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Crescentia, die nach der Ursache des Gebells aussah, erschrack in die tiefste Seele, als sie die stimme der Diensterrin vernahm, die auf einen Augenblick den Eintritt in'ss Haus verlangte. Die Beschliesserin gehorchte indessen auf der Stelle, und tat ihr gastliches Gemach auf, in welchem Margarete einen langen Mann gewahrte, welcher so eben einen mässigen Nachtimbis einnahm, und verlegen aufsprang, da Margarete in die tür trat. – "Sieh da, Vollbrecht!" rief die Altbürgerin, schmerzlich und freudig betroffen von dem Anblick des Knechts: "Du hier? Ei, sprich, wo ist Dein Herr, und kehrt er zurück?" – "Ehrsame Frau!" lautete die Antwort: "Wir sind herumgezogen in der Irre, wie Roland's Knappen, haben aber nichts erlauert, nichts erspürt. Wir haben zwar manchen Span bestanden mit den adelichen Herren, die rundum an den Strassen und Flüssen die Schlagbäume machen, und von Freund und Feind den Zoll heischen, – aber, die wir suchten, fanden wir nicht, und des Fräuleins leibeigner Knecht Rüdiger, nachdem er uns lange links und rechts und kreuz und quer im land umhergeführt hatte, meinte endlich, er werde doch nimmer das Schloss erkennen, in welchem sie gesteckt, – das fräulein, Er und die Zofe, – und glaube steif und fest, man habe das fräulein umgebracht, weil auch kein laut mehr, von ihr zu hören sei. Darauf haben wir uns auf den Rückweg gemacht, und wollten heute zur Vesperzeit in Frankfurt einreiten, als mit einemmale der Rüdiger krank wurde, und so brestaft, dass er wohl nimmer erstehen wird. Der Mensch hat sich so viel Gedanken um seiner herrschaft Schicksal gemacht, und sich so sehr darob gegrämt, dass, er sicher schon verschieden wäre, wenn er nicht etwas auf dem Gewissen gehabt hätte, das ihn, wie er sagt, seit geraumer Zeit gedrückt hat, wie ein Fels. Der Junkherr hat ihm zugesprochen, wie ein Beichterr, denn das versteht er aus dem grund, und endlich hat der Knecht sich drein ergeben, und versprochen, ihm Alles zu bekennen, und sein Herz zu erleichtern vor dem Ende." – "Was kümmert mich der Knecht?" schaltete Margarete dringend ein: "Wo ist Dein Herr? das will ich wissen." – "Ich bin ja gleich zu Ende;" erwiderte der Knecht gehorsam: "Wir waren gezwungen, in einer schlechten Winkelschenke einzukehren, nicht allzufern von hier, da der Rüdiger nicht weiter konnte, vor Frost und Hitze, und wenn man ihn auf's Pferd gebunden hätte. Und da es den sterbenden Mann drängte, meinem Herren zu vertrauen, was ihn quält, und mir, dem Knecht, nicht nötig und ziemlich ist, davon zu wissen, so hat der Junker gesagt: 'Reit Du indessen gegen Frankfurt, Vollbrecht, und sieh nur, wie's dorten steht, ob sich vielleicht durch Gottes und eines andern Biedermanns hülfe die Schwester daselbst wieder eingefunden, und wie es mit dem lieben Vater steht, der Mutter und dem kleinen Hans. Vergiss jedoch nicht, vorerst auf dem Schellenhofe einzusprechen, und der wackern Frau Creszens meinen Gruss zu bringen, mit dem Vermelden: es stehe bis auf die getäuschte Hoffnung, wohl mit mir, und sie solle es nur weiter sagen. Sobald des Rüdigers Zustand es erlaubt, komme ich selbst.'" – "Um Gotteswillen nicht!" fiel hier Margarete eifrig ein: "Fliege zurück zu ihm, und bringe ihm diese Kunde! Nur gegen Frankfurt nicht. Die Heimat wird sein Grab. Er bleibe fern, denn seine Feinde haben die tödtlichsten Pfeile auf ihn gerichtet. Die heimliche Acht hat ihn vorgeladen, und von ihren Schranken kehrt kein Gerechter wieder."

"Jesus Maria!" seufzte die Beschliesserin, und schlug ein grosses Kreuz. Der lange Vollbrecht faltete erschrocken die hände, und sprach kein Wort. – "Wenn ihm sein Leben, wenn ihm meine Ruhe lieb ist, so bleibe er fern, so verberge er sich in entlegnen Landen vor den Schöffen der Vehme!" fuhr Margarete bewegter fort: "Sage ihm, Vollbrecht, ich hätte gehört, dass der Kaiser allein die Vervehmten zu schützen vermöge. Er suche zu Sigmunds Füssen die Lossprechung von jener furchtbaren Ladung. Er fliehe zu den Füssen des heiligen Vaters, denn in Deutschland sollen Hunderttausend Dolche auf die Brust des Geächteten lauern. Doch, was rede ich?" setzte sie sich besinnend bei: "ich sollte ihn wegscheuchen vom heimatlichen Boden, ohne ihm erst zu sagen, wie sich Alles gestaltet? Nein, nein, nein! Guter Vollbrecht! vergib mir, wenn ich verwirrt rede, aber wiederhole ihm getreu meine Worte. Sie verraten selbst in ihrer Verwirrung die Liebe, die dankbare Freundschaft, die ich für ihn empfinde. Er soll mir glauben, Vollbrecht, – nicht wähnen, als sei es Bosheit einer Stiefmutter, die den Sohn erster Ehe aus dem Vaterhause treiben möchte! Ich bin ja selbst geächtet, ... selbst verstossen! Aber recht! reden muss ich noch einmal zu ihm. Ich muss ihn sprechen, obgleich ich nicht weiss, ob ich morgen noch lebe! Sage ihm, treuer Knecht, sage ihm, dass er morgen, um diese Stundehier erscheineer würde mich finden, ihm Lebewohl zu sagen; bis dahin möge er jedoch verborgen bleiben;