dann versetzte er: "ich habe bei ihm geschlafen, ... ganz gewiss, ... und bin auf seinem Knie geritten; ... ach Mütterlein! welch ein grosser Schnauzbart; und den hat er noch." – Ei, wo sahst Du ihn denn, Hans? – "Am Fenster stand er," fuhr der Bube fort, "und ein schwarzer grosser Herr neben ihm, und sie sahen mich auch lange an; der Mann hätte gewiss mit mir geredet, wenn er nicht im haus gewesen wäre, und ich auf der Gasse." – "Gewiss," versetzte Margarete, leichter atmend: "dass er aber nicht zu Dir heraus kam, sei Dir ein Beweis, dass es doch nichts war, als ein Traum, was Du Dir einbildest; ein Traum, von dem zu reden ich Dir ernstlicher verbiete als jemals; hörst Du? Wenn Du haben willst, dass ich nicht mehr zurück komme, so magst Du tun, was ich verboten habe." – "O, mein Mütterlein!" antwortete schmeichelnd der Bube: "Wieder kommen! nichts sagen, – gewiss nicht, herziges Mütterlein." – Da trat Else wieder in die stube. – "Ersame Frau," sprach sie, auf den Zehen heranschleichend: "es ist, als ob ein Zauber Euern Ausgang begünstigen wollte: wir haben Besuch bekommen; der Bruder des Herrn, der Prälat aus Wälschland ist so eben im haus eingekehrt, mit einem gar holdseligen fräulein, das wohl seine Haushälterin oder eine Verwandte sein mag. Der Herr Schöff ist überrascht auf seiner stube ihnen entgegen gegangen, und hat die Gäste bewillkommt, und in den grossen Gaden geführt. Darauf hat er dem Eitel befohlen, spanischen Wein heraufzubringen, und ein Nachtmahl anzuordnen, wie es in der Eile sich würde tun lassen. Das Gesinde ist in Küche und Keller beschäftigt, die tür ist offen, das Glück und die Nacht sind Euch günstig, wenn Ihr ferner bei Eurem Vornehmen beharrt." – "Ob ich dabei beharre?" fragte Margarete lebhaft: "Hartnäckiger denn zuvor. Den Prälaten, welcher Wallraden liebt, wie seinen Augapfel will ich nicht eher sehen, als bis ich etwas getan, das unläugbar von meinem guten, aber schnöd verkannten Sinne zeugt. Komm, Else, hilf mir, und Du, mein Junge, setze Dich dort in den Winkel, und weine nicht, und plaudre nicht. Ich werde wiederkommen, und Dir schöne Sachen mitbringen." – Hans tat, wie ihm geheissen war, und Else warf der Gebieterin den Mantel um. "Gott schütze Euch!" schluchzte die gute Seele, da sie die schweren silbernen Hacken am Halse Margaretens zumachte, und ihr das Kästchen unter den Arm schob: "Der Himmel gebe, dass wir alle es nicht bereuen mögen, dass Ihr heute fortgegangen von Euerm Herrn und Sohne." – "Das gebe der Himmel!" erwiderte Margarete, und öffnete die tür des Gemachs leise und vorsichtig. Else folgte der voranschleichenden Herrin, wie ein lauschender Dieb, und der Zufall wollte, dass kein Verräter über ihren Weg ging. Die schwere Hauspforte wurde halb aufgezogen, und in die braune Dämmerung entschwand Margarete.
Die aufgeregte Einbildungskraft zeigt uns oft, wenn uns die Nacht auf Haide und Blachfeld überrascht, am Saume der Wolken Schatten und Gestalten, die dahin gleiten wie in Flören und weit verhüllenden Gewändern schwebend, Klagefrauen ähnlich, die um den in Meeresfluten begrabnen Tag trauern, und die hände ringen. Also durcheilte Margarete die Strassen der Stadt, über welche der neu eingetretne Vollmond einen feuchten, düstern Himmel gespannt hatte. Mit der Sonne hatte auch das schöne Wetter Abschied genommen, und gewitterliche Wolken den Schauplatz bezogen. Wohl leuchtete der Mond, aber seine Scheibe war bleich, und diese blasse Helle deutete auf herannahenden Sturm und Regenguss, so wie die Mitternacht herankommen würde. Wann hätte jedoch des Firmaments Beobachtung einen Menschen abgehalten von dem Vorsatz, zu welchem ihn der feste Wille treibt, oder die unerschütterliche notwendigkeit? Auch das schwächre Weib zittert nicht vor den drohenden Schrecken der natur, wenn sein Herz zu höhern Pflichten, zu wirklichen oder eingebildeten ruft, und Margarete bemerkte, rasch fortschreitend, nicht den stillen Wolkenkampf am Himmelsbogen, nicht das dumpfige Wehen der nässlichen Luft. Es war ein seltnes Schauspiel, um jene vorgerückte Abendstunde ein Weib aus dem bessern stand allein auf den Gassen der Stadt zu gewahren, und mehr als ein zudringlicher Junker bot der Eilfertigen seine Begleitung an. Kaum hörte sie jedoch die Begrüssung der Schüchternen, die Frechern wies sie mit harten Worten zurück, und verschloss ihre Ohren vor den Spöttereien der Wächter am Tore. E i n Ziel vor Augen habend, ging sie mutig hinaus in's Weite, und das Mondlicht sowohl, als auch dann und wann ferne am Feldberg aufzudeckende Blitze leuchteten ihr mitleidig auf dem Weg zum Schellenhof. Keine menschliche Seele war ihr vor der Stadt begegnet. Züge von Dohlen und Krähen, die, vor dem fern dräuenden Sturm einen Zufluchtsort suchend, dicht am Boden vorüberflatterten, waren die einzigen lebenden Geschöpfe, die sich zeigten. Frau Margarete, trotz aller Standhaftigkeit dennoch solcher einsamen Wanderungen ungewohnt, dankte dem Himmel im Stillen, als die Hunde des Schellenhofs bei ihrer Annäherung anschlugen, obwohl hier erst der halbe Weg zur Gefahr überwunden war. Die Hunde tobten an der Kette, und der geschlossne Fensterladen im Erdgeschosse ging auf.