bei Dir in Empfang nehmen."
Geschmeidig bückte sich Ben David und küsste den Mantelzipfel des Oberstrichters. "Erlaubt, o Herr!" sprach er demütig: "die meisten dieser Leute haben sich schon gepfändet an meinem Eigentume, und sind mit Zeug und Linnen davon gegangen."
"Kannst Du die Leute nennen?" fragte der Oberstrichter streng, und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: "Nein; Du kannst es nicht. Und wärst Du's auch im stand, auf Deiner Seite wäre immer die grösste Schuld. Warum gibst Du nicht gutwillig, und warum hälst Du Dein Auge nicht auf Deine Lumpen? Schliesse jetzt Dein Haus, und verhalte Dich still. Die leiseste Widerrede kostet Dich zehn Gulden. Geht nach Haus, brave Bürger! Gut Nacht, liebe Freunde!"
Die rasche Schwenkung seines Gauls hatte beinahe den armen Ben David in den Kot geworfen; dennoch versäumte er den letzten Bückling nicht, und liess mit niedergeschlagenen Augen die spöttelnden Nachbarn an sich vorübergehen. Darauf befahl er der Magd ganz leise die tür zu verschliessen, und den halb ohnmächtigen Zodick nach seiner kammer zu bringen. Er selbst verlor kein Wort mehr an den Menschen, der ihm so viel Verdruss gemacht hatte, und kehrte mit schwerer Brust und manchem unmutigen Seufzer in das Hintergebäude zurück, wo Jochai und Ester ängstlich auf jedes Geräusch lauschten, und um den Feiertag nicht zu schänden, alles in der gewohnten Ordnung hatten liegen und stehen lassen. Freudig bewillkommten sie den Ruhebringenden, der sich andächtig neigte vor dem Tische und den schwebenden Lichtern, und sprach: "Esau's Sturm hat sich gelegt. Gebenedeit seist Du, hochgelobter Gott, dessen Jakob, Herrlichkeit unsre Scheitel berührt. Wie schön sind Deine Hütten und deine Wohnungen, Israel! Wie schön ist dein Palast, wohlduftende Königin Schabbat, du Freude und Trost aller Gläubigen."
Und sein Mund jubelte, während seine Augen von Tränen, wie sie tiefempfundene Knechtschaft erpresst, überflossen; seine Lippen sprachen Versöhnungsgebete und frohe Psalmen, während sein Herz anschwoll von unterdrückten Bannformeln gegen die Ungläubigen. Der greise Jochai murmelte neben ihm Fluchgebete in den Bart, herausgestossen mit allem Feuer orientalischer Wortfülle. Ester wandte sich aber voll Grauen von seinem Gebete, und sagte nur Amen zu dem ihres Vaters.
Am nächsten Morgen, an dem noch der Grossvater ruhte, und Ben David, angetan mit der Zizis und den Tephillim seinen Frühsegen sprach und die Psalmen, die die Sabbatfeier vorschreibt, da, wo keine Schule die Söhne des alten Bundes zum feierlichen Dienste des Höchsten versammelt, schlich sich seine blühende Tochter nach der kammer, wo die Magd Grete ihre Zeit zubrachte, während der Festtage. Auf dem dürftigen Lager der Alten, die abwesend war, beschäftigt um den kranken Zodick, schlief noch der Knabe, den Ben David in's Haus gebracht hatte. Auf den Zehen näherte sich Ester dem Schlummernden, beugte sich über ihn, und betrachtete mit Wohlgefallen die Züge seines unschuldigen Gesichts. – Ich habe mich doch nicht geirrt, flüsterte sie in sich hinein, da ich schon gestern einige Mahnung finden wollte in diesem Antlitz, an ein andres das mir nur allzuteuer ist. Beschaue ich diese braunen krausen Locken, die hochgezogenen Augenbraune, die länglichte Nase und den lächelnden Mund, so bin ich in Versuchung, zu glauben, s e i n Bild liege vor mir, und ich müsste es ans Herz drücken, da ich i h n nimmer, ach nimmer umfangen werde!
Sie setzte sich vertraulich zu dem kleinen Träumer, spielte leicht mit seinem schönen Haar, und verlor sich in dem Andenken einer Vergangenheit, die sich ihr reizend bald, und bald betrübend, nur allzuoft aufdrang in ihrer stillen Einsamkeit. – Bin ich nicht eine Törin? fragte sie sich am Ende selbst, aufschreckend aus ihrem Hinbrüten: Mache ich mich nicht etwa einer Sünde schuldig, da ich hier mit diesem Bilde eines edlen Christen die Augenblicke vertändle? Jochai könnte es wohl gar Abgötterei nennen, wie er so gerne zu tun pflegt, wenn ich mit Liebe an etwas hänge! – Sie stand auf. – Guter Knabe! fuhr sie nach einer Weile fort, gleichsam wider Willen nach ihm zurücksehend: Weder Dich, noch den dem Du zufällig gleichst, darf ich mein nennen. Wohl Dir, wohl i h m , dass er so ist, und wehe mir. Ihr seid nicht geschaffen, um im Elend eure Tage zu vertrauern. Euch winkt Ehre und Freiheit. Wir kennen Beides nicht. Du wirst zurückgehen zu Deinen trostlosen Eltern, und mein Vater wird Dich segnen, wenn sie reich sind und nicht karg den Dienst belohnen. Ich aber, Du holder Junge, segne Dich, weil Dein Anblick mir die Wonne in die Wirklichkeit zauberte, die ich nur in der Erinnerung zu geniessen, angewiesen bin! –
Ester wollte scheiden, aber schon an der tür angelangt, zog es sie allgewaltig zurück zu dem Knaben. – Ich will gehen? fragte sie sich: Gehen, ohne den Wunsch, an s e i n e m Anblick mich zu weiden, ganz erfüllt zu haben? genügt mir es denn, diese vom Schlummer erstarrten Züge in Gedanken mit i h m zu vergleichen? Lebend will ich ihn, offen seine Augen sehen, und in die dürstende Brust das lang hinweggenommene Labsal schlürfen!
Rasch fuhr sie mit warmer Hand über die Stirne des Kindes, das ruhig, wie ein lächelnder Engel die Augen