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nicht gern gesehen ist, wird das Kind verachtet;" schaltete er bitter ein, und endigte mit dem Versprechen, der Zofe und dem Töchterlein mit dem nächsten Tage eine Zuflucht anzuweisen, in welcher sie die Befreiung der Mutter zu verbleiben hätten. – Die Zofe schwieg gehorsam; in ihren Augen war jedoch ein gewisses Staunen nicht wohl zu verkennen, da Dieter ihr das Mägdlein hinreichte, das sich mit dem Schmeichelworte: "Ach, Du liebe Gundel! Du bist da?" an der Errötenden Brust schmiegte. "Sieh da, Agnes, Du hier?" entgegnete der Mund der letzteren endlich, und nachdem sie noch einige fragen des Altbürgers, die er, geflissentlich den Aufentalt im Wiesbad und die geschichte des Kindes umgehend, über einige Umstände des Raubes auf der Heerstrasse an sie richtete, beantwortet hatte, ging sie stille und demütig mit der müden Agnes hinweg.

Dieter sass lange da, und konnte des Grollens in seiner verwundeten Brust nicht Herr werden. Der Groll wich endlich auf kurze Weile, und ein unsäglicher stummer Schmerz trat für ihn ein. Der Gedanke, von Weib und Sohn sich verraten, von der tugendhaft geglaubten Wallrade entehrt zu sehen, presste dem alten mann dicke Tropfen der innersten Marter aus den Augen, und in solcher Niedergeschlagenheit fand ihn der Oberstrichter, welcher plötzlich in dem Gemache erschien. Der Eintritt desselben machte keinen unangenehmen Eindruck auf den Leidenden. In einer nicht unbedeutenden Reihe von Jahren durch die Geschäfte des krieges und des Friedens verbunden, hatten sich beide einander freundschaftlich genähert, ohne innige Freunde geworden zu sein. Der Oberstrichter, dessen grösster Fehler ein Jähzorn war, leicht zu wekken, schwer zu besänftigen, hatte keinen Grund gehabt, Dietern gehässig zu sein, und dieses letztere Misstrauen, von des höfelnden Schulteissen Bewerbungen um Margaretens Gunst aufgereizt, hatte den für Frauen nicht empfänglichen Oberstrichter unverwehrt dann und wann das Haus besuchen lassen. Sogar der verdriessliche Auftritt mit Dagobert auf Limpurg hatte Dieter nicht von dem Richter entfernt, obschon der letztere unverholen auf des Schulteissen Seite gewesen. Gewohnheit hatte sie, die beide gegen Dagobert grollten, zusammen gehalten. Auch heute reichte Dieter dem gast die Hand zur stummen Begrüssung. – "Gott walte im haus!" sprach der Oberstrichter: "Vergebt, Alter, dass ich einbreche wie ein Kundschafter. Von Eurer Wallrade ist noch keine Spur zu finden, und der Stadtauptmann in Verzweiflung, Euch nicht kräftiger dienen zu können. Die Aussagen des Knechts reichen nicht hin, und nicht die der Zofe, wie ich vernehme. Beide wissen nur, dass die Veste, in welche man sie geschleppt, weit von hier liegen muss, und aussieht wie ein jedes Schloss im inneren auszusehen pflegt. Man muss von der Zeit erwarten, was sich jetzt nicht fördern mag. Ein ander Geschäft bringt mich hieher. Ich suche Vollbrecht, Euers Sohnes Knecht. Sein ehemaliger Herr ist in den Handel des Juden verwickelt, und am Ende weiss der Knecht mehr davon, als wir alle." – "Vollbrecht ist mit Dagobert auf die Streife gezogen," erläuterte der Altbürger. – "Hm!" brummte der Oberstrichter: "da werden wohl beide nimmer heimkehren. Euerm Sohne ist's schwerlich Ernst, die Schwester aufzusuchen, deren gefängnis ihm bekannt genug sein mag. Und das böse Gewissen wird schon das Übrige tun. Ich bedaure Euch, alter Freund, Ihr habt keine Freude an dem Erben Euers Namens, denn ... was den Johannes betrifft ...." – "Schweigt um's Himmelswillen!" unterbrach ihn Dieter: "Schmerz und Zorn zersprengen mein Herz. Nicht der leiseste Zweifel bleibt mir mehr. Diess sei Euch genug. Mein lasterhaftes Weib ist aus meiner Liebe gestossen, wie ich es schon aus meinen Armen stiess." – "Und dennoch wollt Ihr nicht glauben, was die ganze Stadt glaubt;" erinnerte der Oberstrichter: "das Laster geht riesengross einher, sobald man es nicht im Wachstum tödtet. Glaubt mir; Ben David wollte Euch erwürgen; Ben David wurde dafür von Margareten gedungen. Schüttelt nicht das Haupt. Die Zeit trifft zusammen. Eitel, euer Knecht, glaubt in jenem mann, der bei Nachtzeit aus dem haus schlich, den mit Geld beladnen Juden entdeckt zu haben. Dagobert hatte dazumal schon den Freibrief von dem Papste erwirkt; Dagobert sollte zurückkehren. Gatte und Vater war im Wege." – "O dass ich es glauben muss!" seufzte Dieter trostlos: "aber, hörten meine Ohren nicht selbst, wie die Sünderin ihrem Buhler die Rettung des Juden so dringend empfahl? Warum, wenn nicht ....?" – "Hört ferner:" fuhr der Oberstrichter fort "In unserm Turme liegt ein junger Bube, ein angehender Helfershelfer der Blutzapfer; ein Lehrling des Webergesellen Borames. Ein einzigmal ist der Bube in der Mörder Genossame gekommen, ohne, wie er schwörteinen einzigen derselben zu kennen, noch den Ort wieder bezeichnen zu können, an den er damals in einer Schneenacht geführt worden. In jenem Mordwinkel jedoch, behauptet er gehört zu haben, dass ein Ritter mit dem Juden einen Handel abgeschlossen, Euch aus der Welt zu schaffen; um zehn Pfund heller glaubt er, seiet Ihr verkauft worden." – "O der Niederträchtigkeit!" rief Dieter empört: "und dieser Ritter ....?" – "Dagobert oder Euer Schwager von Leuenberg;" antwortete der Freund achselzuckend