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Aussicht nach der Heerstrasse verbirgt, auf welcher er daher ziehen wird. Wenn er käme, jetzt käme, im Andrange der höchsten Not! Wenn ich ihm könnte entgegeneilen auf den Flügeln des Auges, um ihn zu begrüssen, schon im fernen Dämmerschein? Warum nicht jenes Fenster, das unnütze Vorsicht verschloss, kann eröffnen die mutige Hand. Vom Aufgange kommt alles Gute, alles Wahre. Vom Sonnenaufgange her sieht der hochgelobte Gott in unsre Tempel; von dort muss auch Dagobert wieder heimkehren!" – Kühn schlug ihre Hand den verschlossnen Laden des Fensterleins auf, und ihr blick suchte unter den Rosen, die der Niedergang dem blaudunkeln Osten zuwarf, den Geliebten. Umsonst! Leer war und blieb die Strasse. Längs der Gartenmauer jedoch kroch ein Mann schwer und unbehülflich am Strassenrande hin, beschäftigt, wie es schien, Kräuter zu sammeln im tauigen Abendschein. Zufällig richtete sich auf ihn Ester's Auge, – zufällig blickte er zu dem klingenden Fenster empor, – und schnell fuhr das Mädchen zurück. Es war der Judenarzt Joseph, der dort unten verkehrte, und Ester flehte zum Himmel um die Gnade, von dem Gefürchteten nicht erkannt worden zu sein.

Zehntes Kapitel.

"Komm, Alte, komm, erzähle uns ein Mähr

lein!" Gern, liebe Püppchen; werdet Ihr aber

auch das Grausen vertragen können? Wer kein

gut Gewissen hat, setze sich vor die tür, und

bete indessen ein Vaterunser!

Kindermährchen.

Das Schloss Neufalkenstein, der Sitz des Ritters Bechtram von Vilbel, hatte seit Langem nicht so viel Geplauder und Gelärm in seinen Mauern gefasst, als seit der Zeit, da der Graft von Montfort dem Besitzer einen Besuch abgestattet, und demselben aufgetragen hatte, das schöne fräulein von Baldergrün von der Heerstrasse wegzufangen, zum schuldigen Dank für so manche Unbill, die der Graf zur Zeit, da er um das Edelfräulein warb, hatte ertragen müssen. Dem in dergleichen Aufträgen geübten Bechtram, welcher, nachdem er lange Jahre hindurch der Hauptmann der Reichstadt Frankfurt in Ehren und Frieden gewesen, vorgezogen hatte, das unedlere Gewerbe der Wegelagerei wieder zu ergreifen, war des Grafen von Montfort Aufgabe über alle massen trefflich gelungen, und die Beute richtig geworden. Ein solcher Fang warf zu viel an Gewinn ab, und war überhaupt so selten in der Rechnung der Herren vom Stegreif, als dass sich die letzteren nicht hätten etwas zu Gute tun sollen. Bechtram mit seinen Genossen bankettirte Tag aus, Tag ein, was doch sonst seine Sache nicht war; seine Hausfrau hatte alle hände vollauf zu tun, um ihre Gäste zu bewirten, und Wallrade hatte in ihrem männlichen geist mit überraschendem Scharfblick den Standpunkt erfasst, von welchem sie ohne weitere Demütigung in das Gewühl um sie her herniedersehen konnte. So finster es auch in ihrem inneren wogte, so heiter und glatt hatte sie die Stirne gelegt. – Nicht die Gefangene schien sie zu sein, – preisgegeben der harten Willkür räuberischer Wächter; – eine Fürstin vielmehr, die sich es gefallen lässt, auf kurze Zeit von dem Gipfel ihrer Grösse in's gemeinere Leben herniederzusteigen, und durch ihre Gegenwart das Haus eines ihrer ärmern Wasallen zu beglücken. Den Zwang, der sie drückte, wusste sie unvermerkt in den Hintergrund zu drängen, und zu ihrem Diener zu machen, dass es den Anschein hatte, als sei jede Beschränkung ihre freie Wahl. Sie sah auf den Lippen oder der Stirne ihrer Hüter keinen Befehl, keinen Wunsch schweben, den sie nicht plötzlich erraten, und zu ihrem eigenen Willen gemacht, ihn also geäussert hätte. Sie vermochte es über sich, dem ganzen Abenteuer eine scherzhafte Seite abzugewinnen, und dann und wann mit feinem Spott ihren Umgebungen merken zu lassen, dass der ganze Vorfall ihr nichts weniger, als wichtig erscheine, sondern im Gegenteile kurzweilig und ergötzlich, da er über Kurz oder Lang dennoch ein für sie erwünschtes Ende nehmen werde. Mit verächtlicher Kälte hatte sie ihre Kleinodien und ihre Baarschaft den Räubern hingegeben, mit unbefangner Ruhe hatte sie es mit angesehen, da Frau Else, Bechtram's Hauswirtin, ihre breitschultrige, unangenehme Gestalt mit diesen Kostbarkeiten geschmückt, und sich ihr also geputzt wie in höhnendem Scherz vorgestellt hatte. Den derben Übermut des Burgherrn und seiner Freunde vergalt sie eben so mit unempfindlicher Derbheit, des Leuenberger's und Petronellen's schadenfrohen Spott mit schalkhaften Antworten, die die Lacher auf ihre Seite brachten; und stand im Ganzen genommen da, nicht wie ein eingekerkert schwaches Weib, sondern wie ein zu Schutz und Trutz gerüsteter Kämpfer, der keine Blösse gibt, ohne die des Gegners zugleich zu treffen. – Je unerwarteter dieses Benehmen den I n n s a s s e n und Gästen Neufalkensteins war, je weniger verfehlte es seinen Zweck, und die kräftige Wallrade hatte die Genugtuung, bald den Erfolg zu beobachten. – Bechtram, sein Weib und seine Gesellen, rauhe Menschen, wie das wilde Leben in Fehde, Forst und abgeschiedner Veste sie zu gestalten pflegt, hätten die stillduldende Sanftmut einer Unglücklichen unerbittlich zu Boden getreten; aber der unduldsame Trotz, die kecke Widerspenstigkeit und Spottsucht Wallradens erschienen den Harten als Eigenschaften, eines bessern Schicksals, wie einer günstigern Behandlung würdig. Bechtram lächelte, wenn das fräulein ihn einen grauen Taugenichts, seine Veste ein Raubnest schalt. Else duldete scherzend den Spott, welchen die gezwungne Gastfreundin über ihre unschmackhafte Küche aussprudelte. Der wilde Hornberger geriet in Entzücken, sah er Wallraden auf dem rücken seines Gauls, dessen Koller sie mit