liess ich ihn denn in Ruhe, weil ich mit dem Gesindel barmherzig bin, da man nicht weiss, wo man einmal eine Kutte brauchen kann. Bauer, Mönch und Fuhrwerk hab' ich unten im Stalle eingesperrt, und meinen Knecht als Wache zurückgelassen, damit die geschichte nicht in der Stadt verträtscht wird. Den wunden Gaul mach ich Dir zum Geschenk, Veit, und dem Bauer wollen wir unterwegs schon wieder ein andres Pferd schaffen."
Die Muhme versicherte, dass sie nun noch einmal so gern die Fahrt mitmache, da ein Gesalbter des Herrn ihr Nachbar sein würde, hängte den vergessnen Rosenkranz an die Hand, das kupferne Kreuz an den Hals, und forderte nun die Männer auf, zu gehen. – Veit nahm den Falken auf die Faust, und warf noch einen blick in dem Gemache umher. "Habt Ihr die Truhe verschlossen, Muhme?" fragte er dann leise: "habt Ihr das Eisengerät wohl verwahrt, das ich neulich heimbrachte, und die Gefässe, die vor Kurzem aus der Marxkapelle.abhanden gekommen sind?" "Alles ist wohl verwahrt, Neffe," erwiderte Petronella, indem sie das Gemach nach den vier Weltgegenden mit Weihwasser besprengte, das an der tür hing: "Gott und seine Heiligen werden in unsrer Abwesenheit unsre stille Klause wohl bewahren." Damit liess sie das Schloss zuschnappen, und hinkte den Männern nach, belastet mit Katze und Bündel. Veit hatte indessen dem Nachbar Jost die Aufsicht über seinen kleinen Palast empfohlen, und einen Sattel von ihm geliehen, ein, dem Nachbar, dessen Pferd erst kürzlich gefallen, sehr entbehrliches Gerät.
Des Leuenberger's Klepper wurde geschirrt, Petronella auf denWagen neben den in seine Kaputze verhüllten Mönch gehoben; die edlen Herren sassen zu Pferde, des Hornberger's Knecht auf dem Hinterteile des Karrens. Die Fenster und Pforten der angränzenden Burgwohnungen waren von den edlen Ganerben und ihren Sippschaften besetzt, die teils lachend auf das schlechte Fuhrwerk blickten, teils den Leuenberger beneideten, der trotz seiner, der Ihrigen nichts nachgebenden Armut zu fernen Festlichkeiten auf so viele Stunden weges abgeholt wurde. Der arme Fuhrbauer warf noch einen trüben blick auf den verletzten Gaul, der in einem fremden Stalle zurückbleiben musste, um wohl nimmer zu seinem Herrn wiederzukehren. Dann schwang er mit einem Seufzer und abgewandtem gesicht die Peitsche; das dienstbare Ross zog an; der Bullenbeisser bellte, und fort gings, wie auf einer Rennbahn.
Siebentes Kapitel.
Ach, dass die hülfe aus Zion über Israel
käme, und der Herr sein gefangen Volk
erlöste! So würde Jakob fröhlich sein,
und Israel sich freuen!
Psalm Davids.
Schlösser und Riegel klangen. Eine helle stube tat sich auf. Die Augen der Gefangenen die hineingelassen wurden, zogen sich zusammen, ob der ungewohnten klarheit. –
"Was sollen wir hier?" fragte Ben David den Schliesser, der beiden wenigstens die Schellen an den Händen abnahm. – "Wem haben wir zu verdanken die Woltat, wieder beisammen zu sein?" setzte Jochai hinzu, und rieb sich den Arm, wo die engen Ketten gesessen hatten. – "Werdet's schon sehen!" brummte der Wärter entgegen: "Ihr werdet heute mancherlei Besuch haben, den man nicht in euer Verliess führen kann." – Eine lange Stille folgte, während welcher der Wächter sich auf einen Schemmel setzte, und die Juden sich forschend beobachteten. "Dürfen wir denn miteinander reden?" erkundigte sich Jochai demütig. – "In Gottesnamen;" erwiderte der Wächter: "der ehrbare Herr Oberstrichter meint, es könne auf jeden Fall brennt man Euch zu Asche." – Eine Bewegung zaghafter Angst konnten die Gefangenen bei dieser rohen Rede nicht unterdrücken. Ben David fasste sich jedoch zuerst, und ging auf den bleichen Vater zu: "Wie geht Dir es Vater?" fragte er in dem Dialect, der, aus hebräischen und deutschen Worten zusammengesetzt, für den Zuhörer von Amtswegen, beinahe unverständlich war. – "Frage die im Moor verdorrende Weide;" antwortete Jochai schmerzhaft: "Die Lampe brennt aus allmählich, und bald werde ich liegen in dem angstvollen Zustande, wo die Seele unstät umherläuft durch alle Glieder und zittert vor der Nähe des Todesengels. O Sohn! Sohn! Dein Eigensinn und Starrmut wird mich von der Welt bringen, dessen Liebe Dich zur Welt brachte." – Ben David rieb sich bekümmert die Stirne. "Es ist beinahe verflossen eine Woche ...." sprach er wie verloren vor sich hin: "keine Kunde doch von Ester und ihrem Auftrag. – Weisst du nichts von dem kind?" – "Der Wärter hat mir zweimal Wein gebracht;" antwortete Jochai: "Gewiss hab' ich nur Ester's Liebe verdankt diese Stärkung."
Ben David wendete sich an den Kerkerknecht: "Guter Mann," sagte er: "wisst Ihr uns nichts zu sagen von Ester, unserm Kind? kommt sie noch wohl wie früher täglich an die Pforte, und fragt nach ihrem Vater und dem Greise Jochai?" – "Was weiss ich?" polterte der Wärter: "Ich hätte viel zu tun, wollte ich auf all die Leute merken, die mir Jahr aus Jahr ein die Ohren voll jammern und heulen. Ihr Gesindel bekümmert euch wenig um die, die im Pfeffer sitzen. Eine Dirne ausgenommen, die ein Paarmal Wein für den Alten brachte, hat Niemand nach Euch gefragt." –