1827_Spindler_093_164.txt

wüsste nicht, welcher Popanz von Gläubiger mich verklagt haben könnte. In Costnitz hat der Wirt zum Engel mein Kerbholz feierlich zerbrochen, und in allen Ehren auf der Schiefertafel das Zeichen, das mich vorstellte, ausgelöscht. Ich bin frei dort weggegangen wie der Barfüsser, der den besten Schmaus mir mit einem Gratias vergilt. Kleine Lumpereien zu geschweigen, welche einige gemeine Hintersassenseelen allhier von mir zu fordern haben, bin ich ohne alle Schulden, und begreife darum nicht, warum ich in des ehrbaren Herrn Oberstrichters haus meine Schlafstätte aufschlagen soll1. Hier ist ein Irrtum, liebe Herren und Meister."

"Mit nichten, Junker;" erwiderte der Oberst-richter: "Von Eurer gewöhnlichen Krankheit ist diesmal nicht die Rede. Ihr gebt einen sehr unvorteilhaften Begriff von Euerer christlichen Gewissenhaftigkeit, dass Ihr keine Ahnung von dem Vergehen kund gebt, dessen man Euch bezüchtigt. Da sich jedoch Eure Erinnerungen meistenteils nur an Herbergen und Trinktische knüpfen, so brauche ich Euch nur den Wirt zur Traube zu Worms in's Gedächtniss zu rufen, um Euch mit einemmale von Allem in Kenntniss zu setzen." – "Ha! der Schelm!" brausste Gerhard auf: "Ich wollte, ich dürfte bei einem Ringelrennen seinen nichtswürdigen Glotzkopf vom Rumpfe stechen. Der Bursche lügt, wenn er das Kleinste noch an mich begehrt. Hie Paar Turnosen, die ich ihm schuldig wurde, weil er immer doppelt und dreifach in's Holz schneidet, sind ihm längst bezahlt; das will ich durch einen gestabten Eid erhärten und bekräftigen." – "Lass das!" antwortete der Schulteiss verächtlich: "Dass Ihr zahltet, wissen wir. Sagt uns lieber, w i e Ihr bezahlet."

"Je nun," .... hob Gerhard an, und verstummte aber in selbigem Augenblick, da ihm plötzlich der Handel mit dem Juden beifiel. – Der Oberstrichter fiel dagegen siegreich ein: "Da haben wir's. Dieses Stocken verrät den ganzen Hergang. Die Wormser Juden haben Recht, und Junker Gerhard wird sich freisam herausreden müssen, wenn er mit ehrlichem Schild aus dem Gedränge zu kommen Lust hat." – Gerhard nahm mit einer wehmütigen Miene das Schwert von der Hüfte und reichte es wie ein armer Sünder dem Oberstrichter hin. – "Getrenge Herren," stammelte er verlegen: "Eure Weisheit und Gerechtigkeit wird ja wohl einen Fehler von einem Verbrechen unterscheiden." "Nicht alles, was Juden und ähnliche Heiden über einen eifrigen Christen aussagen, ist ein Evangelium. – Ich vermute," fuhr er immer verzagter fort, während seine Zuhörer das lachen verbeissen mussten, – "dass hier von einem gewissen Knaben die Rede werden dürfte, der mir zu Worms plötzlich zu, und noch plötzlicher abhanden gekommen sein soll. Ich kann jedoch einen körperlichen Eid darauf ablegen, dass der verdammte Jude," .... – "hier ist nicht der Ort zu Eurer Rechtfertigung, noch zum Eide," unterbrach ihn der Schulteiss: "Der Oberstrichter wird Euch beides abfordern, wann er es für nötig erachtet. Folgt ihm jetzt." – Gerhard rieb sich ängstlich die Stirne. "Euer Haus, liebster Herr," seufzte er, "ist so nahe am Eschenheimer Turm, dass ich nichts Gutes aus meiner Einkehr bei Euch erwachsen sehe. Und dennochIhr werdet sehenbin ich eigentlich schuldlos. Lasst mich daher zum mindesten im Staat gewahrsam. Ich gebe Euch meinen adlichen Handschlag, durch kein Pförtlein noch Tor zu entwischen." – Der Oberstrichter verneinte. – "Traut Ihr dem Worte eines biedern Edelmanns nicht, so verstattet mir einen Bürgen;" fuhr Gerhard dringender fort. "Mein bester Freund lebt zum Glücke hier, Herr Dagobert Frosch des Schöffen Sohn. Er wird sich für meine Redlichkeit und Haft verbürgen, und mir ein vorteilhaft zeugnis geben können, da, wie mir gerade einfällt, er selbst just bei dieser ganzen Wormser Begebenheit gegenwärtig gewesen."

"Dagobert Frosch?" fragte der Oberstrichter schnell. – "Der junge Mann hat ja überall die hände im Spiel;" setzte der Schulteiss mit Schadenfreude hinzu, und dem armen Gerhard wurde es mit einemmale recht klar, dass er des Freundes wohl zu vorschnell erwähnt hatte. Nun half ihm kein Zögern mehr. Der Schulteiss wiess ihn bloss auf ein aufrichtiges Bekennen an, und, statt auf der Zunftstube Wein und Lob im ungeheuern Masse zu geniessen, musste er dem Oberstrichter ohne Widerrede folgen. Wie ein Sieger war er eingezogen, und sass nun zwischen vier kahlen Wänden. Von einer Säule des Ruhms hatte ihm geträumt, und vor den Gittern seines Fensters streckte sich der Eschenheimer Turm in die Höhe, sein künftiger Aufentalt, wenn Zufall oder Willkür oder Gerechtigkeit seine Lage verschlimmern würden. Von Dagoberts Klugheit allein hoffte er einen Ausweg aus diesem Gewirre von bösen Folgen einer übeln Tat, und darum war bald der Entschluss in ihm fest geworden, den jungen Mann ohne Rückhalt mit in die geschichte zu verwickeln; überzeugt, dass der Verstand desselben gewiss Sieger werden würde.

Fussnoten

1 Des Oberstrichters wohnung war in der Regel das Schuldgefängniss angesehener Leute.

Neuntes Kapitel.

Ein wenig Lieb' ist karg und leer,

Ein wenig Lieb' ist keine;

Viel Lieb' ist eben auch nicht mehr;

Lieb' ist die völlig Eine,

Lieb' ist nicht wenig und nicht viel,

Deine Lieb' ist ohne Mass und Ziel.

St. Schütz

"lebe' wohl,