. Am folgenden Tage wurde Crescentia, da sie gerade ihrer Schutzbefohlnen das Vesperbrod gebracht hatte, durch den Klang der wohlbekannten Torschelle abgerufen, um einen Besuch zu empfangen. Ester, deren Busen hoch schlug in der Erwartung des Geliebten, lauschte an der Treppe, ob nicht die erfreuliche stimme des Junkers unten laut würde. Sie hörte Reden aus männlichem und weiblichem mund wechseln, und endlich in Crescentia's Wohnstube verhallen, und bereits wollte sie, missmutig über die Täuschung ihres sehnsuchtvollen Herzens, in ihre Klause zurückkehren, um sich einzuriegeln, als ein leiser knisternder Schritt sich auf den Treppen hören liess, die zu ihrem Versteck führten. Die Hoffnung erneute sich in ihrer Brust. O gewiss! dachte sie, ... o gewiss ist er zurückgekehrt, und gedenkt mich zu überraschen mit einer Fülle von Seligkeit, mit seinem wonnigen Anblick, Leise erklimmt er die Stufen, um wie eines Schutzengels Erscheinung plötzlich vor mir zu stehen; aber er soll mich vorbereitet finden. Er soll sehen, dass ich nur an ihn denke, dass meine Sinne nur nach ihm gerichtet sind, dass ich durch mein dankbares Vertrauen seines Schutzes wert geworden bin! –
Erfüllt von diesen entzückenden gedanken beugte die Lauschende dem Nahenden über die Spitze der Treppensäule den Kopf entgegen, und blieb stehen wie ein in gebückter Stellung ausgehauenes Steinbild, da der Anblick, welcher sich ihr darbot, ihr alle Kräfte zum Fliehen für den Augenblick benahm. Denn nicht Dagobert's blühendes Antlitz, umwallt von braunen Locken, – ein Rotkopf mit blassem hässlichem, aber wohlbekanntem Angesichte schaute sie an. "Ei, Schickselchen," flüsterte der Hässliche, in welchem der abscheuliche Zodick nicht zu misskennen war: "ei, lieb Esterchen! Sind' ich Dich endlich? O Du bös Vögelein! hast Du doch endlich nicht entkommen mögen dem Vogelsteller, der so lange hat geharrt umsonst?" – Der Mensch stand nun lebensgross vor der Versteinerten, und gab ihr das Leben wieder, da er es versuchte, ihre Hand zu ergreifen. "Zurück! Grässlicher!" rief sie mit vor Entsetzen halb erstickter stimme: "Du wagst es? Diese Hand, die meine Väter ermordet, wagt's, mich zu berühren? .." – Zodick gebot ihr mit einer halb spöttischen, halb drohenden Geberde Schweigen, und zog sie in die offne tür der Giebelkammer. "Lass ein vernünftig Wort finden Platz in Deinem Ohre;" ermahnte er mit leiser stimme: "kümmre Dich nicht um das, was ich unternommen gegen Deinen Vater und Jochai. Solche Dinge gehören nicht für das Weib, und ich werde verantworten alles, so ich getan, an jenem Tage des Zochs und der Barmherzigkeit." – "Lass ab von mir," seufzte Ester "wie kömmst Du hieher, ungetreuer Sohn Jakob's? welch böser Fürst des Unglücks hat Dir verraten, wo ich atme?" – "Zwei scharfe Diener meines Willens;" entgegnete Zodick: "meine beiden hellen Augen. Beruhige Dich. Nicht von heute erst ist die Entdeckung. Ich schlich Euch nach, da Ihr diesen Schlupfwinkel suchtet, Dein Buhle und, Du." – Ester erblasste. – "Beruhige Dich, sage ich noch einmal," wiederholte Zodick scharf: "dass ich bis jetzt Dich nicht an die Gojim verriet, die Deiner Freiheit Ketten schmieden möchten, sei Dir Bürge, dass ich Dich noch nicht verraten w i l l ." – "Lügner!" zürnte Ester. – Er fuhr jedoch kalt und gemessen fort: "Ich spreche die Wahrheit. Ich will nicht gehen gerade von hier, wenn ich lüge. Warum sollte ich auch gehässig sein Dir, die ich zur Frau machen wollte, ehe der Goi Deine Gunst errang? Hast D u doch nicht den Christenknaben gekreuzigt, und nicht erschlagen den Friedberger. Hast Du Dich versündigt mit einem Edomiter, ist es Deine Sache allein, und Deinem Geschlechte der Treubruch angeboren. Schon Hera hat gefrevelt vor dem Gesetz. Warum nichts Du? Die Obrigkeit würde Dich desshalb auf den Scheiterhaufen setzen, aber ich vergebe Dir." – "Welche. Sprache?" fragte Ester entrüstet: "Bist Du gekommen, meiner zu spotten, ehe Du mich dem Henker überlieferst? Geh' oder ich rufe nach hülfe." – "Und bereitest dadurch Dein eigen Verderben;" ergänzte Zodick boshaft: "tue es doch ja. Es sitzt ein Gast bei der alten Beschliesserin, der es nicht ungerne sähe, wenn er mit der Verführerin seines Sohns bekannt würde. Herr Dieter Frosch nämlich, der Altbürger. Verloren bist Du, gibst Du einen laut von Dir. Ich verhafte Dich dann im Namen der Obrigkeit." – "Barmherziger, hochgelobter Gott!" klagte Ester die hände ringend: "Entziehe mir nicht gänzlich Deine Huld! Lass mich nicht umkommen in den Schlingen meiner Feinde. Oder, .. wär' es nicht besser, ich teilte die Fesseln meines Vaters, als dass ich hier noch kurze Frist atme unter der Faust des unmenschlichen Henkers?" – "Oder, .." äffte Zodick nach ... "wär' es nicht besser, ich gäbe mich gutwillig in die Fesseln des Schulteissen, als dass ich schmachte noch länger ohne Liebeskuss und Spiel, wie eine Wittib?" – Ester erschrak mehr über die Mahnung an des Schulteissen Sinnlichkeit, als über die rohe Beleidigung, die sie aus diesem mund erwarten