den bleichsten Strahl des Tages eindringen liess. Und dennoch waren hier die Räume, in welchen die Geschäfte der Wirtschaft und des Hauswesens verrichtet werden mussten. Hier war die Halle, welche den mächtigen Herd in sich fasste, und den in tiefer Schlucht quillenden Brunnen der Veste, und den Eingang in die unterirdischen Waarenkammern und Weinkeller des Hauses, so wie die Treppe zu den obern Gemächern, deren zwei sich in der Burg befanden, in eben so vielen Stockwerken verteilt. Das erste, zu welchem die Wendeltreppe führte, – das Gemach der männlichen Bewohner, – zugleich die grösste stube der Veste, in welcher Trinkgelage und Mahlzeiten gehalten wurden, nahm den ganzen Raum des Stockwerks ein, eine kammer ausgenommen, in welcher auf Stroh- und Rohrgefüllten Säcken, überdeckt mit Wolfs- oder Bärenfällen die Männer des Schlafs genossen, umgeben von ihren Gewändern, Waffen und den Satteln ihrer Pferde. Stieg man die fortlaufende Wendeltreppe empor, so gelangte man im zweiten Stockwerke zu dem Gemach der Frauen, das, wenn gleich zierlicher geputzt, als das der Einrichtung hatte. In jedem der vier ziemlich breiten aber niedern Fenster zwei steinerne Ecksitze, an den Wänden fortgehende Bänke mit Polstern; in jedem Winkel des Gemachs ein schwerer Schwenktisch oder Kleiderschrein, geschmückt mit glänzendem Schloss und zierlich geputzten Kürbissen und Pfauenfedersträussen, Truhe und Spinnrocken und Garnwinde nicht zu vergessen. Vorspringende Erker von kleinen Schartenfenstern erhellt, entielten die Lagerstellen der Frauen des Hauses, und der längs der Vorderseite des obern Stockwerks hinlaufende Söller bot ihnen eine willkommne Stelle dar, um in freier Luft zu arbeiten, zu beten, zu plaudern, oder in stiller Untätigkeit dem Treiben und Leben des Taubenvolks zuzuschauen, das oben an des Schlosses Zinne seinen Schlag besass, und auf und nieder flatterte an den steil gezackten Giebelseiten des bunten Ziegeldachs. Rings um war oben die Aussicht frei, nur an der Seite nicht, wo der lange und runde Wartturm in die Höhe strebte, welcher aus dem Gemäuer des inneren Hofraums entsprang, – in seinem Erdgeschosse die enge und kleine Kapelle der Burg entielt, und drei Stockwerke zählte, bis zu der Zinnen räumlicher Krone, drei Verliesse entaltend, von welchen das oberste des Lichts genoss, das mittlere einer milden Dämmerungshelle sich erfreute; das unterste aber, zu welchem nur ein rundes Loch den Eingang bot, tief hinabging in schaurig dunkle Gruft, wohin bloss die ferne stimme des in der Kapelle die Messe singenden Priesters drang, da der schreckliche Schlauch des Verliesses dicht hinter dem Altar sich abwärts senkte. Auch dieser schwache Trost war jedoch zu gegenwärtiger Zeit dem Unglücklichen versagt, der vielleicht diese Schreckensgrüfte bewohnen musste. Der Herr dieser Behausung, welcher weiter nichts Merkwürdiges als das schon Berührte aufzuweisen hatte, war in den Kirchenbaum getan worden; der Pfaffe, der den Kapellendienst im schloss versehen hatte, war ausgeblieben, und dumpfiges Schweigen herrschte Tag und Nacht in dem verödeten Kirchlein, wie der Staub auf seiner Glocke. Wallrade wusste nicht, ob das unterste Verliess des Wartturms, auf dem sie stand, einen Gefangenen barg; aber dass im mittlern Stockwerke des Erkergebäudes Menschen in Haft lagen, war unbezweifelt, da von Zeit zu Zeit, trotz dem dicken Gemäuer und den schmalen Luftluchen klagende oder singende Stimmen herausdrangen, nur hörbar für den auf der Turmspitze aufmerksam Lauschenden. Im Vergleich mit diesen armen, zwischen düstern Wänden eingesperrten Leuten musste Wallrade freilich ihr Schicksal glücklich preisen, und sie tat es auch, so lange ihr Auge Erholung suchte in den freien Himmelsräumen. Sah sie jedoch hinab in die enge Veste, welcher sie dennoch nicht entrinnen konnte, da wollte ihre Brust beinahe zerspringen. Montfort hätte keine bitterere Qual für sie ersinnen können, als den Verlust ihrer Freiheit; und alles Gold der Welt hätte sie für die erlaubnis gegeben, einen jener Renner zur Flucht besteigen zu können, die so eben im Zwinger zu einem zug fertig gemacht und gezäumt wurden. Die Knechte der Burg, vielleicht ein Dutzend an der Zahl, krochen gerüstet aus ihren Hütten, und jagten sich, plumpe Scherze treibend, auf dem Rasen umher, während der Schmied die Hufe der Rosse besichtigte, und in Eile zusammenpfuschte, was verdorben war, oder nicht mehr halten wollte. Mittlerweile traten die Herren des würdigen Trosses aus der Gatterpforte: Bechtram mit seinen gefährten. Ihr Anzug verriet deutlich, dass sie nicht zu einem Lustritt gingen. Bewaffnet bis an die Zähne stiegen sie zu Pferde, winkten der Hausfrau, die dem scheidenden Gatten noch die Hand durch's Gatter reichte, ein Lebewohl, und zogen durch das schmale Tor über die schwankende brücke in's Freie. Der Leuenberger, der zur Bewachung des Hauses zurückgeblieben war, erteilte dem Torwächter die nötigen Befehle zur Verschliessung der Burg. Die brücke ging knarrend in die Höhe; die wenigen zurückgebliebenen Burgleute gingen an ihr Geschäft, oder an das zeitvertreibende Spiel, und die ausgezogenen Männer waren noch nicht an die Spitze des Tannenbruchs gelangt, als schon in der Veste wieder eine Ruhe herrschte, gleich der des Grabes. Es währte indessen nur kurze Zeit, so kamen rasche Tritte den Turm herauf, und der gegenwärtige Schirmvogt der Veste stand plötzlich vor Wallraden. Das Gefühl und Bewusstsein des wichtigen Amts, das er in diesem Augenblicke zu bekleiden erkoren war, sprach aus seiner Haltung und seinen Zügen. – "Beschäftigt, alle Räume des mir anvertrauten Schlosses zu besichtigen," sprach er mit widerlichem Lächeln, – "muss ich doch auch sehen, wie und wo sich meine werte Gefangene befindet