schien. Die Geübte fasste sich jedoch schnell, warf dem Aufschauenden einen verächtlichen blick zu, und ging stolz vorüber nach dem Wohngebäude. Bilger sah ihr nach, bis sie innerhalb der tür desselben verschwunden war, und ein schwerer Seufzer löste sich von seiner Brust. Unmutig in der Erinnerung seiner Verirrung und seiner Leiden, wollte er in den verborgensten Winkel des Hofs entfliehen, um nicht zum Zweitenmale den Anblick der Frau ertragen zu müssen, die er einst für eine Heilige gehalten, und die er jetzt nur verabscheuen konnte, als über die Mauer herüber eine nicht unbekannte stimme kam: "Gott grüsse Euch, und gelobt sei Jesus Christus, frommer Vater!" – Bilger sah den jungen Knecht über die Brustwehr lugen, mit dem er in verwichner Nacht geredet, und dankte ihm nach Art der Mönche. "Hochwürdiger Herr!" fuhr der Geselle vertraulicher und leiser fort: "ich bin Euch viel Dank schuldig. Die erlaubnis zu beten, die Ihr mir gabt, hat mich erquickt, und im Schlaf heute Morgen ist mir mein Mütterlein erschienen, und hat mich aufgefordert, wieder heimzukehren aus der ruchlosen Gemeinschaft." – "Gott geleite Dich, mein Sohn!" erwiderte Bilger: "Bete Du dann auch für mich." – "Ach, Herr!" meinte der Knecht: "frei sein ist edler, denn Alles. Wie gerne wollte ich Euch frei machen , wenn ich's nur vermöchte" – Indem vernahm man ein Rennen und Laufen im Zwinger, und der Balken der Zugbrücke knarrte, wie der Riegel des Tors. – "Was gibt's denn da draussen?" fragte der Herr von der Rhön den freundlichen Knecht. – "Denkt doch!" flüsterte dieser herab: "das böse Zeichen! der Gaul, auf dem heute der Herr fortgeritten, kommt schon wieder gesattelt und gezäumt. Das Ross rennt wie toll am Abhang auf und ab, und hin und her. Die Knechte machen sich hinaus, um's einzufangen. Ach Herr! was wäre das ein Augenblick des Heils für Euch, wenn das verdammte Gattertor nicht wäre? brücke nieder, Tor auf, Knechte zerstreut, ein Pferd, halb beschlagen, steht verlassen an der Schmiede. Warum könnt Ihr nicht hinauf, und dann im Abendschein in den grünen Wald hinein!" – So eben rief ein andrer Knecht den Plaudernden von dannen, und alles Getöse verlor sich in der Ferne. Bilger blinzelte durch das Gitterlein am Gattertor, und sah, wie Recht sein junger Freund gehabt. Alles leer, auf der herabgelassenen brücke ein einziger gaffender Knecht, ... der an der Schmiede verlassene Schimmel ruhig grasend, mit schleppender Trense. – Nach Freiheit klopfte des Gefangenen Brust, und mit leuchtenden Augen kehrte er sich, Groll und Kummer vergessend, zu Wallraden, die gerade mit Frau Elsens Stickerei aus dem haus trat. – "Dort ..." stammelte er, mit dem Finger durch das Gitter zeigend: "ein Augenblick der Rettung ... wer zu dieser Pforte den Schlüssel hätte!" – Wallrade stand betroffen, dann fasste sie schnell nach dem Schlüsselgebunde, schleuderte Frau Elsens Stickerei in die dunkle Hausflur zurück, und lief nach dem Turme, dessen Pforte sie in einem Nu zuzog, und mit dem ihr bekannten Schlüssel sperrte. Wie ein entschlossner Held zauderte sie keinen Augenblick, den Schlüssel zu suchen, welcher das Gattertor öffnete, und ein günstiger Engel leitete ihre Hand. Der zweite, mit dem sie es versuchte, schloss die Pforte auf. Bilger eilte ihr voraus in den Zwinger; das Schlüsselgebund flog in den Nesselbusch am Eingange; des Wildmeisters geübte Hand bemächtigte sich des Schimmels, und hob Wallraden schnell auf dessen rücken. Trotz der Kutte und der unbehülflichen Holzsohlen sprang er nach, und der Gaul, begrüsst von Zungenschlag und Rippenstoss, entsetzt von der ungewohnten Doppellast, die sich ihm plötzlich aufgeschwungen, tobte wie rasend gegen das Tor, und war schon durch Gewölb und Blückenbogen, ehe dem wachhabenden aber in die Ferne schauenden Knechte es einfiel, "Halt!" zu schreien. Dieser Ruf kam zu spät, denn schon verloren sich Ross und Flüchtlinge hinter Kieferstämmen und Buschwerk, als erst die im Weiten nach Bechtram's Renner laufenden Burgleute das Geschrei vernahmen. Der Schimmel verstand seinen gezwungenen Dienst auf's Trefflichste, denn er stand nur erst nach einer langen zurückgelegten Strecke still; auf einem Waldplatze, der einsam zwischen hohen Bäumen lag, und auf welchem man nur schwach die Hornstösse vernahm, die von Neufalkenstein's Warte ertönten. Wallradens Gesicht überflogen, trotz der Ermüdung und Erschütterung, Streiflichter der boshaften Schadenfreude, da sie diese Nottöne vernahm. – "Ein Mark Silbers gäbe ich darum," stammelte die fast atemlos im Grase Ruhende, "könnte ich auf jenem Wartturme Zeuge der Verwirrung der beiden niederträchtigen Weiber sein. O, dass sie den Hals brächen von der Zinne herab! Wie wird Bechtram fluchen bei seiner Heimkehr! Er ist im stand und mordet die Weiber mit eigner Hand! Süsse Wonne der Vergeltung, wenn diese Kunde mein Ohr berührte!" – "Seid doch nicht unversöhnlich und gehässig in der Stunde, da es gilt, den Himmel anzuflehen um völlige Befreiung;" ermahnte Bilger sich aufraffend: "Eure ruchlosen Wünsche möchten leicht den Engel von uns scheuchen, der unsre allzukühne Flucht bis jetzt beschirmte!" – Wallrade sah ihn finster an; er übersah es jedoch, und