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die dreihundert fünf und sechzig Verbote, denen ich mich musste unterwerfen, da ich wurde im dreizehnten Jahre meines Lebens ein Ban Mitzra, das ist: ein Sohn des Gesetzes. Ich habe mich gewöhnt, aufzuzeichnen und zu behalten im kopf alle glückliche und unglückliche Tage meiner Jahre. Der glücklichen hatte ich wenig aufzuzeichnen: der unglücklichen jedoch zu behalten viele, denn ich bin ein schlechter Jude." –

"Was soll das Gewäsche?" fragte der Oberstrichter barsch: "Spare die erheuchelnden Tränen für die Folterbank und den letzten gang, elender grauer Dieb. Was hast Du noch vorzubringen? Kurz; sage ich Dir."

"Ich werde sein schnell zu Ende;" antwortete Jochai, mit schmerzlichen Lächeln in die hände hauchend und über seine nassen Augen fahrend. "Ich will nur reden von der Zeit gestrenger Herr, da Ihr noch wart ungeboren, Euer Vater ein Knabe noch beinahe, und Euers Vaters Vater noch ein rüstiger Mann. Herr, ich habe erlebt, was sich jetzt noch die Enkel des damaligen Geschlechts erzählen mit behaglichem Grausen. Herr, ich war schon gewesen ein Mann von vierzig Jahren, da des hochseligen Kaisers Carl IV. Majestät genau drei Jahre am Regiment gewesen, und da wir zählten das fünftausend einhundert und neunte Jahr der Welt, in welchem man allentalben begann, die Juden zu schlachten, weil sie vergiftet haben sollten die Brunnen, verzaubert das Vieh und herbeigeflucht die grosse Pest. Mir gedenkt's wie der Tag von gestern, da das Gemetzel losbrach, hier zu Frankfurt, als die Geissler eingezogen waren mit Fahnen und Kerzen, und den vielen Bildern des gekreuzigten Mannes." – "Der Heiland!" verbesserte der Oberstrichter finster; unterbrach jedoch, mit einer Art von Teilnahme sich vorlehnend, den Greis nicht, so sehr auch der Schreiber, den die anhebende Erzählung langweilte, mit ungeduldiger Geberde zum unterbrechen mahnte. –

"Die Geissler haben gesungen durch die Strassen: Ach, so hebet eure hände, dass sich doch das Sterben wende!" fuhr Jochai fort: "Mittlerweile aber sie sich die rücken zerfleischten, und den Staub der Gassen düngten mit ihrem Blute, ist ein Feuer ausgebrochen, und weh! weh! in der ganzen Stadt gerufen worden. Unfern von unsrer Gasse war durch Nachlässigkeit oder vorsetzlichen Frevel der Brand aufgegangen. Ich stand gerade fertig, um über Land zu gehen, und zu holen mein Weib, dass heimgesucht hatte seine Eltern über dem Rheine. In meiner Mutter stube stand ich, da die Glocken anfingen zu wimmern, und das Getöse überhand nahm in den Strassen. Die arme alte Frau von siebzig Jahren, erblindet durch die Mühen des Gerwerbes, erschrack zum tod, und schickte mich fort, zu sehen, was es gabe. Ich lief, ich schrie, ich entsetzte mich." "Die Juden haben den Brand gemacht!" schrieen die rasenden Geissler auf den Gassen: "Wir haben's gesehen! Sie haben geschossen mit feurigen Pfeilen aus dem haus zum Storch nach dem rataus! Und das Volk schrie nach, und dürstete Rache, und brach ein in die Häuser, die Geissler beständig voran, die raubten und sengten und metzelten. Herr! da kam ich heim, vor Angst und Ermattung halbtodt, um zu retten die blinde arme Mutter." Die war in ihrer Herzensnot herausgegangen zur stube, und hatte sich zur Treppe gefühlt, war aber gestiegen hinauf, statt hinunter, und also geraten auf den Speicher, wo nebenan des Nachbars Haus brannte lichterloh. Und ich stand vor'm haus, und konnte nicht hinein, weil alles voll Plünderer wogte, und sah die liebe Frau, die mich geboren, am Giebelfenster stehen, wie sie die hände rang und hinausrief in die Flammen, die sie nicht sah: "Sohn! Sohn! Jochai! Sohn Davids! wo bist Du? verlass mich nicht!" Ich sah endlich, wie die Räuber zu ihr hinaufdrangen, und konnte, selbst geschlagen und misshandelt, nicht herzu. "Heule nicht! Judenvettel!" donnerte der Verzweifelnden ein Mann zu, erhitzt von Wut und angetan mit Grausamkeit: "Dort ist Sein Sohn! fahr gesund zum Teufel!" Und in die Flammen des Nachbarhauses flog die Blinde. "Auf ihrer Asche sei der Friede!" –

Eine tiefe Stille folgte dieser Erzählung Jochai's. Der Oberstrichter starrte ungewissen Auges zu dem Gitter des Fensters empor; sprach aber keine Sylbe. Da schloss Jochai also: "Die Blinde, Herr, ist gewesen meine Mutter, und, der sie in das Feuer warf, Euer Grossvater, Herr. Ich kenne demnach, was ein Jude zu gewärtigen hat von Euerm Geschlecht, und Ihr habt ein Pfand, dass ich nicht bin so vergesslich, als Ihr glaubt. Was der Grossvater übrig gelassen, mag nun verderben der Enkel."

Der Oberstrichter schwieg noch immer mit äusserst nachdenklichem gesicht. Er rieb sich heftig die Stirne, zog die Augenbraunen zusammen, und hing an einer unangenehmen Erinnerung. "Du bist also ...?" fragte er mit einemmale, wie bewusstlos, unterbrach sich aber schnell, und wendete sich zu dem Schreiber. "Ich bedarf Euers Diensts nicht;" sagte er: "Geht, und nehmt diesen Alten mit Euch. Der Turmwächter soll ihm ein luftigeres und reinlicheres gefängnis geben, und ihm förder die Ketten nicht mehr anlegen."

Der Schreiber winkte dem staunenden Jochai, auf den