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aber dennoch, wie Alles, ein Ende nehmen wird, ein Paar lustige Gelagwochen, Euer alter Kater ist schon in seinem Fett erstickt, und auch Eure hagre Gestalt beginnt sich zu runden. Während dessen aber muss der arme Bauersmann, der Euch gefahren, im Turme verzweifeln." – "Was kümmert mich der Mensch?" fragte Petronella unwirsch: "Ich bin sammt meinem Vetter in Ehren geladen hieher gekommen, und es steht Euch schlecht an, mich für eine Schmarotzerin geltend zu machen. Der Hochmut ziemt Eurer Lage nicht. Meinen Adel, meine Freiheit, mein gutes Gewissen habt Ihr doch nicht. Lacht nicht, mit dem Gewissen ist's wirklich nicht richtig; die gestrige Ohnmacht, und die plötzliche Bekehrung, die darauf folgte, beweisen es, und der Mönch, der Eure beichte anhörte, würde viel zu erzählen haben, wenn er anders erzählen dürfte." – "Keine Beleidigung!" zürnte Wallrade; aber Petronella hätte unerbittlich fortgefahren, wenn nicht Frau Else dazwischen getreten wäre. "Ei, beim Wetter!" rief sie: "Ist des Haders noch kein Ende? Schämt Euch, fräulein von Leuenberg. Euer Alter sollte vernünftiger sein. Schämt Euch, noch einmal, – und nehmt Euch in Acht vor dem Vetter Veit, denn es scheint, als hätte er seine Nichte zu lieb gewonnen, als dass er Euch nicht den Kopf zurecht setzen wollte, wenn Ihr das fräulein schmäht." – "Das wolle Gott verhüten!" seufzte Petronella mit niedergeschlagenen Augen: "Der Bruder wird doch nicht dem Beispiele der Schwester zu folgen trachten?" – "Und wenn es wäre?" entgegnete Wallrade mit verächtlichem Scherz. – "Mein Tod wäre es;" fuhr Petronella giftig fort: "der letzte Nagel zu meinem Sarge." – "So sterbt immerhin;" sprach Wallrade höhnisch weiter, während Frau Else des Lachens kein Ende finden konnte: – "der Junker von Leuenberg macht mir den Hof, und hat geziemend um meine Hand geworben." – "O der dumme Christoph!" seufzte das alte fräulein schmerzlich, und machte ihre Augen gross auf. – "Noch mehr!" fuhr Wallrade schnell fort: "er wird mich befreien; er hat's versprochen." – "Befreien? versprochen?" stammelte Petronella und sank auf ihren Sitz zurück: "Ich bin verloren. Der undankbare Mensch kann seiner Muhme also vergessen? m i c h würde er aus dem haus stossen wollen, um eines Bürgers Tochter in unser Schloss zu setzen? Abscheulich! Wo ist er, der Wüterich? hören will ich's; aus seinem mund will ich's höre!" – "Ihr erfahrt es früh genug;" versicherte Wallrade. "Ich gebe Euch indessen mein Wort, dass ich mich lange besinnen werde, ehe ich zu Euers Vetters Zärtlichkeiten ein gutes Gesicht mache." – "Und warum?" fragte die Alte ereifert: "Ein junger Edelknecht von Veit's einnehmender Gestalt, ist Jungfrauen von zweideutigem Bürgeradel immer willkommen und wenn ich's beim Lichte besehe, so kann ich's nicht dulden, dass Ihr meinen Vetter ausschlagt." Es wäre ein Schimpf für unser gutes Wappen, das Kaiser Karl der Grosse unserm wohlverdienten Ahnherrn gab. "Der Frosch soll sich's zur Gnade schätzen, mit dem Leuen auf dem Berge wandeln zu dürfen." – "Ihr sprecht verwirrtes Zeug, fräulein;" fuhr Frau Else dazwischen: "das Alter und die Galle machen Euch töricht vor der Zeit. Lasst das Ding nur seinen Weg gehen, und kümmert Euch nicht darum. Unser lieber Gast Wallrade hat mit Euch sich einen Scherz erlaubt. Der Vetter Veit wird sie weder zum Altar führen, noch befreien, ehe mein Alter nicht klingendes Geld dafür gewonnen. Riegel und Knechte bürgen uns für ihre Ruhe und stilles Verhalten, wenn die Freundlichkeit, womit wir die Gefangene behandeln, es nicht tut. Ich habe indessenglaubt mir's Leuenbergerinein weit besseres Vertrauen zu des Leuenberger's Redlichkeit gegen uns, und zu des Fräuleins Aufrichtigkeit, als Ihr. Glaubt Ihr wohl, ich zögerte im Geringsten, die ehrsame Wallrade zu bitten, aus meinem Schreine die Stickarbeit zu bringen, die ich vor einigen Tagen begonnen, und ihr zu diesem Behuf meinen ganzen Schlüsselbund anzuvertrauen? Hier habt Ihr diese teuern Schlüssel, mein fräulein von Baldergrün. Eure Bereitwilligkeit bürgt mir dafür, dass Eure jungen Beine meinen ältern den Liebesdienst erweisen werden." – In der Bitte der Frau Else lag ein Befehl; Wallrade zögerte daher nicht, mit erkünstelter Freiwilligkeit zu tun, wozu sie sich nicht gerne hätte zwingen lassen. Schnell nahm sie die Schlüssel, verneigte sich boshaft vor der Base Petronella, und sprach: "Vergebt, edle Blutsfreundin, meiner vielgeliebten Stiefmutter, dass der Wunsch unsrer verehrten Gastfreundin mich hindert, Euch jetzt schon zu sagen, was der Frosch zu dem Leuen sagen könnte, wenn er mit demselben auf dem Berge lustwandelt. Dieses sinnige Gleichniss hoffe ich indessen später mit Euch abtun zu können, und diese Hoffnung wird nicht der geringste Beweggrund sein, der mich zur Eile antreibt." – Sie flog die Treppen hinab, und erschrack beinahe, da sie, an des Turmes Pforte angelangt, den Herrn von der Rhön erblickte, der mit verschränkten Armen auf der Steinbank an der Kapellentüre sass, und in tiefe Betrachtung versunken zu sein