langes Leben und Gedeihen? Wir haben ja doch niemand, dem wir hinterlassen könnten, was er mit Schweiss und Blut erobert. Der Tag, an dem unser Philipp starb, der wilde Bube, war ein harter Tag, und auch damals schrie die Eule wie ein wahrer Unglücksvogel. Der Junge musste gerade seinen Kopf aufsetzen, und ein Pferd in die Schwemme reiten wollen. Mein Alter erlaubte es dem Fürwitz, und gestürzt, vom Ross geschleift und zertreten, brachten uns die Leute den Buben sterbend in's Haus zurück." – Else wischte sich eine Träne ab, die in ihr finstres Auge gedrungen war. – "Den leibeigenen Knecht, der das Unglück, ohne zu helfen, geschehen liess, liessen wir tot peitschen," setzte sie mit fürchterlich gepresster stimme hinzu, "allein unsern Philipp machte es nicht lebendig." – Eine tiefe Stille folgte auf diese kurze und grässliche Erinnerung. Frau Else richtete sich indessen schnell in die Höhe, stampfte einigemal mit dem fuss auf das Pflaster, fuhr sich verstohlen mit dem Ärmel über die Augen, und langte die Kanne mit Wein an Wallraden. "Trinkt! tut Bescheid!" sprach sie mit ganz verändertem Tone: "dem gast gebührt die Ehre. Dann die kluge Leuenbergerin, dann ihr Vetter, und zuletzt ich. Petronella ist hernach so gut, und gibt uns eine Sage oder Legende zum Besten. Man vertreibt damit die Zeit am Besten, und der Faden am Rocken wird noch einmal so glatt und eben, und die Kuchen schmecken noch einmal so gut." – "In Gottesnamen denn," fügte Wallrade hinzu, und drehte dem Leuenberger den rücken, da er ihr einige verbindliche Worte in's Ohr flüstern wollte: "in Gottesnamen, Muhme. hebt an, und erzählt."
Veit stemmte maulend den Kopf in beide hände, und pfiff in die Luft hinaus: die Alte setzte sich indessen zurecht, roch ein Paarmal mit besinnender und bedächtiger Miene an dem Bisamapfel, den sie auf der Brust trug, und graute sich am Kinn. "Lieben Freunde," begann sie, indem sie den Finger an die Nase legte: "eine Sage, die Ihr nicht schon wüsstet, fällt mir gerade nicht ein; eine geschichte von den lieben Heiligen ziemt sich nicht zu berichten, an einem Orte, wo kein Gottesdienst gehalten werden darf; demzufolge will ich Euch lieber, da wir von Kindern gesprochen haben, auch ein Kindermährchen erzählen; nicht das beste, nicht das schwerste, das jemals von einer Amme oder einer treuen Mutter erfunden worden ist." – "Meinetalben;" entgegnete Frau Else: "nur sei es nicht zu lustig und schnurrig, mein kluges fräulein. Das Ernstafte und Schauerliche ist mir lieber, und stimmt besser zu meinem heutigen Gemüt." – "Wie Ihr befehlt, meine gute Wirtin;" antwortete hierauf des Leuenbergers Base, und hob an, mit lebhaften Geberden und wackelndem Kinn, wie folgt:
"Es sind wohl länger denn zweitausend Jahre her, und viel darüber, als es einen reichen Mann gab, der eine gar schöne, fromme und sittige Wirtin in sein Haus geführt hatte, und mit ihr des Lebens Glück genoss im höchsten Maasse, ausgenommen das Glück, ein Kind zu haben. Da geschah es einmal, dass die Ehewirtin an einem frischen Wintertage unter dem Mandelbaume sass, der im hof stand, und einen Apfel schälte. Das Messer glitt jedoch ab, und fuhr ihr in den Finger, dass ihr Blut in den Schnee rann. 'Ach!' sagte sie hierauf und seufzte aus innrer Brust: 'Ach, wohl ist weiss der Schnee und rot das Blut, und hätte ich hoch ein Kindlein rot und weiss wie sie beide.' Kaum hatte die Frau diese Worte gesprochen, als ihr recht fröhlich und heimlich um's Herz wurde, denn sie hatte nicht umsonst geredet und geseufzt. E i n Mond ging hin und der Schnee ging weg; der zweite Mont fand alles grün, im dritten kamen die Blümelein aus der Erde, im vierten alle Bäume in's Holz, worin die Vögelein sangen, und die Blüten fielen. Und wie der fünfte Mond vorbei war, da stand die Frau unter dem Mandelbaum, der gar zu lieblich roch, und ihr Herz war froh und konnte sich nicht fassen vor stiller Freude. Und der sechste Mond vorüber war, da begannen die Früchte aufzugehen und stark zu werden; sie aber wurde ganz still. Im siebenten Mond griff sie nach den Mandelbeeren, ass davon und ward borstaft und traurig. Da aber der achte Mond hingegangen war, da rief sie ihren Mann, und weinte, und sagte zu ihm: 'Wenn ich sterbe, so begrabe mich unter den Mandelbaum.' – Nun wurde ihr wieder ganz wohl und getrost zu Sinne, und kaum war der neunte Mond vorbei, so gebar sie ein Kind, weiss wie der Schnee und rot wie Blut, und freute sich dass, und starb. Ihr Mann begrub sie unter den Baum, wie er es versprochen, und fing an zu weinen gar sehr, eine Weile lang; nach und nach und allgemach legte sich aber das Herzeleid, und dann hörte er auf zu greinen, und dann währte es nur eine kurze Zeit, so nahm er sich wieder ein Weib." – "Männertreue!" sprach Wallrade bitter: "Ihr erzählt kein Mährlein, Muhme.