Ich will Euch zur Ruhe bringen, dass der Lärm aufhöre bei nachtschlafender Zeit. Ihr müsst fromm sein, wenn Ihr noch einen Tropfen Weius bekommen wollt!" – In der Tat verfügte sie sich auch vorerst in die Trinkstube, brachte durch ihre Vorwürfe und durchdringende stimme die Lärmenden zu besserer erkenntnis, und nachdem sie die Ruhe wieder in etwas hergestellt, begab sie sich in das höhere Stockwerk, das Frauengemach, wie ihre schweren Schritte auf der steinernen Stiege vernehmen liessen. Der Mönch zündete indessen die Leuchte an der Flamme des Herds an, schob sein Gebräude von der Glut, lächelte dann seltsamlich, und blickte nachdenkend gegen Himmel. – "Sollte es denn wohl eine Sünde sein," fragte er vor sich hin, "wenn ich mich in diese Zumutung füge? Nicht doch; setzte er nach kurzem Bedenken bei: dies Gewand schon erheischt es, und dann ist es ja eine Trostbedürftige in Räuberhänden, die nach der Teilnahme eines Menschen verlangt, in dessen Worten sie den allmächtigen Gott zu finden hofft. – Vermutlich, trotz der Verwandtschaft, von welcher Frau Else sprach, eine gleich mir Gefangene, .... vielleicht diejenige, um deren Willen man mich und den Unglücklichen, der mich fuhr, zurückhält, ob wir gleich in unsrer Abgeschiedenheit nicht einmal ihren Namen erfuhren? Werde ich sie aber trösten können, ich, der Trostsuchende und Trostlose? Vielleicht denn doch: auf die Lippen des Leidenden setzt sich wohl zuweilen ein Engel, welcher andern Geprüften das Heil einer gesegneten Zukunft verkündet. Lass sehen!"
Er fasste Leuchte und Schlüssel, und schlich über die Holztreppe in den engen Hof, in welchem er nach wenigen Schritten das Kirchlein erreichte, dessen niedrige Pforte mit einem grossen Kreuze bezeichnet, und von einem halb verwitterten Fliederbaume dürftig beschattet war. Schon hatte die Spinne ihr Gewebe über die Öffnung des Schlosses gezogen, schon hatte der Rost sich in die Angeln gesetzt, dass sie knarrten wie Räder, als der Mönch die Pforte auftat. – "Was macht Ihr da, frommer Herr?" fragte eine stimme über die Brustwehr der Hofmauer aus dem Zwinger herüber, leise und mit Teilnahme. Ein Knecht guckte herüber, der gerade vier Stunden lang die Rundwache hatte, und auf dem Mauergänglein einherschlenderte. – "Ich gehe beten!" versetzte der Mönch ohne eine Betroffenheit zu verraten, die ihm hätte Schaden bringen können. – "Ei Herr," sprach wieder der Knecht, ein junges Blut mit treuen Augen: "darf man denn beten, wo der Bannfluch haust?" – "Warum nicht?" redete der Mönch: "Gott ist überall, und seine Mondesscheibe sieht die Gebannten an, wie die Freien." – "Ach, wie dank' ich Euch, würdiger Herr," versetzte der Knecht: "ich habe mich gescheut, den englischen Gruss zu beten, seit ich auf der Veste bin, während ganzer drei Wochen, und war doch daheim gewohnt, nie ohne Gebet einzuschlummern." – "Bete Du auch hier!" versicherte ihn der Mönch; "fromm sein bringt Segen überall. Behüte Dich Gött!" – "Und Euch;" flüsterte dankbar der Knecht: "so Ihr etwas Geheimes da drinnen zu verrichten habt, habe ich Euch nicht gesehen. Ave Maria, Herr!" – Ohne weitere Störung trat der Mönch in die Kapelle, und es wurde ihm seltsam um's Herz, da er das kleine Gotteshaus in so ganz anderm Zustande antraf, als man es wohl an solchen Gebäuden gewohnt sein durfte. In einem Winkel aufgetürmt lagen Betschemel, Bahre und Abendmahlbänke, umflort von Staub und Spinnenfäden. Die Hälfte des Kirchleins war angefüllt mit Laubhaufen und Strohbündeln, wie mit einem Heuvorrat, welchen zu ergänzen oder wegzunehmen die Burgknechte den bequemsten und kürzesten Weg gefunden hatten, nämlich durch das an die Zwingermauer stossende Fenster der Kapelle, wo die Leiter lehnte, welche diese Geschäftsgänge zu erleichtern bestimmt war. Die hölzernen Stufen des Altars waren zertrümmert; der Altar selbst in dem traurigsten Zustande. Der Burgpfaffe hatte die Monstranz mit sich genommen, und das Tabernakel stand offen und verödet. Das Bild unsrer lieben Frau neigte sich dem Beschauer von der Höhe entgegen, äber seines Schmucks entkleidet, und von dem haupt des Bildes hingen noch wenige verwelkte und vertrocknete Blumen, die einst eine fromme Hand zu einem Kranze für dasselbe gewunden hatte. Der Priesterornat, wie die Gefässe des Altars lagen in dem Schrein, dessen tür weit offen stand, so wie der Zufall und neugierige Finger sie unter einander geworfen hatten. Die Fetzen eines alten Kirchenpaniers flatterten im Zugwinde traurig von der bestaubten Stange, und die Lampe, die ewige genannt, nunmehr aber auch erloschen, bewegte sich, von e i n e r Kette losgerissen, bloss noch von der andern emporgehalten, klirrend im Luftstrome hin und her. Der Besucher dieser Öde hatte nicht lange Musse, alle Gegenstände genau zu betrachten, die sich ihm in finstrer Unordnung in diesem engen raum, aufdrängten. Bald vernahm er die Schritte eines näher kommenden Menschen, und er hatte kaum noch Zeit gefunden, sich in den Beichstuhl zu setzen, den man zur Herberge alter und verdorbener Satteldecken gemacht hatte, als die Pforte wieder leise aufging, und eben auf diese Weise zugemacht wurde. Wallrade trat ein, in dichte Gewänder und einen trüben. Schleier gewickelt, warf im Vorübergehen gegen den Altar einen blick in den Stuhl der Reue, und nickte dem Darin