sitzenden langsam zu. Alsdann warf sie sich vor den Stufen des Altars nieder, und Tränen, seltne, seit Langem ungewohnte Gäste, heute schon einmal erschienen, besuchten die Erschütterte zum Zweitenmale. Ihre Lippen beteten, wie ihre Augen weinten, heftig, stürmisch, und ihr Flehen stieg leise aber dennoch stürmisch wie das vom Orkan gepeitschte Meer, wenn man es aus der Ferne sieht, zum Himmel empor. – "Herr der Erde und aller Welten!" stammelte ihre Empfindung in unhörbaren Worten: "Wie ist doch mein Herz heute erfasst worden auf wunderbare Weise, und bist Du es, oder einer Deiner strafenden Ellgel, der also zu mir redete durch den Mund der aberwitzigen Alten? O gib mir doch einen Wink, dass Du es bist, oder verrate mir, dass es der Geist der Ohnmacht allein gewesen, der über mich kam, und mich schwächer machte, denn ein unbeholfenes Kind! ... Ha, wie dieses Wort mich ergreift. Warum hasse ich den Namen des Kindes, warum verachte ich den der Mutter, und warum dennoch ergriff mich so allgewaltig das mährchenhafte Beispiel der Grausamkeit einer Mutter, des Leidens eines Sohns? Warum klang es wie mit metallnen Schlägen an mein Herz, dass auch i c h .... o weh mir! Wer hilft aus diesem Wirrsal! Wer sagt mir, was ich tun soll, und ob ich recht tue, indem ich meinem entsetzten Gewissen folge, und zur Busse schreiten will, die mich vielleicht verwirft, die ich vielleicht verwerfen sollte, wenn meine Kraft noch die alte wäre? Heilloses Schwanken! traurige Furcht vor den Gespenstern meiner Einbildung! Ich habe ja nicht gemordet! was will ich denn eigentlich bekennen? Gott schütze mich und meine Vernunft!" –
Sie erhob sich entschlossen, näherte sich rasch dem Beichtstuhle, in welchem der Geistliche lehnte; zu dessen Füssen die hell aufflackernde Leuchte brannte. Und als sie den Schleier zurückwarf und auf die Stelle des Reuigen treten, die Knie beugen wollte, tönte ein schmerzliches "Ach!" von den Lippen des Mönchs, und er schien in Bewusstlosigkeit zu vergehen. Wallrade, erschrocken, heftig wie sonst, reisst die Lampe auf, leuchtet in das Gesicht des Todtblassen, und entsetzt sich nicht minder. Denn nicht nur das Antlitz, das sich gewaltsam emporreisst aus den Banden des umklammernden Halbtodes, auch die stimme ist's, die sie erkennt und fürchtet. Die Augen des Mönchs gehen auf wie drohende Mordbilder, seine Hand erfasst mächtig die erkaltende Wallradens; mit der Linken entreisst er ihr die Leuchte, die sie so eben sinken lassen will, und seine Zunge stammelt ein schreckliches: "Jesus! Jesus! sehen wir hier uns wieder? – Kennst Du mich?" setzt er heftiger bei, und sie nickt stumm mit dem zitternden haupt, und hält sich schwindelnd fest in den Armen dessen, den sie hasst, damit sie nicht niedergleite zum kalten Boden. Und der Mann, der Zürnende, hat Mitleid mit der Vernichteten, und ein freundlicherer Ton seines Mundes ruft sie wieder auf zum Leben, zum Schauen. – O dass in solchen Augenblicken der hereinbrechenden Wahrheit, Reue und Beschämung ein falsches Herz nicht bricht, um rein unter die Erde zu gehen! Dass mit der Besinnung und der wiederkehrenden Kraft auch die vorüberblitzende Schaam schwindet, und das Bedürfniss der Sühne! Dass auf der Schwelle zum Licht, der finstre Geist seine Verbündeten zurückzuhalten vermag! Dass jeder gute Vorsatz durch der Lüge gift'gegen Atem in der Blüte vergeht, wie das Wort der Verteidigung auf den Lippen des schüchternen Mägdleins! Von Wallraden wich der gute Engel trauernd, in einem Augenblicke der wichtigsten Warnung, und gerade d e m gegenüber, dessen plötzliches erscheinen das Siegel auf ihren Bund mit der Busse hätte drücken sollen.
Fussnoten
1 Schach- und Brettspiel, Würfel etc.
Elftes Kapitel.
Bist Du ein Weib? Du sollst mir keine Kinder
gebären.
Macbet.
"Wallrade! kennst Du mich?" wiederholte der Mönch mit schmerzlicher stimme, und Wallrade wand sich stolz aus seinen umfangenden Armen. "Wie sollte ich nicht, Rudolph?" fragte sie bitter: "Ich finde Euch immer im Gewande der Lüge. Trug ist Euer steter Begleiter, und nimmer stand ein offner Helm über Euerm Wappen. Was sucht Ihr hier? wie kommt Ihr hieher?" – "Weib!" entgegnete der Herr von der Rhön, dessen bleiche Wange sich höher färbte bei dieser schnöden Anrede: "Weib! sieh selbst, was Du aus mir gemacht hast. Hab' ich denn so schwer gesündigt, dass ich umherirren muss wie ein Flüchtiger, dem Henker Verfallner? Du hast mich fortgetrieben aus meinem haus, von Allem, was ich liebte. Zu stolz, um mich einen Toren schelten zu lassen von den Freunden, die mir auf dieser seltsamen Flucht begegnen möchten, – zu schwach hingegen, ohne Scheu dem schimpflichen tod entgegenzutreten, der von einem Worte Deiner Lippen abhing, beschloss ich, auch den Namen des Unglücklichsten aller Menschen von der chen meiner bessern Herkunft, weg die Erinnerung, dass ich einst am Tische des Königs Platz genommen. Diese Erinnerung verband sich ja zu nahe mit derjenigen meines gezwungnen Abschieds von meinen Teuern. In das Gewand der Demut und Dürftigkeit gehüllt, zog ich nach den Wallfahrtsorten der Schweiz, und fand an dem fuss der Altäre keinen Ersatz für das, was ich zurückgelassen. Durch das Elend ermannte sich aber