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. – "Schändlich!" jammerte der trostlose Vater: "Ich bin Preis gegeben dem abscheulichsten Meuchelmord, und weiss es nicht, in welcher Hand der Dolch mich bedroht." – "Das Mittel, hell zu sehen," fuhr der Oberstrichter fort, "wäre, der Anklage freien Lauf zu geben, die ich gegen Euer Weib verhängen will, und die das geständnis des Juden bekräftigen muss. Die Wahrheit muss alsdann durch Gottes Fürsicht an den Tag kommen." – "Nimmermehr;" erklärte Dieter mit schneller Fassung: "nicht also beschimpfe ich selbst mein Haus. Das Weib, das ich einst liebte, sollte ich der öffentlichen Schande Preis geben, einem schmählichen tod überliefern? Nein! ich will nicht klagen, und verbiete Euch, es zu tun. Ich werde die Sünderin von mir entfernen, über als eine letzte Gnade empfange sie ihr Leben von mir." – "Ihr seid die Milde selbst," äusserte der Oberstrichter: "ich weiss jedoch nicht, ob ich Eurer Barmherzigkeit werde willfahren können. Des Schulteissen Befehl dürften ..." – "Der Schulteiss wird nicht als Kläger auftreten können, so lange ich schweige," versetzte Dieter heftig. – "Wohl und recht;" sprach der andre nach einer Weile: "erlaubt jedoch, dass ich Euch auf eine Pflicht aufmerksam mache, die Ihrböslich, will ich nicht glaubenaber lässig zu übersehen scheint." – Hiemit ging der Oberstrichter nach der tür, sah behutsam hinaus, ob Niemand um die Wege, kehrte dann zurück, und zog Margaretens Gatten in die Ecke. "Euer Sohn," sprach er, "hat ein gewaltig Ärgerniss gegeben, und seine Vergehen sind weltbekannt. Er hat geschändet Euer Haus in sträflichem Bunde mit Eurem weib; er hat entehrt Euern Stamm, der einen wilden Zweig in seiner edlen Krone trägt. Er hat höchst wahrscheinlich einen Mörder gedungen gegen Euch; er hat das richterliche Amt verletzt auf öffentlicher Strasse, eine schlechte Judendirne verteidigend; er lebt, nach wohlverbürgten Angaben in Buhlerei mit dieser Jüdin, deren Schlupfwinkel die Gerechtigkeit nur zu erfahren strebt, um ihr den wohlverdienten Lohn werden zu lassen. Blutschande, Verletzung kaiserlicher Majestät, Mord, Abfall vom christlichen Glauben nennt man obige Vergehen. Ihr hemmt den Arm der öffentlichen Rechtspflege; aber die Sünde soll nicht ungestraft bleiben, da auch im Verborgnen gerichtet wird unter dem höchsten Königsbann. Ich frage Euch also, Dieter Frosch, Schöppe der heimlichen beschlossenen Acht, ... was werdet Ihr tun?" – Dieter fuhr heftig zusammen, und musste sich an dem Gesimse anhalten, um nicht hinzusinken. Der Oberstrichter raunte ihm hierauf in die Ohren: "Denkt Euers Eides, und Eurer frei-kaiserlichen Schöppenpflicht. Einmal habe ich gewarnt. Ich tue es nicht das zweite Mal. nächsten Dienstag wird gehegt, und der Stuhl erwartet Eure Klage." – "Um Gott!" seufzte Dieter: "Dieses Grässliche hat mir nicht geahnt. Um des Heilands willen! eben so gut hätte ich meinem Sohne, der doch mein Fleisch und Blut bleibt, den Dolch in die Brust stossen können, dennmuss ich dort klagen, ist er ohne Gnade dahin." – "Ertapptet Ihr ihn auf handhaftiger Tat, so wär's an Euch, in des Königs Namen zu richten;" versetzte der Oberstrichter kalt: "verbessert jetzt Euern Fehler. Die Pflicht ist schwer, ich geb' es zu; aber eines echten Freischöffen schwerste Pflicht ist seinem Eide etwas Leichtes. Lebt wohl, Bruder. Gedenkt Euers Schwurs." – Der Oberstrichter überliess den Altbürger seinen Betrachtungen, wie unerbittlichen Henkern ein vergebens widerstrebendes Opfer.

Da nun der ehrbare Herr sich dem rataus näherte, sah er an dessen Pforte den Schulteiss stehen, im vertraulichen gespräche mit Zodick, den er jedoch bald entliess, da er des Oberstrichters ansichtig wurde. Der Letztere säumte nicht, seinem gönner und Freunde zu berichten, dass durch seine Bemühungen alles Verdächtige in Dieter's haus sich zu entwickeln im Begriffe stehe. Der Schulteiss lächelte freundlich bei dieser Kunde. – "Recht, mein guter Herr und Freund;" sprach er: "hier gilt es viel zu tun für Euern Eifer, das Böse, das sich halsstarrig Euerm Falkenblick zu entgehen strebt, an's Tagslicht zu ziehen. M i r , " setzte er lächelnd hinzu: "mir ist das Glück nicht so günstig. So oben benachrichtigt mich der getaufte Jude, dass es ihm noch nicht gelungen, den Aufentalt Ester's auszuwittern, und ich darf Euch versichern, dass ich des Geldes nicht schonen würde, ihn zu entdecken." – Der Oberstrichter wiegte achselzuckend den Kopf. "Ich konnte nicht wissen," entgegnete er, "dass die armselige Jüdin Euch es angetan. Ich hätte sie wahrlich nicht so wohlfeilen Kaufs damals entkommen lassen." – "O, Ihr wisst nicht, was schön ist!" versetzte der Schulteiss seufzend: "Das verwilderte Gesicht eines Mörders, der schon Jahre lang in Euern Kerkern modert, hat der Reize mehr für Euch als die Rosenwangen des schönsten Frauenbildes. Schafft mir diejenige wieder, nach deren Besitz ich mich unaussprechlich sehne, und verlangt von mir, was Ihr wollt. Mein schöner flossreicher Weiher am Feldberg hat Euch beständig so wohl gefallen. Er ist Euer mit all seinen Fischen, für das einzige Fischlein, das Ihr aus dem Netze liesst,