aufschlug, und in die glühenden Esters schaute. "Gundel!" stammelte der Schlaftrunkne, die Ärmchen nach der Verkannten ausstreckend. Ben Davids Tochter bog sich aber zurück, und der Knabe ersah seinen Irrtum. Bekümmert verzog sich sein Mund, die Händchen fielen auf die Decke zurück. "Du bist es nicht!" klagte er: "Liebe fremde Frau, wirst Du mich zur Mutter bringen und zu meinem Hänschen?"
"Ich möchte Dir Mutter sein, holdes Kind!" erwiderte Ester freundlich: "wenn ich es nur sein dürfte."
"Warum darfst Du denn nicht?" fragte der Knabe zutraulich werdend: "Du bist so gut und lieb; Dich möchte ich schon Mutter nennen, viel lieber als die schwarze Mutter, die mich beständig schmälen wird, weil ich sie verloren habe."
"Schmälen würde sie Dich?" sprach Ester, ihn an sich drückend, "wäre sie dann Mutter? Jubeln wird sie, und dem hochgelobten Gott danken, der Dich wieder in ihre arme führt."
Der Knabe starrte sie verwundert an. "Gundel hat mir einmal von dem lieben Gott erzählt!" sprach er hierauf. – "Nicht wahr, er ist überall?"
– "Ja, mein Kind." –
"Er lässt seinen Kindlein nichts Böses geschehen?"
– "Nein, mein Knabe." –
"So ist er nicht da, wo die schwarze Mutter ist. Sie hat mir oft wehe getan, und Gott hat ihr's nicht verboten. Aber hier ist er, bei Dir, denn Du bist so gut und so schön, dass ich auch immer bei Dir bleiben möchte."
– "Ja; der Ewige ist hier!" rief Ester: "Er spricht aus Deinem Lallen, er tut sich kund in meinem Herzen, das Dich sein Kleinod nennen würde wäre es ihm erlaubt."
"Verblendete!" sprach Jochai hinter ihr, der leise eingetreten war: "Danke Dem, den man nicht nennt bei seinem Namen, dass es Dir nicht erlaubt ist, diesen Christenauswurf in Deinen Armen zu hegen. Du sehnst Dich, hinabzusteigen zu den verworfenen Söhnen und unzüchtigen Töchtern Kains, wie die Fürsten des himmels, Asa und Asael, Gelüsten trugen zu den Töchtern der Erde. Aber, so wie die fehlenden Engel hängen müssen zwischen Himmel und Erde, also wird auch Dich der Zorn des Herrn ereilen, wo Du nicht ablässest vom Irrtume."
Ester legte die Hand des Grossvaters auf ihr Haupt, kniete nieder und sprach: "Vater, ich danke täglich dem Ewigen, dass er mich eine Tochter Zions werden liess. Verkenne mich nicht." – Jochai sah sie streng an, schüttelte das Haupt und redete: "Weib, Zögling der Schlange! ob Du wahr sprichst, weiss nur E r allein. Aber Du schändest den Sabbat, dass Du hier am Bette des Christenbuben weilst, während ein Sohn des Gesetzes in unserem haus leidet, auf den noch kein Strahl Deines Auges fiel."
"Du meinst Zodick?" erwiderte Ester kalt, und stand auf: "Grete mag ihn pflegen und heilen. Das Gesetz verbietet mir, am heiligen Tage Wunden zu verbinden."
"Zodick ist ein getreuer Bekenner des Glaubens und dieser wird ihn heilen, ohne Dein Zutun;" versetzte Jochai, und führte Ester hinweg in die geschmückte stube, obgleich sie sich nur ungern von dem weinenden Knaben trennte.
"Was hast Du gegen den getreuen Zodick?" fragte Jochai, da Beide sich wieder in der Sabbatsruhe sich befanden: "Sprich, rede offen."
"Mich ärgert der Mensch, so oft ich ihn erblicke;" antwortete Ester offenherzig: "Seine ungeschlachte Gestalt, sein rotes Haar und sein schielender blick sind mir zuwider."
"Liebe Deinen Bruder, spricht die Pflicht;" versetzte Jochai: "Gewöhne Dich, auch den Hässlichen zu lieben, wenn er Dein Mann werden soll; spricht die Klugheit."
Ester erbleichte, ... fasste sich indessen bald und fragte verlegen lächelnd: "Nicht wahr, Du scherzest, Vater? – Zodick mein Gatte? ...."
"So wurde es ausgemacht, zwischen Deinem Vater und dem seinigen," erwiderte Jochai. "Als ihr noch Kinder wart, habt ihr Euch schon die hände gereicht, und: 'Missal Tobh!' gesagt, wie es unsre Rabbinen gesegneten Angedenkens verlangen. Zodicks Vater ist daheim gegangen, von wannen man nicht wiederkehrt, und auf seinem Gedächtniss sei Friede. Aber der Bund muss gehalten werden, so lange Zodick ein Mann nach dem Herzen Gottes bleibt. Er dient schon mehr denn sechs Jahre um Dich, und am Ende des siebenten wird er Dich heimführen nach Worms, wo noch unsre Brüder atmen dürfen, in ihren Ketten."
Ester las aus den Augen des Alten, dass der Sache kein Schwank zum grund liege, und die Angst fiel ihr schwer auf das Herz, um so mehr, da Jochai also fortfuhr: "In der letzten Zeit hab ich dann und wann Zweifel gehegt gegen Zodicks Frömmigkeit: immer hat er aber meine Zweifel widerlegt, und erst gestern hat sein trauriges Aussehen bestätigt, dass er gezwungen nur das Gesetz verletzt. Darum wollte ich Dich vorbereiten, und Dich bitten, nicht schnöde gegen ihn zu sein."
"Ich kann immer noch nicht glauben, dass Du nicht scherzest, Vater!"