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drängte zur schleunigen Fortsetzung der Fahrt. – "Wir haben keinen Augenblick zu entmüssigen;" sprach er heftig: "durch jene Büsche sehe ich im falben Abendglanz die Heerstrasse schimmern. Die Sonne ist fast erloschen, und das Dunkel beginnt. Noch lange jedoch sind wir nicht auf befreundetem Boden, und ich fürchte, mit dem Pferde haben wir keine Zeit zu verlieren. Seht, wie es keucht und schnauft, als ob es dem Herzgespann unterliegen wollte!" – "Wohlan denn!" entgegnete Wallrade, aufgeregt von der Möglichkeit, wieder angehalten zu werden, und liess sich wieder auf des Schimmels Rükken heben: "kommt, und eilt, wenn auch das Tier in der nächsten Stunde zu Schanden gehen sollte!" – Rasch brachen sie durch auf die Strasse, und immer hastiger ging's voran. Der Herr von der Rhön hatte keinen andern Gedanken als den der Flucht, und alles übrige vergessend, hielt er mit dem rechten arme Wallraden umschlungen, während die Linke den Gaul regierte, wie es sich eben mit dem unzulänglichen Zügelriemen tun liess. Wallrade fand aber unter Gefahr und banger Furcht noch Zeit zum unbescheidnen Scherz. "Ihr tut ja so eifrig, und umschlingt mich so fest," sprach sie, spöttisch lächelnd zu ihm zurückgewendet, "als wär' ich nur erst Euer geliebtes Bräutlein, und nicht Eure verhasste Ehefrau! Oder vermeint Ihr etwa, mein rascher Rittersmann, mich wieder in den Arm zu nehmen, weil Euer wahres Lieb der Sensenmann umfangen?" – Der unzarte Scherz griff eiskalt wie die Hand des Sensenmanns an Bilger's Herz, und von Wallradens schlankem leib wich schaudernd seine Rechte, und der schwache Zaum entsank seiner Linken, und alsobalb stürzte der Gaul, über Baumwurzeln stolpernd, nieder, um nimmer wieder aufzustehen. Ein Vorderfuss war gebrochen, und auch die keuchende Brust des Tiers, vom scharfen Ritte längst entwöhnt, war am Veratmen. – "Euerm Frevel folgt doch gleich der Fluch auf der Ferse!" zürnte Bilger, und riss Wallraden unsanft in die Höhe: "Jetzt mag unsrer eignen Füsse Kraft uns weiter tragen." – "Feiger Mann!" schalt Wallrade verächtlich entgegen: "Das schreckt Euch? Jeder Weg ist gut, führt er zum Ziele. Mag auch Dorn und Kies meine Sohlen zerreissen, – gleichvielentgehe ich nur dem schändlichen Bechtram, und dem noch schändlichern Montfort!" – "Ho! wer gedenkt hier meiner?" rief sie ein Mann an, der zu Pferde um die, einen Schritt entfernte Waldekke bog, und Wallradens Knie brachen, denn selbst in der mächtig einbrechenden Dämmerung war des Grafen verwachsne Gestalt, die wie ein Kobold im Sattel sass, nicht zu verkennen. Der bestürzte Bilger liess die Erbleichende aus seinem Arm, und dies war der Augenblick, in welchem sich der vom Ross springende Montfort der willkommnen Beute bemächtigte. "Ei, was sehe' ich?" rief er schadenfroh und überrascht: "Ist das nicht die tugendsame Jungfrau, der ich so eben zu hof zu reiten im Begriff bin? Wollte sie mir entgegeneilen, oder hättest Du es gewagt, lüsterner Klostermann, mein Täubchen zu entführen? Fort mit Dir, soll ich mich nicht an Deiner Glatze vergreifen!" – "Herr Graf!" entgegnete Bilger trotzig: "Ihr werdet nicht so unedel sein, dies Weib auf offner Strasse zu rauben, da es mir angehört." – "Der Teufel ist hier Graf, und Dir gehört auch nur der Teufel an!" fuhr ihn Montfort an, indem er die blosse Wehr gegen ihn erhob: "Weiche, verdammter Kuttenträger, und erkühne Dich nicht, meinen Namen nur auszusprechen, weil er zu edel für Deinen Mund ist." – Wallrade machte eine Bewegung um zu entkommen; des Grafen Arm hielt sie jedoch fest; den vor Zorn erglühenden Bilger hielt er mit dem vorgestreckten Schwerte zurück. – "Ich höre Schnauben von Rossen, und Stimmen von ferne;" jammerte die neuerdings Gefangene, die aber die Besonnenheit nicht in dem Grade verlor, um zu vergessen, dass nur dann erst Alles verloren war, wenn beide wieder gefangen würden: "die Verfolger sind's! Weicht der Übermacht, frommer Vater! Rettet Euer Leben!" – "Ja, fliehe, geschorner Wicht!" donnerte ihm Montfort zu: "fliehe, weil ich Dir's vergönnen muss, da ich allein bin, und ohne Geleite. Fliehe, mir ist's nur um diese hier zu tun, an welcher die Welt nichts verliert, mag sie Dir vorgelogen haben, was sie will, gefälliger Beichtvater! Kommen hingegen die Andern heran, denen Ihr entlieft, so möchte es Dir nicht gut gehen." – "Flieht! Ihr macht uns alle unglücklich!" schrie ihm Wallrade zu, und deutete heftig nach der Gegend hin, wo Frankfurt lag, und da plötzlich Frau Elsens gellende stimme auf der Höhe des weges laut sich vernehmen liess, so fand Bilger's Unschlüssigkeit ihr Ende schnell, und mit der Schnelligkeit eines Hirsches warf er sich abermals in das dicke Forstgehäge hinein, wohin kein Pferd dringen konnte, und das Rauschen seiner Schritte verscholl, ehe noch der Tross herbeikam, welcher in der Tat aus Leuten von Neufalkenstein bestand, die je zwei und zwei auf einem Ackergaule oder Lastesel hängend, herbeiklepperten. An ihrer Spitze war Frau Else selbst, quer auf einer grauen Stute sitzend, einen