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musste. Der Abtrünnige fuhr aber fort: "Bist Du klug, Esterchen, so schweigst Du, und vertraust auf meine Güte. Ich hab' es überlegt: Du bist zu schön und zu holdselig für die lüsternen Richter aus Amalek. Ich gönne Dich ihnen nicht; aber auch dem jungen Goi gönne ich Dich. Der Bube hat mich einst geschlagen mit Faust und Kolben, und das vergesse ich ihm nie, so wahr ich gedenke meines Vaters, dem das Paradies sei. Denn es heisst: 'Wer einen schlägt aus dem volk Israel, dessen Stamm wird verdorren und sein Geschlecht ausgerottet werden mit der Schärfe des Schwerts, oder durch den Strahl des himmels.' Was der Herr bös gemacht hat durch meine Hand und meinen Mund, will er wieder gut machen auf dieselbe Art. Ergib Dich mir zum weib, und Ben David soll nicht sterben; – auch Jochai nicht," setzte er nach einigem Bedenken hinzu. – "Ester starrte ihn unbeweglich an und stumm empört."

"Besinne Dich nicht lange;" fuhr er fort: "gemessen ist die Zeit. Kurz ist nur der Augenblick, der mir erlaubt hat, Dir zu nahen. Seit manchem Tage umschleiche ich das Haus, aber immer liegt die Pforte im Riegel, oder das alte Weib steht daran wie der feurige Wächter am Paradiese. Die Ankunft des Herrn hat auch meine Einkehr begünstigt. Aber lange darf ich nicht weilen, sollst nicht Du verloren sein. Entscheide also. Gib a u f den Goi, dem die Hölle sei, und rede zu mir, wie die Braut zum Verlobten." – "Unsinniger Bösewicht!" erwiderte Ester heftig, und entzog sich seinen Armen: "Welch ein Wahnsinn blendet Dich. Weisst Du nicht, dass des Scheiterhaufens Flamme mir willkommner wäre, als eine Liebkosung aus Deinem mund? hinweg! tue was Du willst, aber ich sterbe eher, ehe ich Dein sündlich Verlangen erwiedre." – "Gemach! gemach!" flüsterte Zodick, dessen linkes Ohr beständig gegen die Treppe gespitzt war: "Esterchen, geberde Dich doch nicht wie die krumme Schlange." Warum eiferst Du also? Sehe ich doch hier nichts Besondres. Du bist einst gewesen die Tochter des reichen Ben David, und ich Dich Knecht, den Du verschmähtest. Jetzt bist Du das Kind eines zum Tod verdammten armen Sünders, und ich hingegen mehr als Du; nämlich ein Christ. Die schlechte Jüdin sollte sich's zur Erde rechnen, bewirbt sich ein Bekehrter um sie. Allein sie gedenkt von liebrer Hand die Taufe zu empfangen. Ich merke das. Wie dem auch sei. Dein Sträuben hilft nichts, und nicht Deiner Schmähungen ergiebige Quelle. Bei meines Vaters Gebet und Todeskampf! Ich hole Dich heim, ehe noch des Mondes Scheibe sich füllt; magst Du mich nun erwarten, geschmückt wie die Braut, oder tränend wie das gebundne Opfertier. Hoffe nicht, mir zu entrinnen, denn es heisst: "Dem Falken gehört die Welt, und meinem Falkenblick wie meinen Spähern entkömmst Du nicht." – "Mensch!" stammelte Ester, Todtenblässe auf den Wangen: "Was willst Du beginnen in Deiner tollen Grausamkeit? Hast Du geschworen zu verderben mein Geschlecht, so ermorde mich. Kannst Du erringen Geld und Belohnung, so verrate mich an das Gericht. Welchen Vorteil bringt Dir's aber, so Du mich quälst mit Zumutungen, deren Grässlichkeit mir den Tod wünschenswert macht?"

"Närrchen!" lachte Zodick hähnisch: "Du wirst mich kennen lernen besser, denn bisher. lebe wohl, und setze all Deine Hoffnung auf mich. – Noch eins!" setzte er bei, an der tür umkehrend: "ich habe versprochen Deinem Vater, zu bringen von Dir ein Zeichen des Lebens und des Wohlseins. Der hochgelobte Gott will, dass ich ihn dadurch tröste in der Nacht seines verdienten Kerkers. Gib mir den Ring Deines Fingers, oder die Flechtenspitze von Deinem haupt, auf dass sie zeugnis geben für mich bei Deinem Vater!" – Ester sah den Menschen lange und forschend an. "O sage mir, Zodick," sprach sie alsdann: "rede, und sage mir, wer Du bist, eigentlich und wahr. Ob ein Abschaum der Verworfenheit, auf welchem immer die Lüge schwimmt, oder ein wahnsinniger Tor, den der Herr geschlagen, dass er die Welt unglücklich mache durch seine bösen Träume und giftigen Reden, oder aber ein cerblendeter unglücklicher Mensch, der böse handelt aus Rache und Hass, und gern wieder gut handeln möchte, um seinem bessern Teile zu genügen, und dem gesetz, und dem empörten, zagenden Gewissen? Der Erste scheinst Du zu sein, da Du Unschuldige in den Kerker legst, und durch falsche Eide den Tod herabrufst auf ihr Haupt; als den Zweiten gibt Dich Dein erscheinen kund in dieser kammer, und die Reden, die Du darin ausgestossen; aber zugleich möchte ich Dich für den Letzten halten, so Du mir beteuern könntest, dass keine Hinterlist hinter Deinem Begehren lausche." – "Wofern ich nicht habe versprochen Deinem Vater, ihm zu bringen ein Pfand Deines Lebens und Deiner Freiheit," hob langsam und beschwörend Zodick an, – "so will ich verkrummen und werden wie ein lahmer Wurm, der im Staube verscheidet. Die Seligkeit meines Vaters soll von ihm genommen sein und dessen unstäte flüchtige Seele zurückkehren zu dieser Welt, um mich zu peinigen durch