Dass ich Euch also nennen muss, beweist, dass wirklich im Leben geschieht, was in der Ammenstube erdichtet wird." – Petronella zog ein verdriessliches Gesicht, und ihr Vetter schlug eine spöttische Lache auf. Frau Else aber schlug allen beginnenden Hader durch den Wunsch nieder, das Mährlein weiter zu hören, und das fräulein von Leuenberg fuhr fort: "Die Stiefmutter gebar eine Tochter in's Haus, und diese war ihre Liebe, und der Sohn der Verstorbenen wurde ihr Hass, und sie dachte ihn zu verderben. Und der Gott sei bei uns fügte es, dass einst der Junge aus der Schule kam, und von der Mutter 'nen Apfel begehrte. Sie machte ein finster Gesicht und glühende Augen, und begehrte von dem Buben, dass er heraufkomme zur Dachkammer, wo eine Kiste stand mit scharfem Schloss von Eisen, und da sie den Deckel aufmacht, und dem armen Jungen befiehlt, sich einen Apfel aus der Truhe zu holen, und der unschuldige Knabe sich hineinbiegt ... Puff! Schägt sie den Deckel zu, dass des Buben Kopf unter die roten Äpfel fiel. Darauf hat sie mit einem weissen Tuch das Haupt wieder an den Körper gebunden, den Knaben vor die tür gesetzt, und ihm einen Apfel in die Hand gegeben. Und da sie in der Küche stand, und einen Topf mit heissem wasser brudeln liess, da kam ihr Töchterlein traurig zur Küche, und sprach: 'Ach Mutter mein! Vor der tür sitzt das Brüderlein und sieht aus wie der Schnee, und isst nicht seinen Apfel und antwortet nicht, ob ich ihn gleich gebeten; mir von dem Apfel zu geben.' – 'Ei,' sagt die Mutter, 'wenn der böse Bube nicht reden will, so ziehe ihn an den Ohren.' Lenchen ging hin, und tat wie ihr die Mutter geheissen, und da lag der Bruder tot zur Erde. Da hat nun das arme Mägdlein geschrien und geweint, und die Mutter hat gesprochen: 'Ach, Lene, Lene, was hast Du getan. Komm, dass wir's dem Vater verbergen!' Und sie hackte den Jungen in Stücken, und steckte diese in den Topf mit wasser und kochte sie zum Imbiss; Lenchen stand aber dabei, und weinte, und weinte, dass alle Tränen in den Topf fielen, und das Gericht brauchte weiter kein Salz." – "Aber, fräulein!" sprach hier Frau Else: "welch schreckliche Mähr erzählt Ihr uns da? Gott vergebe der bösen Stiefmutter!"
"Und es ist doch nur 'ne Stiefmutter;" entgegnete Petronella mit hässlichem Lächeln, "und manche wahre und echte Mutter hat also getan an ihrem kind" – Else schlug ein Kreuz; Veit wollte sich tot lachen über die Schnurren, die seine Base auftischte; Wallrade war jedoch ganz still, und sah ernst vor sich. Die Leuenbergerin nahm dafür den Faden wieder auf, und erzählte:
"Wie nun der Vater kam aus dem Wald, und warf die Art weg und setzte sich zum Tisch, so fragte er: 'Wo ist denn der Bube?' – Zuerst antwortete die Mutter nicht, und trug das Essen auf; du jedoch Lenchen die Zähren nicht verbergen konnte, so fragte der Vater wieder: 'Weib, wo ist denn der Bube, mein Sohn?' – 'Über Land ist er gegangen,' antwortete ihm die Frau hierauf, als ob sie kein wasser getrübt hätte: 'er will beim Grossohm verweilen sechs Wochen lang und ich habe ihm's nicht versagen mögen.' – 'Ach, was ist doch dem Buben eingefallen?' versetzte hierauf der Vater gar wehmütig: 'Wie konnte er doch fortgehen, ohne mir gesagt zu haben: lebe' wohl Vater, und bleib' gesund?' – Der gute Mann wurde recht wehmütig, und wollte nichts geniessen; da er aber den ersten Bissen der Grässlichen Speise gekostet, wurden ihm Augen und Mund weit, und er ass und ass, und ass ganz allein, und liess keinem Menschen einen Bissen übrig, und vom ganzen Gerichte nur die Beinlein, die das kleine Lenchen in ein seiden Stück wickelte, verstohlen, dass es die Mutter nicht sah, und damit von dannen ging, unter den Mandelbaum, wo sie des Bruders Überreste niederlegte in's grüne Gras, und sie befeuchtete mit blutigen Tränen. Da geschah es aber mit einemmale, dass der Mandelbaum begunnte sich zu bewegen, und der Wipfel nickte freundlich, während dessen die Zweige auseinander rauschten, und wieder zusammenschlugen, wie fröhliche Leute mit ihren Händen zu tun pflegen, und die Wurzeln hüpften hüpften und zuckten, wie die Füsse eines tanzlustigen Gesellen. Und dabei ging eine Nebelwolke aus von dem Baume und in der Wolke brannte ein schönes rotes Fetter, und aus dem Feuer flog so ein schöner Vogel heraus, wie er nimmer gesehen wird in deutschen Landen; der sang lieblich und wohlgemut und flog in die hohe Luft. Unter dem Mandelbaume war jedoch alles wie zuvor, und das Gras spielte im Winde, die Blätter regten sich leise, aber des Brüderleins Gebeine waren verschwunden, wie das seidne Stück, so dass Lenchen's Herz weit wurde, wie das eines Glücklichen, und sie sich nicht anders vorstellen konnte, als dass lieb Brüderlein noch lebe. Worauf sie vergnügt nach haus ging. Der bunte Vogel setzte sich inzwischen auf eines Goldschmids Haus, und