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Reden?" fragte Ester: "was meint Ihr damit?" – "Dass den alten Herrn der Leidige zu unrechter Zeit geblendet hat," eiferte die fromme Crescentia; "und dass hier die Schande verborgen werden soll. Meinetalben; ich bin eine alte Magd, und mich kümmert nicht, was die herrschaft tut oder lässt; ich sehe daher auch ganz ruhig zu, und will, – dem Befehl des Herrn zu folgen, sogar mich bezähmen, und die Dirne, die gleichmütig dasitzt wie die Unschuld selbst, nicht einmal ausfragen, sondern die Sachen gehen lassen, wie sie eben können, aber, wenn die ehrsame Frau heraus kommt, wie sie in jedem Frühling ein Paarmal zu tun pflegt, und mich die Stuben aufsperren heisst, und die ganze Bescheerung sieht, dann wasche ich meine hände in Unschuld, und dem alten Herrn von sechzig Jahren und darüber, dem ich stets etwas Besseres zugetraut hätte, geschieht dann recht. – Aber," setzte sie, plötzlich leicht errötend hinzu: "da bemerke ich so eben, dass ich in der Fülle meines Herzens und meiner Gedanken alles herausgesprochen habe, was ich mir als Wahrheit einbilde. Das will sich für eine alte treue Wächterin nicht wohl geziemen. Du magst es jedoch der Geschwätzigkeit des Alters zu Gute halten, und es wieder vergessen. Besonders empfehle ich Dir, gegen den Jungherrn bei dessen Rückkehr nicht das geringste merken zu lassen, denn Kinder müssen nichts erfahren von den Verirrungen ihrer Eltern, selbst nicht einmal so würdige und wackre Söhne, wie Junker Dagobert." –

Als die Alte hinweggegangen war, setzte sich Ester in einen Winkel, und machte ihrem gepressten Herzen durch einen Strom von Tränen Luft. "Wie unglücklich bin ich!" klagte sie still und leise vor sich hin: "Und wie kommt es, dass mir jetzt gerade einfällt das wahrsagende Wort, so einst der Altvater Jochai zu mir gesprochen, da er mich warnte vor der Hinneigung zu den Bekennern des Gekreuzigten? Hat er nicht damals vor meinen Augen gestellt das Schicksal der Engel Asa und Asael, denen es gelüstete nach Bräuten der Erde? Seit Jahrtausenden schweben die Armen zwischen Himmel und Erde, wo sie aufgehängt hat in seinem Zorn der eifrige und hochgebenedeite Gott. Und ihr Schicksal ... ist es nicht das Meine? Einer Liebe hingegeben, die bald wie eine sanfte Glut mein Innerstes erwärmt und veredelt, bald aber wie ein ungeduldig Feuer meine Seele quält und anschmiedet an einen Gegenstand, der unstät und rastlos sich immer meiner sehnsucht entzieht, bin ich bald niedergezogen zur Tiefe, bald schwebe ich auf zur Höhe der Himmel. Die Pflicht ruft mich gebieterisch auf die Schwelle wenigstens des Kerkers, in welchen meine Väter atmen, da die rohe Willkür mir das Glück versagt, ihn mit denselben zu teilen; die Liebe aber hält mich hier in diesem engen raum zurück. Ihr vertrauend, die mir Schutz und Beistand den Meinigen verheisst, überlasse ich Jochai und Ben David ihren Leiden. Wird aber dieses Vertrauen sich erfüllen? Wird denn der Freund erfüllen können, was er zu erfüllen wünscht? Reisst mich dass Verweilen auf dieser Stätte nicht endlich auch in den Abgrund, aus welchem ich meinem Vater nimmer emporreichen werde können die rettende Hand? O Mutter, welcher das Paradies sei, und die Palme des ewigen Friedens, Mutter, erinnere Dich, wenn gleich ein abgeschiedner Geist, Deiner Tochter, und leiste hülfe! Ureiniger Gott, zu den Jakob's Söhne beten, wie die Verehrer des Menschgewordnen, schütze Du den edlen Mann, den ich ehre wie einen Seligen und Gesegneten des Herrn, dass er bald zurückkehre, und durch seine Kraft und Grossmut das Truggewebe zerreisse, das meines Vaters Unschuld, unser aller Geschick umhüllt! Schon drang der Verrat über diese Schwelle; wer weiss, wie lange der verbrecherische Unhold seine Drohungen aufschiebt? Wer weiss, ob mich nicht vielleicht der nächste Tag verraten und verkauft in den Händen der Feinde sieht? Ich möchte fliehen, und wage es doch nicht. Wie entkomme ich den Kundschaftern des Unseligen, die vielleicht hinter jedem Baume lauern? Wohin könnte und dürfte ich entfliehen? Wo lebt der Mensch, der mich aufnehmen, .. wo ist die Veste, die mich schützen würde? Wo weilt er, der einzige Hort, auf den ich baue? Kann meine angstvolle stimme ihn rufen über Berg und Tal? Hört denn sein Ohr den flüchtigen Schritt meiner Sohle? O, dass meine Klage ein Zauberspruch wäre, der ihn fesselte, und herbeizöge mit unwiderstehlicher Gewalt; dass der hochgelobte Gott die Schwester doch wieder in seine Hand gegeben hätte, damit er Zeit gewinnen möge, an seine unwürdige Magd zu denken! Welche Leiden ich auch schon erduldet habe, – welcher Kummer mir auch noch bevorstehen mag, seine Nähe allein dünkt mir schon ein Balsam für alle Wunden, die das Schicksal schlägt. Und meine allzugefällige Einbildungskraft gaukelt mir nur zu oft eine schmeichelnde Täuschung vor. Pocht mein Herz bang und ungeduldig, so höre ich den Hufschlag seines geschwinden Rosses. Zittern meine Pulse, so vernehme ich seinen nahenden Schritt. In den Glocken, die gerade jetzt herübertönen aus der Stadt, spricht seine anmutige stimme, aus dem Abendrot dort an den Bergen schaut sein freundlich Angesicht. Ungeduldig berge ich mich hinter diesen Riegeln, da ich doch von jenen Höhen den geliebten Namen ausschreien möchte durch die Welt. Zürnend sieht mein Auge jenes verschlossene Fenster an, das mir die