenn ich begreife, was das Alles heissen soll? Hat Euch denn der liebe Herrgott Euer Sterbestündlein offenbart? oder welche Ursache habt Ihr dann, dass Ihr solche bedenkliche Reden führt? Oder hätte Euer häuslich Kreuz Euren Verstand beschädigt? Ich sollte Euch wahrlich nicht fortlassen in der dunklen Nacht." – "Keine Widerrede:" befahl Margarete herrisch, und Crescenz zog sich alsobald in die Schranke der Demut zurück: "Höre noch das letzte:" setzte die Altbürgerin hinzu: "Atme ich morgen noch, so werde ich am Abend hier mit meinem Stiefsohne ein Wort des Abschieds reden, – in Gegenwart Deiner beiden Augen, unter der Obhut Deiner verschwiegenen Zunge. Hat jedoch der Herr des Lebens über mich geboten, so sage dem jungen, unglücklichen, durch m i c h unglücklich gewordnen jungen mann: Bis zu meinem letzten Atemzuge sei e r mir der teuerste Mensch auf Erden gewesen. Die Zeit, da ich ihn verstohlen liebte, wie ein unerreichbar höchstes Gut, sei meine glücklichste; die Zeit in der ich ihn hasste in verirrter leidenschaft, meine elendeste gewesen. Seine vergebende Freundschaft war Paradieseshauch in meinem häuslichen Jammer, sein Bild der Heilige zu dem ich betete. Bekenne ihm in meinem Namen, dass ich, die Unwürdige, glücklich war, in der Erinnerung an ihn, und dass, wenn es möglich ist, mein Geist sich von oben herabneigen wird, um über seine Schritte zu wachen, dass ich ihn aber bitte mit der verzweifelnden Liebe einer Mutter, sich selbst zu erhalten, und die Stätte zu meiden, wo öffentlich und heimlich die höchste Gefahr ihm droht, wo selbst der eigne Vater von schnöder Rachlust entbrannt ist gegen den Unschuldigen. Beschwöre ihn," ... – hier hemmten Tränen die Worte Margaretens, und mit einem schmerzlichen: "Ich kann nicht mehr; lebe wohl!" stürzte sie aus dem Gemach. Die angstvolle Crescentia folgte ihr ermahnend, bittend und klagend. – Die Altbürgerin war unerbittlich gegen ihr Flehen; – noch unter der Haustüre musste ihr die Alte in dem ungewissen Dunkel die Richtung bezeichnen, die sie gegen Bergen zu nehmen hätte, und unter dem Gebell der wachbaren Hunde, entwich die kühne, auf's Äusserste gefasste Frau den Augen der alten Dienerin. – Kopfschüttelnd sah ihr die Letztere nach, schob alsdann den Riegel vor, und sendete das Gesinde, das durch das Hundegebell aufgeschreckt worden war, wieder zum Lager zurück.