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: "'s ist wunderlich! mir wird so bang, und die Zähne klappern mir, und es kriecht wie Feuer durch meine Adern, und das Mieder will mit zerspringen vor Gebreste." Lenchen sagte kein Wort, und weinte, dass die Schürze nass wurde, wie ein Regentuch. Inzwischen war der Vogel auf den Mandelbaum geflattert, und indem er durch die Scheiben stierte, als wäre jeder seiner Blicke eine Stechlanze, sang er: "Die Mutter hat mich erschlagen ...." da hielt die Frau die Ohren zu, und kniff die Augen zusammen, dass sie nicht hören und nicht sehen mochte. Doch vor den Ohren brausste es ihr wie alle Waldströme des Fichtelgebirgs, und vor den Augen zuckte ein Blitz nach dem andern. – "Verzehrt hat mich des Vaters Mund ...." sang der Vogel weiter, und obgleich der Mutter das Lied klang wie Todtenglocken, so war's doch dem Vater als ob Engel singen zu goldnen Harfen, und ein süsser Geruch wie Rosmarin und Holderblüte herabrieselte von dem Wipfel des Baum in die sonnenhelle stube, "Lieb Schwesterlein tät mich begraben," tönte des Vogels stimme weiter, und Lenchen musste, um sich satt zu weinen, den Kopf auf die Knie legen. Der Vater konnte hingegen nicht mehr im haus bleiben, und wollte heraus, nach dem seltsamen Vogel zu schauen, was er auch tat, ob ihn schon die Frau beim Ärmel zurückhielt und stammelte: "Geh nicht! Geh nicht! Es wankt ja das Haus, und steht's nicht in Flammen?" – Da der Vater nun den Vogel beschaute, und sich seines Gefieders freute, wie auch sich wunderte ob der befremdlichen Worte, die er sang: "Beim Mandelbaum, im kühlen Grund, .. kywitt! kywitt! welch ein schöner Vogel bin ich!" so liess der Sänger die goldne Kette fallen, gerade um des Vaters Hals, dass sie ihm stand, wie der Schmuck eines Ritters oder Marschalls. Als er nun freudig hineinging, und der Frau das Geschmeide wies; so konnte die Sündige sich kaum aufrecht erhalten, weil der Vogel wieder anhob, wie mit tausend Zinken- und Heroldsstimmen: "Die Mutter hat mich erschlagen!" – "O mein Herz!" seufzte die böse Frau: "O läge ich doch tausend Klafter unter dem Boden, dass ich nicht hören müsste, was das Gespenst dort auf dem Baume krächzt." Der Vogel kam nun an die Weise: "Lieb Schwesterlein tät mich begraben," und nun musste auch das Mägdlein hinaus, um den Vogel zu schauen, der ihr die roten Schuhe herunter warf, auf denen sie fröhlich in die stube zurücktanzte. Da schmetterte der Vogel fein: "Kywitt! kywitt!" wie ein rüstiger Trompeter durch die Luft, und hörte nicht damit auf, dass der falschen Mutter die Haare zu Bergen standen, wie Feuerflammen und wehende Waldbäume. – "Ach!" schrie sie verzweifelnd: "Geht denn die Welt nicht unter? Hört denn der Bube nicht auf zu schreien? Ich muss hinaus zu ihm, ob es mir wohl mein Herzblut kosten wird!" – Rannte hinaus, und vom Mandelbaum polterte der Buchtstein herab, dass sie elendiglich zerschellt dahin sank, viele Fuss tief in die Erde, aus welcher der Stein nimmer gehoben werden konnte. Der Vater und Lenchen rangen die hände, da Dampf und Feuer aufging von der Stätte. Als aber der Rauch verzogen, die Flamme erloschen war, da war es unter dem Mandelbaume wie zuvor, das Gras spielte im Winde, die Blätter regten sich leise und der kleine stand, weiss wie Schnee, und rot wie Blut, und lebendig wie ein Hirsch vor dem Vater und dem Schwesterlein, und sprach: "Guten Tag, ihr Lieben, und wohl mir, dass ich wieder bei Euch bin." Und wie sie sich fröhlich zu Tisch setzen, ist das Mährlein zu Ende.

"Blase, Bärenhäuter!" schrie Veit: dem Wächter in die Ohren, der langsam und faul nach dem Horn griff, da die Reiter schon nahe am Graben waren. – "'S ist wahrlich mein Alter!" rief Else unter dem Geschmetter des Horns: "Gott und alle Heiligen seien gelobt." – Indem sie jedoch schnell aufstand, bemerkte sie mit Schrecken, dass Wallrade von der Steinbank zur Erde gegleitet war, und ihrer Sinne verlustig geworden, dahin liegend wie eine Leiche. Die Frauen sprangen der Ohnmächtigen bei. Der Junker sah ihnen höhnisch lächelnd über die Achseln. "Seht doch einmal!" rief er: "Das fräulein ist ja doch sonst hart wie Stahl und Eisen, und weder Hass noch Liebe erschüttert sie. Wie kommt's, dass ein Kindermährlein die Starke umwirft? Ich laufe, die Zugbrücke herab zu lassen." – Er überliess die Bewusstlose ihren Pflegerinnen, und eilte hinab an das Tor der Veste, um den Ankommenden den Einritt zu verstatten. Sie kehrten alle wohlbehalten zurück, aber mit verdrüsslichen Gesichtern. Bechtram ritt eines Knechts Mähre, und sein eigenes Pferd kam hinkend hinterdrein. "Das war ein Miserereritt!" rief er dem Leuenberger entgegen: "Gotts Marter! wer sagt mir denn, was meinem Hengste fehlt?" Die bockbeinige Mähre hat mich abgeworfen, da ich ihr das Hinken mit den Sporen austreiben wollte, und das hat unserm Zug ein plötzliches Ende gemacht,