sang vernehmlich: 'Die Mutter hat mich erschlagen, – Verzehrt hat mich des Vaters Mund, – Mein Schwesterlein tät mich begraben, – Beim Mandelbaum im kühlen Grund! Kywitt! kywitt! welch ein schöner Vogel bin ich!' – Meister Goldschmid sass gerade in der Werkstatt und fertigte eine goldne Kette. Der Gesang des fremden Vogels auf seinem Dach gefiel ihm über die massen, und er lief, ob er gleich Schuh' und Schurzfell in der Eile verlor, auf die Strasse, wo die Sonne so hell schien, wie das goldne Geschmeide in seiner Hand. – 'Ach Vögelein!' rief, der kunstreiche Mann: 'wie singst Du doch so schön! Wiederhole die Weise noch einmal.' Der Vogel kratzte sich darauf schelmisch am Kopf, und er wiederte: 'Gibst Du mir die goldne Kette in Deiner Hand, so singe ich noch einmal. Umsonst tu' ich's jedoch nicht.' Der Goldschmid reckte ihm hierauf die Kette dar vom reinsten Golde, und der Vogel packte sie in die Kralle, und setzte sich vor dem Goldschmid nieder und sang: 'Die Mutter hat mich erschlagen, – Verzehrt hat mich des Vaters Mund, – Lieb Schwesterlein tät mich begraben, – Beim Mandelbaum im kühlen Grund! Kywitt! kywitt! welch ein schöner Vogel bin ich!'" – "Traun!" schaltete hier der Leuenberger ein: "man kann nicht leichter zu goldnen Ketten kommen." – "Unterbrecht doch die Muhme nicht," schalt Else dagegen: "Ihr seid ein unruhiger Zuhörer. Nehmt ein Beispiel an Eurer Nichte, welche da sitzt wie ein fleissig Mägdlein in der Kinderlehre."
Petronella schenkte der aufmerksamen Zuhörerin einen günstigern blick, denn zuvor, und liess sich weiter vernehmen: "Der Vogel flog von dannen und setzte sich auf eines Schusters Dach, wo er abermals sein Lied sang, und damit Meister und Frau , Kinder und Gesellen auf die Strasse lockte, wo die Sonne nicht heller schien, als die goldne Kette um des Vogels Hals. Und da ihn der Schuster aufgefordert hat, das Stücklein noch einmal zu pfeifen, so gurrte der Vogel, als ob er sich besänne, und fragt: 'Gibst Du mir die roten Schuhe, die Du gerade vollendet hast, so will ich singen; umsonst tu' ich's aber nicht.' – 'Was will ich machen?' versetzt der Meister, und reicht die Schuhe dem Vogel, der sie erpackt, auf des Schusters Schulter fliegt, und das Lied wiederholt, das wir schon wissen. Weit davon stand aber eine Mühle, die ging klipp klapp, klipp klapp vom Morgen bis zur späten Nacht, und zwanzig Müllerknechte standen darin und behaupten einen Stein, und ihre Hämmer klangen: hick, hack, hick hack zwischen durch der Mühle Klipp klapp, klipp klapp. Ein Lindenbaum stand gar lustig vor der Mühle und darauf setzte sich der bunte Vogel mit Kette und Schuhen, und sang sein Lied, dass einer von den Gesellen nach dem andern aufhörte zu hauen, und alle herausgelaufen kamen, und den wunderlichen Vogel anstarrten, der so vernehmlich singen konnte wie ein Mensch, und so bedenklich obendrein. Da sie nun verlangten, er möchte seine Weise wiederholen, so entgegnete der Vogel: 'Gebt Ihr mir den Mühlenstein, so Ihr behauen habt, so will ich wohl. Umsonst aber tu ich's nicht.' Die Gesellen pflogen hierauf Rats unter sich, und wurden endlich eins, dass der Stein dem Vogel gehören sollte. Da sie nun mit Hebeln und Stossbäumen ansetzten, um den schweren Stein zu erheben, so kam der Vogel herbeigeflogen, die Kette in der rechten, die Schuhe in der linken Kralle, steckte sich den Mühlstein an den Hals, wie einen Helmkragen, und da er noch einmal gesungen hatte, so flog er weit, weit weg mit Stein, Kette und Schuhen, nach seines Vaters haus."
"Dort fliegt Staub auf am Waldrande!" rief der Leuenberger, mit der Hand nach der Heerstrasse deutend: "Es wirbelt lustig durcheinander. Was gilt's, unser wackrer Hauswirt kehrt heim!" – Else warf einen blick nach der Strasse, und erwiderte gelassen; "Gottlob! Aber noch sind die Männer fern, und das fräulein hat alle Musse, ihre schöne Mähr zu endigen, deren Schluss ich mit Neubegier erwarte." – "Gewiss!" setzte Wallrade mit einem gezwungnen Lächeln bei, während ihr Auge bald gespannt auf Petronellens mund haftete, bald scheu den Boden suchte. Die Base, nachdem auch sie den fernen Ankömmlingen einen blick ihres Auges geschenkt hatte, fuhr lebhafter und mit feierlichem Antlitz fort: "In der stube des Hauses sassen der Vater, die Mutter, und Lenchen am Tisch," und der Vater sagte: "Mir wirb so wohl und frei um die Brust, ob ich schon nicht weiss, warum." Die Frau sagte dagegen: "'s wunderlich. Mir wird so schwül zu Sinne, als ob ein Wetter über'm Schlot stände." – Lenchen aber musste verstohlen greinen und weinen, so kamen ihr die Tränen in die Augen. Plötzlich fliegt der Vogel herbei, und so wie er sich auf das Dach setzt. – "Ach!" sagt der Vater: "Mir ist heute sonnenwohl und heiter, als ob ich einen guten alten Freund wiedersehen sollte." Die Frau sagt dagegen