weil Ihr seinen Wert nicht zu schätzen wusstet." – "Traun, Herr Schulteiss," lachte der Oberstrichter: "ich war all mein Tage ein schlechter und lässiger Dirnenfänger, aber dort sehe' ich, wie mich dünkt, einen ganz andern fisch die Strasse heraufschwimmen, der noch nicht einmal weiss, an welcher Angel er hängt." – Es wälzte sich auch wirklich durch die ziemlich enge Gasse ein Schwarm von Menschen daher mit Sing und Sang und Pfeifenklang, die sich gar fröhlich geberdeten. Zwei Gestalten in buntfarbiger Kleidung, – junge Männer, die ihre jugendlichen Gesichter mit ungeheuern falschen Bärten verziert hatten, – eröffneten den kleinen Zug, lange Schwerter auf den Schultern tragend. Ein Panner- und Schildträger folgte auf sie, und ihnen nach jubelte die ganze Zunft der Harnischer und Waffenschmiede, dem Reiter, der in ihrer Mitte langsam und gravitätisch einherklepperte, ein helles "Lebehoch!" bringend.
"Ist das nicht der von Hülshofen?" fragte der Schulteiss, die Hand vor die Augen haltend, um besser zu sehen. – "So ist's, gestrenger Herr," erwiderte der Oberstrichter: "auf meine Einladung in Euerm Namen kehrt er zurück, und ich gönnte ihm gerne das kurze Festgepränge, das ihm die Waffenschmiede zugedacht, da er in Costnitz durch seine Fechterkunst unsrer Stadt viel Ehr' und Ruhm erworben. An Euch ist es nun, ihm anzukünden, wozu er eigentlich hieherberufen." – "Das geschehe auch auf der Stelle," meinte der Schulteiss, und zog sich mit seinem Freunde an die innere Treppe zurück, da die ankommende Menge schon anfing, die Pforte zu belagern. Mit einem dreimaligen Vivat, dem Kämpfer und der Vaterstadt dargebracht, wurde Gerhard vom Gaule gehoben, und betrat die Schwelle des Heiligtums der Gerechtigkeit. Zu seiner Linken trug man sein Wappen und die Waffenstücke, die er im Rennen zu Dank erhalten; zu seiner Rechten das Panner der Zunft, und die in Turnieren eroberten Stechfähnlein. Mit einer bescheidnen Unterwürfigkeit, aber nicht ohne jenes Selbstbewusstsein, das so gerne dem wirklichen oder Schein-Verdienst entspringt, näherte sich der Fechter dem Vorsteher der Stadt, und empfahl sich seinem Wohlwollen, mit der Bitte, ihm die Ursache wissen zu lassen, die seinen also schnellen Aufbruch von Costnitz nötig gemacht. – Der Schulteiss erwiderte mit Würde: man würde ihm diese Ursache nicht vorentalten, sobald er sein Geleite verabschiedet haben würde. – "Nun, so geht denn hin, ihr guten Jungen;" sprach Gerhard zu den jubelnden Freunden: "Gott hat meinen Einritt gesegnet, und mich mit allerlei Ruhm bekrönt wiederkehren lassen. Eure Freude tut meinem Herzen wohl, aber noch wohler wird meiner dürftenden Kehle der Firnewein tun, den ich von Eurer Freigebigkeit zu erhalten hoffe, gehet darum hin auf Eure stube, und pflanzt die weissen Holzbecher auf, die ich so sehr liebe, und diese Waffen und Fähnlein, die Zeugen der Tapferkeit, mit welcher ich das Ansehen Eurer Stadt in der Fremde behauptete. Mit den gestrengen Herren allhier habe ich noch einige Worte zu wechseln, und dann bin ich bei Euch, ehe Ihr's Euch verseht." – Die Meister der Zunft schüttelten dem erprobten Zecher und Raufer die mächtige Faust, die Gesellen schlugen die kleinen Tartschen und Kolben aneinander, mit denen sie sich der Festlichkeit halber geschmückt hatten. Die Pfeifer bliessen zum Rückzug, und unter gellendem Freudengeschrei wurde dieser auch wirklich angetreten. Gerhard stieg mit den beiden Machtabern die Treppe vollends hinan, und erschöpfte sich in prahlerischen Redensarten, und in der Wiederholung der Grüsse und Freundschaftsversicherungen, welche ihm, seinen Beteuerungen zu Folge, Fürsten und Herren an den wohlweisen Rat von Frankfurt aufgetragen, mit auf den Weg gegeben hatten. In dem Strome seiner langatmigen Rede dahinschwimmend, und wie ein geschickter Schütze immer das vorgesteckte Ziel erreichend, und die Hoffnung berührend, die er auf die bekannte Grossmut und Freigebigkeit des Magistrats gesetzt, bemerkte Gerhard nicht, dass Schulteiss und Oberstrichter hartnäckig schwiegen, und kein Wörtlein auf all diese zudringlichen Höflichkeiten zu erwiedern Lust hatten. Da aber die tür des Schöffengemachs hinter ihnen zugefallen war, und Gerhard sich noch immer vergebens nach einem freundlichen gesicht umsah, statt dessen jedoch nur zwei ganz ernstafte vor sich erblickte, wurde ihm anders zu Sinne. Er schwieg ebenfalls, und manche längst vergessene Schalkheit, für die er jetzt zur Verantwortung gezogen zu werden befürchtete, drang sich seiner Erinnerung auf; indessen glaubte er aus allen Himmeln zu fallen, als ihn der Schulteiss folgendermassen anredete: "Herr! Ihr habt Euch zu Costnitz gehalten wie ein Mann; glaubte ich nicht den Berichten der dort anwesenden Schöffen, ich müsste es Euerm ruhmredigen Mund unbedingt glauben; allein nicht um Eurer Taten willen belobt zu werden, wurdet Ihr zurückberufen, sondern um Rechenschaft zu geben von einer Handlung, die sich eben so wenig mit Euerm Wappen, als mit Euerm Stand als Dienstmann dieser reichsfreien Stadt verträgt. Darum werdet Ihr Belieben tragen, Eure Wehr an den ehrbaren Herrn hier zu meiner Seite abzuliefern, und in seinem haus für's Erste ritterliche Haft Euch gefallen zu lassen. Von Euerm Benehmen und Euern Geständnissen wird es abhängen, ob Ihr daselbst verbleiben dürft, oder härtern Gewahrsams schuldig seid."
Der Edelknecht stand verblüfft, und spielte in seiner Verlegenheit mit dem Wehrgehänge. "Gestrenger Herr," versetzte er endlich: "Gott der Herr behüte meine Ohren; ich fürchte aber, sie haben falsch gehört. Ich