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mein süsses Kind! Gott behüte Dich, arme Maid!" hatte Dagobert bei seinem Abschiede zu Ester gesprochen, und dieses einfache herzliche Lebewohl war der Verlassenen fest im Gedächtniss geblieben. An jedem Tage wiederholte sie wohl tausendmal die Worte ihres Beschützers, wie ein frommes Gebet, denn sie schienen ihr einen unfehlbaren Segen zu entalten. Die gute Crescenz, dieein seltnes Beispiel in ihrer finstern ZeitDankbarkeit höher achtete, denn Vorurteil, bemühte sich, an Ester aus Kräften zu vergelten, was sie von deren Vater empfangen, und war treu in der Sorgfalt, die sie dem scheidenden Junker Dagobert gelobt hatte. Auf diese Weise konnte es denn geschehen, dass Ester auf dem Schellenhofe einige Tage verlebte, so ruhig, als sie nur, den Umständen nach, sein konnten. In einem versteckten Giebelstübchen hausend, von niemand bemerkt. Allen im haus fremd, – die gutmütige Pflegerin ausgenommenhatte sie völlige Musse, ihres treuen Freundes zu denken, und ihres armen Vaters, den sie nicht sehen zu wollen dem Junker, welcher für ihre eigne Freiheit zitterte, hatte versprechen müssen. Sobald jedoch die Dämmrung heranschlich, durfte sie auch von den Gegenständen ihrer Liebe s p r e c h e n , denn Frau Crescenz nahm alsdann Platz an ihrer Seite im traulichen Kämmerlein, und geschwatzt wurde von der Vergangenheit und gebaut auf die Zukunft. Wollte nun auch Estehr's Vertrauen auf diese letztere wanken, so war die fromme Hauswirtin bereit, mit unzähligen Trost- und Denksprüchen dieses Vertrauen zu befestigen, erinnerte die Zagende an die Unschuld ihres Vaters, die denn doch gewiss, wie Alles, an den Tag kommen müsste, an den Freund, den ihr die Vorsicht zugesandt, und an die unendliche Gnade Gottes, die auch an ihr sich wundertätig erweisen werde. – "Glaube mir;" sprach die wackre Alte dann: "was auch Deine Rabbiner sagen mögen, – Ihr habt keinen andern Gott, denn wir. E r ist der einzige der alle Mensch mit gleicher Liebe umfasst. Es ist freilich ein Unglück, dass Du noch in den Irrtümern Deiner Glaubensbrüder verstrickt liegst, allein der Herr wird Euch schon davon befreien, wann es zu Euerm wahren Heil sein wird. Ich denke, Euerm Beschützer, der sich ja ohnehin der heiligen Kirche zu weihen hat, wird das fromme Werk Eurer Bekehrung vorbehalten sein, und einen bessern Täufer findet Ihr niemals. Bis dahin tröste Dich jedoch mit dem Beispiele andrer Unglücklichen, die aus ihren tiefen Nöten zum Herrn emporschreien und seufzen, je nachdem sie ihr Elend offenkundig machen dürfen, oder geheim halten müssen. Geld und Gut macht nicht glücklich, die liebe Gesundheit des Leibes sogar nicht, aber die weit bessre Gesundheit der Seele und des Gewissens, die Zufriedenheit in Herz und Haus. Sieh nur einmal die Eltern unsers ehrsamen Junkers Dagobert: Reichtum die Hülle und Fülle, und doch nicht glücklich, nicht einig." – "Ester horchte auf, und fragte nach der Ursache. Crescentia schüttelte bedeutend den Kopf, und meinte, Gerüchte wie sie des Pöbels lügenhafter Mund ersinne, zu wiederholen, gezieme einer gottesfürchtigen Frau nicht." – "Meine Else hat mir auch mehr des Unheils ahnen lassen, als wirklich erzählt;" setzte die Alte bei: "aber ein böser Wurm muss an dem Leben und dem Frieden der beiden Eheleute nagen. Sie sind, wenn gleich von derselben Mauer umschlossen, getrennt in ihrem eignen haus, und der Himmel weiss, welch Unheil noch aus all den bösen Vorzeichen sich entwickeln wird. Eh, als eine treue Dienerin des Hauses, baue fest auf die Vermittlung des jungen Herrn, der wohl bald im Kleide des Friedens zwischen die beiden treten und sie versöhnen wird." – "Jawohl!" bekräftigte Ester mit schwärmerischem Ausdruck: "Er ist ja ein versöhnender Engel! ein gar holder lieblicher Diener des barmherzigsten Herrn, wie er sie nicht häufig zur Erde niedersendet." – "Du sprichst ja fromm und zart, wie ein heiliges Buch!" bemerkte Crescenz wohlgefällig lächelnd: "Wandle fort in dieser Bahn, so wirst Du bald den Herrn in seiner reinsten Glorie erkennen lernen. Verehre immerhin den tugendhaften Junker als einen Heiligen und liebe ihn wie einen solchen. Es ist völlig in der Ordnung, dass er sich nimmer ehelich verbinden darf. Er gehört nämlich unter die seltnen Männer, die zu edel sind, um bloss als Männer geliebt zu werden. Meinst Du nicht auch?" – Verschämt und stumm gab ihr Ester vollkommen Recht, insofern ihr Haupt nickte. Was aber auf dem grund ihres Herzens vorging, mochte sie der freundlichen Wirtin doch nicht entüllen. Sie mochte ihr nicht entdecken, wie Dagobert so ganz der Abgott ihrer Seele geworden, wie sie sich sehne, ihn zu umfangen hier auf der Erde wie jenseits in den Himmeln. Sie mochte ihr nicht gestehen, dass selbst des Vaters Leiden nicht den Sturm in ihrer Brust erregten, als der einfache Gedanke, es möchte dem geliebten Dagobert auf seinem zug ein Leid begegnen. Zerrissen von herbem Kummer, und beseligt von verschwiegener Liebe verschloss Ester den Schmerz und die Lust ihrer Abgeschiedenheit in sich, um flehte täglich zu dem Gott ihrer Väter um die Erfüllung ihrer heissesten Wünsche: um Dagobert's Rückkehr, um Ben David's und Jochai's Befreiung durch des edlen hülfe und Macht, um ungestörte Verborgenheit bis zu diesem ersehnten Zeitpunkte. Diese Verbogenheit aber konnte sie dem Geschick nicht abringen