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mein Geist, der dem unmenschlichen Gebote zu widerstreben begehrte. Zurück trieb es mich nach dem Wohnsitze meiner Lieben, trotz Deinen fürchterlichen Drohungen. Was empfand aber mein Herz, da ich diesen Sitz, des häuslichen Friedens verödet und verwaist fand, alles von dannen genommen, was meinem Leben Wert zu verleihen vermochte, alle Blüten entwendet, durch die Hand, die von jeher mein Unglück machte; durch die Deinige. Lächle nicht so höhnisch. Du kennst die Bitterkeit dieser Empfindungen nicht. Du hingst nie aufrichtig und treu an einer Seele auf Erden. Wohin? stammelte mein Mund, wohin? fragte meine Zunge, und achselzuckend, – denn meine fragen klangen absonderlich und verwirrt, – wendeten sich Alle, die ich fragte, von dem sinnverwirrten Pilger. Zu Costnitz erfuhr ich, dass Du zur Heimach gekehrt seist, zu den D e i n i g e n nämlich, an Türingens Gränze, dass eine Frau mit einem kind in Deinem Gefolge sei. Ein neuer Donnerschlag! M e i n Weib, m e i n Kind in Deinem Gefolge! Nachgeschleppt an Deine Kette, wie stumme Zeugen Deines grausamsten Sieges! Ich erkannte Deine Tücke, aber die Gegenstände meiner Zärtlichkeit Dir zu entreissen, beschloss ich alsobald. Die Fluren, die ich seit Jahren mied, weil auf ihnen mir die Hölle erwuchs, betrat ich wieder, gestärkt durch den Gedanken an Katarinen. In jenem haus, das meine Verblendung und den Ursprung unsers unseligen Zwistes sah, suchte ich meine Lieben, und fand sie nicht, – leer die Stätte, wo ich mich einst in den Himmel träumte, während ich einen finstern Geist umarmte." – "Redet deutlicher;" unterbrach ihn Wallrade kalt: "Ihr meint das Haus Euers Weibes, in welchem Ihr Euer unrechtmässiges Weib und Eure Bastardtochter suchtet." – "Wallrade!" fuhr der Herr von der Rhön empor, besann sich aber schnell, und sprach gemässigt fort: "Ich muss mich schämen, dass ich nicht gelassen Euern Vorwurf erdulde, da ich doch die Schuld mit leichtem Mute begangen, deren Ihr mich zeiht. Aber, Wallrade, des Menschen Zorn soll nicht durch Ewigkeiten dauern. Vergebt endlich; ich muss glauben, dass ein erschüttertes Herz Euch in dieser Kapelle Einsamkeit geführt, wo Ihr einen Priester des Herrn, einen Tröster zu finden hofftet. Lasst die seltne Regung in Eurer Brust nicht ganz verschwunden sein! Lasst aus der Gefangenschaft, die uns beide hier fesselt, die Blüte der Versöhnung entspriessen. War ich hart und ungerecht gegen Euch, so vergebt mir, wie ich Euch verzeihe, was Ihr mir Böses zugefügt. Lasst ab, mich zu verfolgen, wegen dessen, was unwiderruflich einmal geschehen, – nicht mehr zu ändern ist." – Wallrade sah ihn verächtlich an: "Ihr traut Euch viel Wert zu," sprach sie, "da Ihr glaubt, mein Hass könnte wirklich niemals eine Gränze finden. Ich habe Euch es gedroht, aber der Jammer, in welchem ich Euch mutlos versunken sehe, bewegt meine Brust. Konnte ich einst Euch lieben? das frage ich mich selbst erstaunt, da ich Euch winselnd um meine Gnade flehen höre. Ist das der Mann, der einst alle Schranken übersprang, um mein zu sein? Seines Vaters Befehl, meine eigne Abneigung gegen jedes feste Band? Ach, schon damals hätte ich ahnen müssen, was die Folge bringen würde. Ihr scheutet Euch, im hellen Sonnenlichte mir zu gehören, und diese Scheu gefiel meinen abenteuerlichen Gedanken, meiner gedemütigten Sprödigkeit, die gern vor aller Welt die Larve der Unüberwindlichkeit vorbehalten hätte. Eure Flatterhaftigkeit, Euer Wankelmut enttäuschte mich fürchterlich. Der Segen des Priesters war ein Zauberwort gewesen, das unser Wohl vernichtet hatte. Lasst mich über jene Zeit hinweggehen, wo Ihr mich überreden wolltet, ich sei plötzlich ein Teufel geworden, während Ihr mich zuvor den Engel Euers Lebens nanntet. Von Eifersucht und Unzufriedenheit zerrissen, verliesst Ihr mich und Euer Kind, um der Gatte einer andern zu werden. Wäre ich wirklich so böse gewesen, als Ihr beteuertet, schon damals hätte ich unsre Ehe bekannt gemacht, Euch und Euer Kebsweib der Schande preis gegeben. Ich tat es nicht; nur mag mir vergeben werden, dass ich denjenigen nicht mehr in meiner Nähe dulden wollte, dem ich's verdanke, dass ich mit dem Leben zerfallen bin." – "Bin ich es weniger?" fragte Bilger entgegen, und sah sie durchdringend an: "Weib, das durch seine gleissnerische Beredsamkeit meinen Fehler in eine unverzeihliche Sünde verkehren möchte. fräulein von Baldergrün! gedenkt des deutschen Herrn, Eures weitläufigen Verwandten, Eures nahen Freundes! Lasst mich schweigen! Seine hülfe schloss unsern Bund, seine Hand hielt unsern Knaben zur Taufe, – sein tückischer Sinn vergiftete mein Glück, und gab Dir Mut, in Deiner wahren Gestalt aufzutreten. Hier ein Bündniss, das mir nicht ehrenhaft mehr schien, um es laut zu offenbaren, ein Weib, das ich, das mich hassen gelernt hatte, ein Freund, der unter dem Mantel der Blutsfreundschaft und der Sittenreinheit eine unumschränkte Gewalt über Dich und mein Kind ausübte, – kurz eine Zukunft voll Verzweiflung und blutigen Ausgangs, – dort hingegen ein greiser Vater, der es in die Hand seines Waffengenossen geschworen hatte, seine Tochter nach dessen tod zu erziehen, und seinem Sohne zu vermählen, – diese Tochter selbst, ein Urbild von Sanftmut und Unschuld, gegen deren Vorzüge Deiner Reize