1827_Spindler_093_171.txt

aller Kraft eines Mannes im wenig geräumigen Zwinger bändigte. Der schielende Doring, der wüste Reifenberger, der dicke Henne von Wiede, – Bechtram's gefährtenso wie der ab und zu fahrende Eppsteiner bemühten sich um die Wette, das in Haft liegende fräulein durch kurzweilig Gesprächsel zu vergnügen, oder durch ein Spiel im Brette, oder durch ein vom zug mitgebrachtes Geschenk. Der Leuenberger legte nach und nach, von Stunde zu Stunde, mehr von der Schroffheit ab, die er gegen seine Stiefnichte geäussert hatte, und wandelte sein Betragen in eine gewisse tölpische Höflichkeit und Augendienerei um, die von Wallraden nicht unbemerkt, so wie von allen Übrigen nicht ungeneckt blieb. Die Base Petronella endlich, verblüfft von dem ungezwungnen und freien Benehmen Wallradens, hatte so ziemlich ihre beissende Zunge zur Ruhe verwiesen, und ihren gewöhnliche Standpunkt eingenommen; nämlich den einer Zeitvertreiberin, weil ihre Mährlein und Schnurren weit und breit in den adelichen Genossamen der Gegend guten Klang und Ruf hatten. Frau Else liebte das Erzählen im traulichen Kreise, und Wallrade forderte oft selbst die Muhme dazu auf, wenn sie den Zudringlichkeiten des Leuenbergers ein Ende machen wollte. War die Alte dann im zug, so entfernte sich Dieter's Tochter gewöhnlich unvermerkt, und erklimmte den Wartturm, wo sie sich zwischen den mächtigen Zinnen niederliess auf die Steinbank, in die weite Luft hinausstarrte, und ihren stürmischen, mit übermenschlicher Kraft zurückgepressten Gefühlen den Lauf liess. Der Turmwächter, der seiner tauben Ohren halber aus den Reihen der reisigen Knechte in die Höhe verwiesen worden war, wo seine scharfen Augen noch gute Dienste zu leisten vermochten, sass dann gewöhnlich vor der Öffnung, die auf des Turmes Platte seinem elenden Schlafwinkel als tür und Fenster diener, und schneiderte an den Kleidern der Burgleute, oder kämmte seinen Hund, und begriff nicht, wie sich das schöne gefangne fräulein so ganz allein zu unterhalten vermöge auf der einsamen Warte. Wallrade legte aber die glühende Stirne an die kalten Steine, und blickte hinaus gegen Frankfurt, von wannen immer noch kein Retter nahen wollte. Immer noch war es ihr nicht gelungen, eine Botschaft den Vater zu senden; von Tag zu Tage verzögerte sich ihre Befreiung. unwillig klagte sie den Himmel an, dass er sie, gleich wie auf einem Siegerzuge, aufgehalten, während sie im Begriff gestanden, des Unfriedens und der Zwietracht höchstes Maass über das Haupt des Vaters und der Stiefmutter auszugiessen. unwillig fragte sie die Vorsehung, wie lange sie noch hier zu verharren habe in einem Zwang des Willens und der Empfindung, der ihr an's innerste Leben zu greifen begann, trotz Verstellung und Standhaftigkeit. Zagend und zürnend zugleich gedachte sie des Augenblicks, in welchem der Graf von Montfort; – dessen Zutun bei der verwünschten Begebenheit sie leicht erriet, wenn gleich Bechtram seinen Namen nicht auszusprechen wagte, – auf der Veste erscheinen und durch seine Gegenwart die durch seine Unritterlichkeit Gefangene am tiefsten demütigen würde. Allein, wie sehr sie auch klagte, zürnte und zagte, der Zeitpunkt ihrer Erlösung lag immer noch ferne, denn ein geheimnissvoller Schleier bedeckte vor jedem fremden Auge die auf Neufalkenstein verwahrte Beute. – Der Aufentalt der von Gelnhansen geladenen Gäste hatte bereits mehrere Tage gedauert, und Wallrade, von trüben Gedanken in ihrer engen kammer gepeinigt, war gerade nach dem Imbis zu dem Wartturm emporgestiegen, um die laue Frühlingsluft in ihrer klaren Reinheit zu trinken, und ruhiger zu werden. Der Weg, welcher unfern der Veste vorüberlief, war leer und öde wie immer, seitdem die Nachbarschaft von Bechtram's neuen Unternehmungen vernommen hatte. Ein frischer Luftstrom erquickte aber Auge und Stirn der Gefangenen, und ihr blick schweifte kühn über die Höhen und Ebenen, über Gewässer und düstre Tannenwipfel, und senkte sich tief in das Innere der kleinen, zu ihren Füssen liegenden Veste. Ihr Herz ergrimmte auf's Neue, da sie jetzt erst wahrnahm, wie gering und unbedeutend der Kerker war, der sie einschloss. Der an und für sich nicht sehr ergiebige Raum war von dem Erbauer haushälterisch benützt worden. Ein tiefer Graben umschloss die unregelmässig gebaute Veste, deren Eingang ein schmales Tor, bloss für einen Mann zu Pferde breit und hoch genug bildete. Zugbrücke und Pforte verschloss diesen Eingang beständig, wie eine von aller Welt abgeschnittene Klause. Hinter den dicken, am Graben emporragenden Mauern schlängelte sich der enge Zwinger, in welchem Knechte und Pferde und Hunde, sammt dem geraubten Zug- und Melkvieh ihre Hütten und Ställe fanden. Eine elende Waffenschmiede, in welcher die auf Raubzügen zerhacken Blechhauben und Drahtwämser notdürftig zusammengeflickt wurden, streckte hier ihren rauchenden Schlot. dicht daneben hatten die Burgleute zu ihrem Vergnügen eine bald zum Armbrustschiessen, bald zum Regelschieben benützte Bahn angelegt; der einzige Fleck, auf welchem allenfalls ein Ross zugeritten werden konnte. Wer aus diesem Zwinger in das Innerste dringen wollte, musste durch ein niedres, von schwerem eichenen Gegatter fest verschlossnes Pförtlein kriechen, hinter welchem der enge finstre Hof das Wohngebäude des Herrn einfasste, zu dessen, ungefähr acht bis neun Schuhe von dem Boden erhöhten Schwelle eine in Klammern gehängte Holztreppe führte, die im Notfall weggenommen werden konnte, um einem Feinde oder einem Räuber den Eingang zu den Schätzen und Vorräten des Hauses unmöglich zu machen oder mindestens zu erschweren. In dem Hofraume schnatterte und lärmte des Federvieh's bedeutende Menge, rauchte der Ofen, in welchem die tätige Hausfrau das Brod bereitete, umfangen von hohem, russigem Gemäuer, das in die Fensteröffnungen des Erdgeschosses der Burg nur