1827_Spindler_093_153.txt

"Diese Dirne ist Ester! Gott segne sie dafür im Reiche des Messias!" stammelte Jochai unter Freudentränen.

"Hm!" grunste der Knecht: "Eine Jüdin ist das Mädel nicht, denn es trägt ein Kreuz am Halse; aber hässlich ist sie dafür, dass es alle Tage in eure Sippschaft gezählt werden könnte." – "Also Ester ist's nicht!" seufzte Ben David, und sah kummervoll zu Boden.

"Wie kommt die Barmherzigkeit in die Seele der Tochter aus Edom?" murmelte kopfschüttelnd der Greis. – "Wo mag wohl hingekommen sein mein Kind?" fuhr Ben David fort, und lehnte sich trostlos an das mit Gittern von innen und aussen verwahrte Fenster.

Einer Glocke Schall rief den Wächter hinaus. Ben David und sein Vater sahen mit gespannter Erwartung nach der tür, ob nicht der angekündigte Besuch hereintreten würde. Endlich erklangen Stimmen und Tritte, und der Wärter trat wieder ein, – hinter ihm Zodick. Die Blicke der Juden wendeten sich voll Abscheu von dem Abtrünnigen, dessen Züge einen sonderbaren Ausdruck von Wildheit, Ängstlichkeit und verstellter Teilnahme angenommen hatten. Auf einen Wink von ihm trat der Wächter ab. "Ben David und Jochai," sprach der Convertit ernst und bedächtig: "Ich habe ein Wort mit Euch zu reden, gewichtig für Hunderte." – "O, dass Dich doch Deine Mutter geboren hätte stumm!" eiferte Jochai in kaum verhaltenem Groll; Ben David schwieg aber finster und erwartungsvoll. "Der hochgelobte Gott weiss," fuhr Zodick leiser fort, "wie schwer mir's ist geworden, aufzutreten als Werkzeug seiner Vergeltung. Ich habe doch mit ihm gerungen, wie einst der Erzvater in dem land jenseits des Meeres. Aber des barmherzigen und zornigen Herrn Wille geschieht in Ewigeit." – "Lästre nicht den Herrn," ermahnte Ben David: "Du bekleidest ihn mit Schande durch Deine schändliche blutgierige Lüge, die uns bringt in des Henkers Hand." – "Scheltet mich immer einen Lügner," erwiderte Zodick: "beweisst aber, dass ich es bin." – Ben David zeigte ruhig gegen Himmel. – "Auf Erden will man Schwarz auf Weiss, oder einen besiebneten Eid;" versetzte spöttisch Zodick: "und mein Schwur würde allenfalls höher gelten, als der Eurige." – Er zeigte auf das Kreuz an seinem Wamms, und Jochai, durch diese Geberde ausser sich gebracht, hätte einen Schlag dagegengeführt, wenn ihn nicht sein Sohn zurückgehalten. "Was tust Du, Raaf?" schrie er dem zornentflammten Greise zu, während Zodick ihn höhnisch angrinste. "Lass ihn doch," sprach dieser: "lass ihn, Ben David. Es gäbe noch eine Klage mehr von Gotteslästerung und Kreuzentweihung. Die Sünde häuft sich ohnehin auf Eurem Kopf, ohne dass ich etwas tue dazu. Der Halsschmuck, den man gefunden in Eurem Keller .... er hat gedibbert wie eine Elster, und euch genannt Hehler und Stehler von der Blutzapferrotte. Verraten ist es durch aufrichtigen Bericht der Judenschaft zu Worms, die immer offen handelt und ehrlich gegen die von Gott eingesetzte christliche Obrigkeit, dass Du, Ben David, daselbst den Buben gekauft, den Ihr so schmählich ermordet habt. Der Rittersmann, dem Du das Knäblein abgeschachert, ist gar wohl bekannt, und wird Euch Verstockte bringen zum geständnis. Ihr seid verloren, und mir blutet das Herz als Mensch und als Christ, denn der Gott, den ich jetzt habe erkannt, will nicht, dass der Sünder sterbe, wie ihn sterben lässt das Gesetz." – Ben David und Jochai, obgleich von Zodick's unheildrohender Rede erschüttert, warfen ihm einen blick der Verachtung zu, und schwiegen. – "Rechnet es daher meiner Erbarmniss zu Gute, fuhr der Heimtückische fort, dass ich jetzt komme zu euch, ein Bote der ewigen Milde, des Fürsten der Barmherzigkeit. Zwei Wege tun sich vor euch auf, zum Leben. Schon mancher Jude hat sich gekauft los vom Scheiterhaufen und dem Strang. Versucht auch i h r das Mittel. Vertraut mir, wo Ihr vergraben Euer Geld, denn des Silbers wenig hat man gefunden bei Euch. Hab' ich Euch gebracht in Babylon durch des hochgelobten Gottes Fürsicht und Wille, kann ich Euch auch bringen wieder heraus durch die Kraft der Masumme, der die Gojim selten widerstehen." – "Deine Mitbrüder willst du sagen, abscheulicher Mancher!" schalt Jochai, dessen Gesicht sich bei der blossen Erinnerung an Zodick's Übertritt krampfhaft verzog. Der Gescholtne mass den Zürnenden mit den frechen Augen, und wendete sich alsdann wieder mit fragendem Blicke zu Ben David. Dieser, nachdem er den Vater durch eine bittende Geberde veranlasst, Ruhe zu halten, sprach nicht ohne Bewegung. "Jetzt erst gibt sich bloss der Heisshunger des Gerichts und der Deine nach meinem Golde und meiner andren geringen Habe. Aber eben so wenig, als mich werden vermögen die gräulichsten Martern zu bekennen eine Sünde, die ich nicht begangen, eben so wenig soll mich überreden Deine Zunge, dir des Sammaels, zu bezeichnen den Ort, wo ich vergraben und verborgen, was mein ist. Was Wert hat an Silber und Gold und Edelstein, ist uns teuer, denn davon leben wir armes, verachtetes Volk. Edom würde uns ja missgönnen die Luft, so wir atmen, hätten wir nicht Stein und Metall, seinen Lüsten zu fröhnen. Darum verteidigen