Du, Grausame! wir haben sie gemordet! Ein unerbittlich Strafgericht hat mich gegen Frankfurt geführt, und in diese Höhle des Raubes, damit ich erfahre, wie ganz verwaist ich nun bin? Meine Katarine! meine kleine, holde, unschuldige Agnese!" – "Seht da, in welcher Erbärmlichkeit und Blösse Euer unmännlicher Schmerz Euch darstellt!" sprach hierauf Wallrade, deren Büsen hoch aufklopfte bei diesem Anblick: "Ihr trauert um das Weib, das Euch nicht gehörte, – um das Kind der Unzucht; und Eure rechtmässige Gattin verabscheut Ihr? nach Euerm Sohn sendet Ihr kein fragend Wort aus?" – "Wölfin!" seufzte Bilger, trostlos ihr in's Auge sehend: "Erbarmte mich nicht des Knaben Schicksal? hielst Du ihn nicht von mir entfernt, und begannst meine Strafe, indem Du ihn mir entzogst?"
"Weil ich mein Kind nicht als einen Fündling in Euerm haus wissen wollte;" erwiderte Wallrade: "Täuschung verabscheut mein Herz. Der Knabe sollte Euern Namen nicht führen, aber unter Katarinens herrschaft stehen? Nimmermehr! Ich behielt ihn, damit er mir stets Euer Verbrechen vergegenwärtige, und – ich läugne es nicht – zu meinem Rächer wollte ich ihn erziehen." – "Mein Sohn sollte Dich an mir rächen?" fragte Bilger entsetzt: "Weib! Du hast keinen menschlichen Blutstropfen in Deinen Adern. Wo wird er zu diesem abscheulichen Geschäft erzogen?" – "Ich hatte ihn dem Freiherrn von Issing vertraut;" entgegnete Wallrade ruhig, obgleich bei diesem Namen ein Blitz aus Bilger's nassem Auge schlug: "allein der edle, von Euch verkannte Mann war schon in Preussen in einem Volksaufruhr gefallen, und der Knabe selbst wurde mir geraubt." – "Geraubt?" stammelte Bilger: "Geraubt? O sprecht es aus: Er ist auch tot?" – "Ich würde es Euch nicht verhehlen!" erwiderte das fräulein fest: "allein ich sage die Wahrheit. Euch hatte ich zuerst im Verdacht; aber nun habe ich erkundet, wo der Knabe ist, und werde ihn – so bald ich befreit bin – zurückfordern." – "Wo, wo ist er?" fragte Bilger dringend: "Dieses Kind könnte mir allein die Ruhe wiedergeben. Wenn noch ein Anklang jener Zeit in Deinem Busen lebt, die uns das Trugbild einer schönen Zukunft vorspiegelte, so verhehle mir auch nicht – des Knaben Aufentalt. Wer hat ihn entführt? Wer hat sich seiner angenommen? O, wenn i c h ihn auch nicht m e i n nennen darf, – nur sehen, s e h e n möchte ich ihn! Ihn küssen und fliehen bis in mein Grab!"
"Ihr seid berauscht von Euerm Schmerz;" versetzte Wallrade: "Ich bedaure Euch; aber des Knaben Wohnort nenn ich Euch nicht. Eure Unbesonnenheit und Euer Ungestüm könnten mir mein Eigentum rauben, ehe meine Ketten sich hier lösen."
"O warum bin ich ein ohnmächtiger, wehrloser Mann?" rief Bilger: "Warum kann ich Euch nicht befreien, dass Ihr mich hinführen könntet zu dem holden Knaben, den Ihr zu unnatürlichem Dienste bestimmt. O gewiss! meine Reue, meine Liebe würden schon in dem kind die Rache, des Mannes entwaffnen! Ich würde ruhig und ferne sterben können!" – "Der List, welche ohnmächtig scheint, und es nicht ist, gelingt oft mehr als der Stärke und Gewalt!" sprach Wallrade: "Euerm Gewande sollte, selbst in der Mitte dieser rohen Bösewichter, nichts unmöglich sein. Wollt Ihr dem Sohne zu Liebe tun, was Ihr der Mutter nie zu Gunsten tun würdet, so trachtet, mich zu befreien. Dann führe ich Euch zum Sohne. Im Gegenfalle sterbe ich eher, als ich an Euch verrate, wo der Knabe lebt. Sinnt nach! An Musse dazu fehlt es in dem Gefängnisse nicht. Ich lohne Euch mit gänzlichem Vergessen, und mit einer Umarmung unsers Johanns. Vielleicht tue ich auch mehr, wenn ich Vertrauen zu Euerm Vaterherzen fassen kann. Nunmehr lasst uns aber scheiden. Im nahen dorf schlägt die elfte Stunde, und, so ich nicht irre, vernehme ich von fern Frau Elsen, die mich abzuholen kommt." –
Sie verliess den zerknirschten Mann, der unbeweglich auf des Altars Stufen ruhen blieb. Frau Else kam ihr wirklich im hof entgegen, und der Anblick der Gefangnen erheiterte die harten und finster gewordenen Züge der Frau von Vilbel. – "Sieh, sieh," sagte diese Letztere, die Lampe in ihren Händen putzend: "das war ein lang Gewerbe in dem Kirchlein. Ich dachte, es würde kein Ende nehmen, midi fürchtete bereits, Ihr möchtet mit dem Ordensmanne durch die Luft davon gegangen sein. Nun, nun, wenn man Busse tut, so tue man sie recht; das ist auch meine Meinung, und ich würde auch recht fleissig zur Kirche gehen, wenn mein Alter nicht beständig im Interdikt läge. kommt jetzt nur mit hinaus. Ich habe die Trunkenbolde alle zu Bett geschickt, denn ich sass wegen Eurer auf Nadeln zwischen den ungehobelten Gesellen. Der Weg zu unserm Gemache ist rein und still." – Während Wallrade auf das Gebäude zuschritt, rief Else in die offne Kapellentüre: "kommt, ehrwürdiger Herr! Ihr werdet müde sein, und ich habe Euch am glimmenden Herde ein Lager bereitet, worauf ihr schlafen könnt, wie ein Kaiser