gefährlicher Zauber mich unempfindlich gemacht hatte, – Scheu, falsche Schaam, dem Vater zu gestehen was vorgegangen, das nagende Gefühl, kein Glück an Deiner Seite, nur Elend zu finden, – das Bewusstsein, dass Katarine um meinetwillen vergehe in stillein Liebesgram, – mit einem Worte, ich war ein Mensch, und fehlte vor Kirche und Gesetz, während mein Herz mich frei sprach." –
"Eitle Reden!" erwiderte Wallrade streng: "Die Schmähungen, mit denen Ihr mich, und den Herrn von Issing überhäuft, verzeihe ich Euerm Gewissen, das schwindelnd an dem Abgrunde steht, und jeden Strohhalm fest halten möchte, um nicht rettungslos zu versinken. Ihr seid fortan ein unwürdiger Gegenstand meines Hasses. Geht hin! ..." – Bilger hielt die, zum Entweichen Gewendete zurück, und fragte mit Tränen der Angst im Auge: "O Wallrade! ich will ja gerne schweigen, und glauben, dass die Tugend, die Ihr heuchelt, eine wahre ist; allein nicht dieser kalte und leere Bescheid genügt mir. Seid nicht die Schlange, die in einem Augenblicke sich zahm um die Hand des Neugierigen wickelt, in dem nächsten jedoch ihn tödtlich verwundet. Sprecht, .. wo ist meine Katarine, ... wo meine Agnes ...? soll ich beide nimmer wieder sehen?"
Wallrade sah mit einem stechenden Lächeln in das blasse Antlitz des Geängsteten. "Ich habe bewiesen," sprach sie langsam, "indem ich Mutter und Tochter der Hülflosigkeit entriss, in welche Euer Abschied sie versetzt hatte, – dass ich keinen Groll hege gegen sie, die ich doch wahrlich – den Umständen nach – nicht lieben konnte." –
"Ihr hättet in Gutem für sie gesorgt?" fragte von der Rhön misstrauisch: "Ihr? wäre es auch, wär's doch kein Verdienst; Ihr selbst triebt ja den Gatten und Vater von ihnen." – "Schweigt!" herrschte ihm Wallrade zu: "Ich konnte sie verschmachten lassen, und tat es nicht; ich konnte sie dem Hohn der Welt preis geben, und tat es nicht. Nach Baldergrün wollte ich sie führen. Der Gedanke gefiel mir, gerade ihnen wohl zu tun. Allein ... begehrt Ihr ihr ferneres Schicksal zu wissen, – so muss ich befürchten wirklich der Schlange zu gleichen, von welcher Ihr spracht." – "O sagt's heraus!" unterbrach sie Bilger schnell und verstört: "Euer Zögern gibt mir im Voraus den Tod. O welches Wort sprach ich jetzt aus?" setzte er hinzu, und schauderte: "Musste ich ihn nennen, den Tod? Und steht er nicht in Verbindung mit dem, was ich von Euch erfahren werde?" –
"Möglich;" antwortete Wallrade kalt: "Gewissheit ist indessen besser als der Zweifel. Durch meines Herzens Bezwingung erhielt ich Katarinens Freundschaft, allein weder Trost noch Freigebigkeit konnten ihr Leben erhalten. Mit ihrem kind im Arms stürzte sie sich in die Fluten des Mains." – Der Herr von der Rhön sank langsam nieder auf die Trümmer der Altarstufen. – "In die Fluten des Mains!" wiederholte er mit der eisigen Kälte der Verzweiflung, die jedes Wort mit Zentnergewicht belegt, damit es ja unerbittlich die Seele zerschmettre. – "In die Fluten des Mains? Das, unglückseliges Weib, war also deiner Tugend Ziel? das das letzte Schlafstündlein meines Kindes? O, wahr ist es, wahr, dass die Sünde nimmer Gedeihen bringt, aber nur der Teufel bringt die Sünde auf die Welt."
"Lasst doch meine Hand los!" sagte Wallrade zitternd, da sie sich von Bilger's eisiger Rechten erfasst fühlte: "Die Kälte des Todes zuckt in Euern Fingern!" – "Warum habt Ihr nicht recht?" jammerte der Herr von der Rhön, und erleichternde Tränen schossen in seine Augen, wie der Angstschweiss auf die Stirne: "Warum liege ich nicht auch, ein erstarrter Leichnam, im Abgrund des trügerischen Stroms? Ach, ich habe ja doch nur s i e geliebt. Was früher mein Herz bewegte, war eitler Tand, ... s i e nur war das Juwel, die Perle meines Lebens. Aber so wie die Perl emporsteigt aus der Tiefe der Flut, so hat sie sich hinunter gesenkt auf den kühlen Moosgrund, weil die Welt zu arm war, dies Kleinod zu kaufen und zu hüten."
"Ihr werdet wahnsinnig!" versetzte Wallrade; "lasst mich!" – "Nicht eher, als bis Du mich hingeführt hast zum grab meines Weibes!" sprach Bilger: "Wo ruht sie? wo mein Kind? O sage es mir, – Du, ihre letzte Pflegerin, Du ihre Mörderin!"
"Spart Euern Witz!" antwortete das fräulein kalt: "Eure Sünden haben sie umgebracht. Ihre Leiber fand man aber nicht, und gewiss hat die Flut sie hinausgeführt in's offne Meer, damit nicht christlich geweihte Erde die Teilnehmerin wie die Frucht schändlicher Doppelehe bedecke!" – "Nicht einmal ihr Grab werde ich sehen?" klagte Bilger, ohne auf Wallradens Schmachrede zu hören: "Wie elend bin ich nun?" Mochte ich doch flüchtig umherirren ... ich wusste ja doch, dass fern von mir zwei Herzen voll Liebe für mich schlagen! Und diese sind jetzt zur Ruhe gegangen! "O, ich Schändlichen!