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. Was nützen ihm die goldnen Sporen? Wenn es um den Scharlachhandel zu tun ist, oder darauf ankömmt, ein Paar elende Kaufleute nieder zu werfen, so ist der Edelmann mit der besten Faust der tauglichste, er sei nun Ritter oder Junker. Eine gute Faust konnte man dem Bechtram nicht abläugnen, aber er ist schon ein a l t e r B ä r geworden. Ich hätte mich wohl unterfangen, mit ihm anzubinden, aber ich habe die Übrigen gefürchtet. Indessen soll er an mich denken, und es bereuen, dass er mich wie einen Schmarotzer und Krippenreiter behandelt hat. Ich fürchte, seine Hoffnung auf das Lösegeld aus Dieter's Hand schlägt fehl, denn ich kenne Einen, der ihm zuvorkommen wird. Heute haben wir Vollmond, und ich meine, Meister Dieter werde auf der Bergener Strasse zu finden sein. Ist das Geld in meinen Händen, dann wird auch Wallrade mir folgen müssen, wenn auch nicht in ihr väterlich Haus, und die Frankfurter brennen zum schuldigen Dank dem hochmütigen Bechtram den Schornstein ober, dem haupt weg."

"Pest und roter Hahn! Ein herrliches Fündlein," setzte er bei, indem er vergnügt sich die hände reibend, aufstand: "Mit einem Streiche erlange ich Dieter's Geld, Wallradens Demütigung, Bechtram's Verderben, und zuletzt muss mein verhasster Schwager erst noch, getäuscht, mit langer Bahn von diesen Mauern abziehen! Noch einmal: Glück auf den Weg, ihr Herren und Freunde! der Leuenberger macht Euch Alles wett!" –

Die Stunden verstrichen in sorgloser Stille. Die Veste lag einsam, und weder Ross noch Mann weit hinaus in die Runde war zu sehen. Die Sonne sank, und im Zwinger und Burghof wurde es schon schattig und düster. Die Frauen beschlossen, abermals auf dem Wartturme luftige Helle zu suchen. Während sie jedoch die Höhe erklimmten, liess der Leuenberger seinen Gaul aus dem Stalle ziehen, und die Pforte öffnen. – "Wilpert;" sprach er zu dem Knechte, der ihm das Pferd vorführte: "ich kehre erst zur Nacht zurück. Der Frau magst Du sagen, dass ich, meines Falkens Steigen zu erproben, ein wenig in's Freie geritten sei. bleibe hübsch auf Deiner Hut, und hab' Acht auf das Tor." – Der Knecht nickte mit dem kopf, und der Junker ritt aus, und lenkte seinen Klepper gleich ausser der Burg auf versteckte Waldpfade, dass die auf dem Wartturme sitzenden Weiber nicht das Geringste davon bemerkten. – "Ihr seid also völlig wieder hergestellt?" fragte Petronella das fräulein mit erheuchelter Teilnahme: "Ihr werdet mir nun sagen können, ob der Luftzug über die Zinnen, oder mein arm, unschuldig Mährlein an Euerm Zufalle schuld gewesen?" – "Keins, von beiden;" versicherte Wallrade spitzig: "im Ganzen war es nur ein Übelbefinden, das mich öfter anwandelt; ein Schwindel; weiter nichts. Ihr kennt ja solche Zufälle, ob sie gleich bei Euch vom Alter ihren Ursprung nehmen, und bei mir das junge heisse Blut daran Ursache ist." – Frau Else lachte, während das fräulein von Leuenberg die Stirne verzog und die spitzige Nase rümpfte. – "Mag ich doch der Jahre so viele zählen, als der Erzvater Metusalem;" sprach sie bitter: "ich bleibe doch immer jung gegen das Alter unsers adeligen Stammes. Nicht alle Leute können sich solcher Herkunft rühmen." – "Nicht alle Leute mögen hoffärtige Armut einem bequemen Bürgertum vorziehen;" versetzte Wallrade gereizt: "vergebt mir, fräulein; es mag alles wahr sein, was Ihr mir von Euerm schönen schloss zu Gelnhausen zu erzählen für gut fandet, allein es ist wohl bessres zu finden, als schmale Kost und magre Mährlein, wie Ihr sie Euerm Vetter auftischt. Das wusste Eure Base Gretchen sehr gut; sie scheute sich keineswegs dem Wohlleben eines Frankfurter Bürgers ein leeres Wappen zum Opfer zu bringen." – "Dieses Opfer unbesonnener Jugend hat auch schier mein Herz gebrochen;" erwiderte Petronella: "der Falk soll nie auf einem Finkenneste horsten. Merkt Euch das, gute Nichte." – "Warum hatten doch eure Warnungen keine kräftigere wirkung?" fuhr Wallrade glühend und mit Spott fort: "Meinem haus wäre viel Unfriede erspart gewesen, – und viele Schande." – "Schande?" schrie Petronella, erstickend fast vor Unwillen: "Welch böser Geist spricht denn heute diese Lästerungen aus Euch, da Ihr Euch noch gestern geberdet habt, wie ein reuiges Schäflein? So man auch wollte, man könnte sich doch nicht mit Euch vertragen, denn Ihr seid schlimm, wie ein schneidiges Messer." – "Allerdings;" gab Wallrade zu: "in ungeschickten Händen werde ich dazu, und das ist bei Euch der Fall." – "Was sollen, denn die Stachelreden?" fiel Else derb und heftig ein: "Wenn Verwandte sich also erzürnen, was sollen denn wildfremde Menschen tun? Gebt Euch zufrieden. Beide seid Ihr mir gleich liebe Gäste, – und," setzte sie scherzend hinzu: – "das fräulein von Baldergrün ist mir schier noch angenehmer, als Ihr, Leuenbergerin." – "Weil das fräulein mit goldnen Ketten und Geschmuck den gezwungnen Aufentalt bezahlen muss;" ergänzte Petronella. – "Und Ihr das erwünschte Traktament nur mit Mährlein;" setzte Wallrade verhöhnend hinzu: "Ihr verdankt meinem Unglücke, das